Wir stehen vor dem vorletzten Tag unserer Rundreise durch Israel und Palästina. Das Programm ist gewaltig: Die Fahrt wird uns zum ÖLBERG und anschließend nach Bethlehem führen. Wir werden also die wichigsten Heiligtümer der Christenheit besuchen.... neben der Grabeskirche.
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Der Bus setzt uns zunächst vor dern PATER-NOSTER-KIRCHE (Vaterunser-Kirche) ab.
Sie befindet sich auf dem Ölberg an der Stelle, an der Jesus Christus seine Jünger das Vaterunser-Gebet gelehrt haben soll und verschafft uns bereits zum Anfang einen herrlichen Ausblick auf die Altstadt Jerusalems. An den Wänden der Vorhalle und des Kreuzganges sind Majolikaplatten mit dem Text des Vaterunsers in über 80 Sprachen angebracht; den deutschen Text findet man im südlichen Kreuzgang....
Überraschend für uns: auch plattdeutsch

und in einer Version für Helgoland kann das Vaterunser gebetet werden.
Wir gehen die Jericho-Straße zur DOMINUS- FLEVIT-Kirche, d. h. „Der Herr weinte“. Hier vergoss Jesus Tränen, weil er die Zerstörung der Stadt vorhersah (Luks 19, 41-44). Bereits im 5. Jahrhundert stand hier eine Kapelle.
Rechts lassen wir dann die prunkvolle, russische Kapelle St. Maria Magdalena liegen (ohne Besichtigung), um zum GARTEN GETHSEMANE zu kommen, wo Jesus von Judas verraten wurde. Wir betreten ein ehrwürdiges Stück Land, in dem unser Herr Jesus auf seinem Leidensweg darum gerungen hat, den Willen des Vaters hinsichtlich seines Geschicks deutlich zu erkennen und auch zu befolgen.
Die acht uralten Olivenbäume, die hier stehen, gelten als direkte Nachkömmlinge der Bäume, die zur Zeit Jesu hier standen. (Olivenbäume können zweitausend bis dreitausend Jahre alt werden. Da aber die Römer zur Zeit der Belagerung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. alle Bäume in der Umgebung Jerusalems abgeholzt haben, könnten die jetzigen Olvenbäume aus den Wurzeln der Bäume neu ausgeschlagen haben, die zur Zeit Jesu da standen.)
Nach Matthäus 26,36-46 hat Jesus von Nazareth an dieser Stelle im Bewusstsein des Bevorstehenden gebetet, bevor er von Judas Ischariot verraten wurde.
Angrenzend an den Garten Gethsemane wurde unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg zwischen 1919 bis 1924 mit Geldern aus zahlreichen Ländern eine Kirche erbaut.
Daher rührt auch der Name KIRCHE DER NATIONEN. Das Wappen jedes der beteiligten Länder ist in einer eigenen Sektion an der Decke der Kirche zu finden.
Weiter auf der Jericho Straße gelangen wir zum MARIENGRAB und zur Verratsgrotte. Die griechisch-orthodoxe Kirche am Mariengrab wurde zuerst im 5. Jahrhundert über einer Grabstätte errichtet, die als das Grab von Maria, der Mutter Jesu gilt, in dem sie einige Tage bis zu ihrer Himmelfahrt gelegen habe soll.
(Wenn aber Maria, wie es gut bezeugt ist, nach Jesu Tod und Auferstehung mit dem Jünger Johannes in Ephesus gelebt haben sollte, ist es dann wahrscheinlich, dass sie von Kleinasien zur Beerdigung nach Jerusalem überführt wurde? Wie dem auch sei, an diesem Ort wird seits Alters der Maria gedacht.)
Zudem werden dort die Gräber ihrer Eltern Joachim und Anna und ihres Mannes Josef gezeigt. Neben dieser Kirche befindet sich die Verrats-Grotte der Katholiken, in der die Festnahme Jesu geschehen sein soll.
Mit Bus und zu Fuß ging es den Palmsonntagsweg hinunter, der durchs KIDRON-TAL bis zum Löwentor führt.
Ein Teil des dem Ölberg gegenüberliegenden Berges jenseits der Stadtmauer des alten Jerusalem wird seit alter Zeit als FRIEDHOF genutzt. So gibt es aber auch einen christlichen Teil, einen katholischen Friedhof, auf dem Oskar SCHINDLER beigesetzt ist, der 1200 Juden gerettet hat. Sein Grab haben wir ebenfalls besucht.
Danach fuhren wir über die Grenze nach BETHLEHEM, das ja bekanntlich unter palästinensischer Verwaltung steht. Wir wurden angesichts der meterhohen Grenzmauer mit der politischen Realität konfrontiert. Eine Abwehr terroristischer Anschläge ist sicher berechtigt. Kann aber eine Mauer Frieden bringen, wenn letztlich nur wechselseitiges Verständnis, Kompromissbereitschaft und Bereitschaft zur Versöhnung langfristig zum Frieden führen können? Warum haben Palästinenser deutlich längere Wartezeiten an dieser Grenze als Juden? Warum wird durch ein unverständliches Mauersystem die Kommunikation von palästinensischen Familien, die gar nicht weit voneinander wohnen, unendlich erschwert?
In glühender Mittagshitze kamen wir in der Geburtsstadt Jesu an.
Man erreicht die Geburtskirche

