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Damit nicht jeder sein Sträußlein pflückt
"Eine reformatorische "Kirche" hat es in der Tat nie gegeben":
Die Rolle der Tradition im Protestantismus
Von MARTIN NIEMÖLLER
Durch das unlängst veröffentlichte vatikanische Dokument "Dominus Jesus" ist die theologische Debatte um die Einheit der Kirche neu entbrannt. In diesem Zusammenhang liest sich der hier dokumentierte Text aus dem Nachlaß des evangelischen Theologen Martin Niemöller als ein aufregender Diskussionsbeitrag. Das im Frühjahr 1939 verfaßte Schriftstück war bisher unveröffentlicht. Mit intellektueller Schärfe legt Niemöller die Aporien dar wie sie aus seiner Sicht mit dem protestantischen Traditions- und Kirchenverständnis verbunden sind. Der 1984 gestorbene Autor war eine Symbolfigur des kirchlichen Widerstands im Dritten Reich und hat sich als Ökumeniker einen Namen gemacht.
Worin besteht eigentlich der Unterschied? Der Durchschnittsmensch von heute - wenn er "gebildet" ist - wird sagen: Autoritär gebundener "Dogmenglaube" dort - und "Gewissensfreiheit" bei uns. Was der Ungebildete sagen wird, wollen wir später sehen. Was ist nun von dieser Behauptung zu halten? (Der "wissenschaftliche" Ausdruck heißt ja wohl "Heteronomie" und "Autonomie" in Sachen des Glaubens.)
Historisch ist dazu zu sagen: Eine "Autonomie" im Sinne der französischen Aufklärung gibt es weder bei Luther noch bei sonst einem der Reformatoren, natürlich erst recht nicht in einer der reformatorischen "Bekenntnisschriften". Luther beruft sich in Worms ausdrücklich auf sein "in Gottes Wort gebundenes" Gewissen. Er ist nie der Meinung gewesen, der Mensch könne aus sich - autonom - die Wahrheit seines Lebens als eines Lebens unter und vor Gott finden, sondern er weiß sich in diesem Streben vollkommen von einer Autorität abhängig: Gott muß sich zu erkennen geben, wenn ich ihn soll erkennen können. Keine irgendwie geartete "Freiheit" setzt mich in die Lage, mir etwas zu verschaffen, was Gott nicht gibt; die unter den Reformatoren nicht ausgekämpfte Frage blieb nur die, ob der Mensch die "Freiheit" hat, etwas von sich abzuweisen, was Gott ihm geben will (praedestinatio duplex oder simplex oder wie man das immer nennen mag!). Die "Heteronomie" als "Theonomie" gegenüber allen "Autonomie"-Ansprüchen des Menschen ist also bei den Reformatoren gerade stärker betont als im Lehrsystem der katholischen Kirche, die gegenüber der reformatorischen Erbsündentheorie gerade die "Willensfreiheit" als unveräußerliches Naturgut des Menschen verteidigte. Stellen wir also zunächst fest, daß es nach evangelischer Lehre keine Autonomie des Menschen in Glaubensdingen gibt, da aller Glaube auf dem objektiv gegebenen und allein autoritären "Wort Gottes" beruht. Nimmt man dieses eine autoritäre "Dogma" der evangelischen "Kirche" fort, so bleibt überhaupt nichts Einigendes, nichts Verbindendes übrig, wie die Geschichte bis in diese Tage mit Deutlichkeit erweist: Es gibt keine evangelische Kirche, es gibt keine evangelischen Christen, es gibt nur eine protestantische Zweckgemeinschaft mit ständig wechselnden Interessen, die auf dem Gebiet der Politik (Heckel), der Philosophie (Hirsch), der Wissenschaft oder sonstwo liegen mögen. Man wird sagen müssen: Der reformatorische Glaube ist Dogmenglaube par excellence, indem er sich auf das eine Dogma von dem einen, unveränderlich für alle Zeiten gegebenen Gotteswort der Bibel stützt. Fällt der Glaube an dies Dogma, bleibt nur noch eine hohle Schale ohne Inhalt.