über Stufengänge von der Nord- und Südseite sowie die Geburtshöhle, die sich in einem rechteckigen, nachträglich erweiterten und ausgebauten Raum befindet. Die Stelle, an der Jesu geboren sein soll, ist heute durch einen silbernen Stern markiert. Dieser Stern hat vierzehn Ecken, gemäß den je vierzehn Generationen von Abraham bis David, von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sowie von der babylonischen Gefangenschaft bis Jesus Christus (Mt 1,1-17).
Originell ist die verkleinerte, 1,20 m hohe Pforte zur Geburtskirche, die man nur in gebückter Haltung betreten kann. Sie wird daher auch "Demutspforte" genannt. Damit sich auch unsere Reisegruppe auf den Weg der Demut begibt bzw. auf ihm fortschreitet, haben wir neben der Demutspforte ein Gruppenfoto machen lassen. Zugleich haben wir fasziniert beobachtet, wie Pilgerinnen, offenbar einer nichtprotestantischen Glaubenstradition zugehörig, die Kirche an diesem Eingang hingebungsvoll küssten.
Die GEBURTSKIRCHE ist auch in vielfältiger Weise geschichtlich interessant.
Bereits zur Zeit des Origenes (248 n. Chr.) ist Bethlehem wahrscheinlich zu einem Wallfahrtsort geworden, an dem eine Höhle, in der Jesus geboren sei, und eine Krippe, in die er gelegt worden sei, gezeigt wurde. -
Herausragend ist, dass Kirchenvater Hieronymus von 386 bis zu seinem Tod 420 in Bethlehem lebte, wo er nicht nur die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel, schuf, sondern auch mit der aus dem Patriziertum stammenden Paula – die seine finanzielle FÖRDERIN war - mehrere Klöster, Pilgerherbergen und eine Schule gründete. Er wurde in der Grotte bestattet, aber später nach Italien überführt.
In der katholischen Kirche St. Katharinen (verbunden mit der Geburtskirche) sangen wir – zusammen mit Pilgern aus Sachsen-Anhalt– das Weihnachtslied „Oh du fröhliche...“

Wir wurden daran erinnert, dass alle Feste der Christenheit, also auch Weihnachten, jeden Tag gültig sind, dass wir sie nur deshalb an verschiedenen Tagen feiern, weil man nicht zu einem einzigen Zeitpunkt die Fülle aller biblischen Heilsereignisse gleichzeitig ausführlich bedenken und begehen kann.
Schließlich machten wir einen Abstecher zu dem 3 km südöstlich von Bethlehem gelegenen Dorf Beith Sahur. Hier, so meint man, sei das HIRTENFELD gewesen, auf dem die Engel den verachteten Hirten als ersten die Weihnachtsbotschaft verkündigten. Hier hörten wir neu die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass wir an allen geschilderten Stellen Bibellesungen und ortsbezogene Lieder (Lieder für Weihnachten, Passion, Ostern und Pfingsten) gesungen haben.
In der Engelskapelle des italienischen Architekten Barluzzi (1953/1954) sangen wir, direkt von Bethlehem kommend, das schöne, aus England stammende Weihnachtslied "O Bethlehem, du kleine Stadt", EG 55.
Die lieblichen Gemälde in dieser Kirche sprechen alle Kleinen und diejenigen Großen an, die sich noch ein kindliches Herz bewahrt haben.
Zum Schluß besuchten wir die TALITHA-KUMI-Schule in Bethlehem.
Der Name der Schule geht zurück auf ein Wort Jesu, das er zu einem gestorbenen Mädchen sprach: „Mädchen, steh auf“ (Markus 5,41). Wir wurden- bei Kaffee und Kuchen – zu einer lebhaften Vortrags- und Diskussionsrunde eingeladen.
Der Verwaltungsleiter der Schule Maurice erklärte uns, dass die Schule Schülerinnen und Schüler so vorbereiten will, dass sie guten Mutes, selbstbewusst und zuversichtlich in das Leben hinausgehen können. Sie sollen neben dem akademischen Wissen aber auch in der Lage sein, die in der Schule praktizierten Werte im späteren Leben zu vertreten, sich in einer schwierigen Welt zurechtzufinden und sich immer als Teil einer Gemeinschaft zu verstehen. Uns wurde die Schulform und die praktische Anwendung erklärt: Im integrierten Kindergarten werden 120 Kinder in vier Gruppen betreut. Die vier Hauptlehrer werden von sieben Hilfskräften unterstützt.
Die Schüler kommen aus den verschiedensten sozialen Gruppen. Das Verhältnis Jungen zu Mädchen ist in etwa ausgeglichen. Etwa 30% der Schüler sind Moslems.
An Talitha Kumi werden durch 52 Lehrer ungefähr 850 Schüler vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse nach dem palästinensischen Lehrplan unterrichtet.

Nach Abschluss der zwölften Klasse können die Schüler das Tauwjihi (palästinensisches Abitur) machen, womit sie sich für das Studium an der Universität qualifizieren. Das Studium im College baut auf den berufsbildenden Zweig der Schule (Klassen 11 und 12) auf, d. h. es bietet bereits in dieser Stufe Unterricht in beruflichen Fächern an. Als Wahlfächer werden Religion, Sport, Musik und Kunst angeboten.
Talitha Kumi widmet sich besonders den Aufgabenfeldern Wirtschaft (insbesonders Tourismus) und Verwaltung. Hier sind die Berufschancen für die jungen Palästinenser gut. Talitha Kumi leistet einen Beitrag zum Frieden, indem die Einrichtung den Jugendlichen dabei hilft, denselben komplexen Sachverhalt sowohl aus palästinensicher wie auch jüdischer Sicht zu sehen und so befähigt zu werden, lagerübergreifend zu denken.