Was hat es nun mit der "Glaubens-" oder "Gewissensfreiheit" auf sich? Hierbei handelt es sich lediglich um eine Frage der seelsorgerlichen Methode. In Glaubensdingen - so meint es Luther - darf kein menschlicher Zwang auf das Gewissen des andern ausgeübt werden, weil hier nur die eigene Überzeugung gilt. Es ist also verwerflich, durch Aussicht auf Lohn zu locken oder durch Aussicht auf Strafe zu drohen? Aber auch das ist schon zuviel gesagt. "Gottes Wort" selber lockt ja durch Aussicht auf zeitlichen wie ewigen Lohn; "Gottes Wort" selber droht ja mit zeitlichen und ewigen Strafen. Es soll sich nur nicht der Mensch oder eine menschliche Gemeinschaft das Recht nehmen, von sich aus und für ihn gut scheinende Zwecke diese Vollmacht des "göttlichen Wortes" in Anspruch zu nehmen. Diese Forderung wird keineswegs von allen "Reformatoren" erhoben. Aber Grundsatz der Reformation wird es je länger, desto klarer: In Glaubensdingen soll keine andere Autorität als die des "Wortes Gottes" zur Wirkung gebracht werden; ob einer es darauf wagen kann und will, ist eine Entscheidung, die ihm allein obliegt, und jeder menschliche Eingriff in diese Entscheidung ist verwerflich.
Man kann fragen, wie denn noch die Kindertaufe und die "christliche Erziehung" zu rechtfertigen seien; man kann darauf auch nur antworten, wenn man die übergeordnete Autorität des "Wortes Gottes" festhält, die eben durch ihre starke einseitige Bindung alle anderen Bindungen und Autoritäten auflöst. So konnte es schon zu dem Mißverständnis kommen, die Reformation fordere die religiös-ethische Autonomie und löse alle dogmatischen Bindungen. Aber da der Mensch selbst im Durchschnitt keine religiöse Schöpferphantasie entwickelt, waren es die Wege für neue Autoritäten, die je nach den Umständen größere oder kleinere Einflußsphären in der "evangelischen Christenheit" besetzten.
Die erste neue Autorität war wohl die Bibel als Buch oder als "papierner Papst". Machte zum Beispiel Luther einen deutlichen, wenn auch schwer zu verdeutlichenden Unterschied zwischen "Wort Gottes" und "Bibel", so mußte praktisch dieser Unterschied schwinden, weil er dem einfältigen Gemüt nicht klarzumachen war. Die "Verbalinspiration" mußte helfen. Und diese Autorität gilt ja heute noch bei weitaus den meisten Angehörigen der evangelischen Kirchen, die als "Stille im Lande" Christen geblieben sind. Eine weitere Autorität, die sich nun erhob, waren jene Abschnitte aus der Bibel, die den sonntäglichen Predigten zugrunde gelegt wurden - die "Perikopen" und mehr noch als die Abschnitte selbst eher ihre predigtmäßige Auslegung, die durch vierhundert Jahre, das heißt von Luthers Tagen bis heute, trotz aller "Strömungen" erstaunlich gleichartig geblieben ist. Diese Auslegungen sind für den Teil der evangelischen Christenheit, die wir "Kirchliche Kreise" nennen, geradezu an die Stelle der Bibel getreten. Außer den "Perikopen" und gewissen Reminiszenzen an den Religionsunterricht der Jugendzeit wissen unsere "Kirchlichen Kreise" von der Bibel oder etwaigen anderen Grundlagen unseres christlichen Glaubens nichts.
Die Autorität, die sich aber mit größtem und ständig wachsendem Erfolge in den Vordergrund zu schieben verstand, war die weltliche Macht. War sie zunächst die materielle Nutznießerin der Reformation durch die Vereinnahmung der Kirchengüter geworden in einer Entwicklung, die zum Beispiel Luther mit Wohlwollen erst, dann mit Schrecken, endlich mit Zorn und Wut begleitete, weil die weltlichen Stände gar nicht daran dachten, diese Güter bestimmungsgemäß zu verwenden, so wurden je länger, je mehr die weltlichen Gewalten auch Nutznießer der geistigen Emanzipation. Rom und sein Klerus fallen als Vormünder aus, die evangelische kirchliche Organisation bleibt in den Anfängen und Schwierigkeiten des Neubaus stecken, ohne Vormünder und Autorität kann die Menge der getauften Christen aber nicht bleiben: Es ergibt sich wie von selbst - das landesherrliche Kirchenregiment. Die Entwicklung geht geradlinig bis zur Gegenwart: "Thron und Altar" heißt die Parole. "Gottes Wort", "Bibel", "Predigt" sind gut für Kaisersgeburtstagsfeiern pp. im Frieden und für Feldgottesdienste und feierliche Begräbnisse im Kriege. Von christlichem Urbestand ist bei diesen "kirchenfreundlichen Kreisen" ("Natürlich bin ich kein Kirchgänger - aber: dem Volke muß die ,Religion' erhalten werden") nichts mehr übriggeblieben als die Redensart: "Mit Gott für König und Vaterland!"
Neben diesen drei Strömungen, die für die Entwicklung der evangelischen "Kirche" noch immer irgendwie "positiv" gewertet werden wollten, kam dann noch die Fülle liberaler, individualistischer Wege, die von einzelnen und ihrem kleineren oder größeren Anhang eingeschlagen wurden und von denen keiner mehr heimkehrte. Hier bot sich die erforderliche Autorität in irgendeinem philosophischen System, in irgendeiner neueren oder älteren idealistischen Weltanschauung. Keine Christen mehr, auch keine "kirchlichen" oder auch nur "kirchenfreundliche" Kreise; nur noch "Protestanten", "Freunde der evangelischen Freiheit", die mit dem Grundsatz "Religion ist Privatsache" - ob politische Marxisten oder politische Konservative -der Loslösung unseres Volkes vom Christentum die Bahn mit Energie frei machen:
Jede Religion - oder auch keine Religion - ist uns recht, wenn wir mit ihr unseren Zielen ein Stück näherkommen. Auf Grund dieser summarischen Übersicht mag es deutlich werden, daß christlicher Glaube als lebenstragende und lebensgestaltende Kraft nur in wenigen kleinen Kreisen der sogenannten evangelischen Christenheit vorhanden sein kann, weil die große Menge der Getauften seit Jahrhunderten geistlich unterernährt dahinlebt. Nehmen wir das Gebet als notwendige Lebensäußerung des Glaubens, so dürfen wir annehmen, daß nur ein kleiner Bruchteil der sonntäglichen Kirchenbesucher betet! Schon für Luther (Tischreden) war diese Feststellung und Vorstellung eine quälende Pein.
Es ist so, als wäre dem evangelischen Teil der Christenheit von Anfang an das zum Leben notwendige Licht vorenthalten worden, obgleich die Meinung der Reformatoren gerade die war, sie hätten das lebenspendende "Evangelium" wieder zum Leuchten gebracht. Wie steht es nun mit den lebenszeugenden Kräften für die evangelische Christenheit? Wir haben sie, so lehrt die Reformation aller Schattierungen, in der Heiligen Schrift alten und neuen Testaments. Jede andere Autorität (päpstliche Dekrete, Kanones, Synodalbeschlüsse der Konzilien, mit einem Wort: die "Tradition") wird abgelehnt als fehlsam. Aber auch die Bibel gilt nur (nach Luther), soweit sie "Christus treibt". So ordnet zum Beispiel Luther die biblischen Bücher in ihrer Reihen(Rang-)folge um und scheidet die Apokryphen aus. So steht vor uns die Frage: Welches sind denn nun die wirklichen "heiligen Schriften"?
Offensichtlich entscheidet darüber das glaubende, an Christus gebundene Einzelgewissen! Jedenfalls ist Luther nach dem Grundsatz verfahren, während die lutherische "Kirche" Luthers Entscheidung - wenn auch nicht irgendwelche Synodalbeschlüsse - als für sich und für die Zukunft bindend anerkannt und postuliert hat. Wir haben hier also eine neue, in evangelischer Grundauffassung nicht begründete "Tradition" vor uns. Was die Bischöfe und Vertreter der Kirche früher einmal festgesetzt haben, wird als nicht bindend beiseite gesetzt; was die neuen Kirchenlehrer in sehr zweifelhafter Einmütigkeit und oft unter starken politischen Rücksichten (Augsburg 1530) festsetzen, wird als bindend erklärt! Und was ist die landläufige kirchliche Predigt anders als eine tatsächliche neue "Tradition", denn die "selbständigen" Prediger sind, wie zu allen Zeiten, seltene Ausnahmen? Nur daß die Erzeugnisse dieser selbständigen Geister in der alten Kirche einer erheblichen kirchlichen Kontrolle unterworfen waren, ehe sie zu Bestandteilen der Tradition wurden, während bei uns "Protestanten" alles wild wächst. Und jeder Prediger pflückt sich sein Sträußlein, wie es sein Geschmack ist, ohne viel zu fragen, ob und wie viele Giftblüten dazwischen sein mögen!
Aber wir müssen noch einen Schritt weiter gehen! Die "Bibel" selbst ist ja ein Produkt der "Tradition". Der sogenannte "Kanon" war ja nicht auf einmal da, sondern ist geworden. Aus vorhandenen und gerade entstehenden alttestamentlich-israelitisch-jüdischen Schriften und christlichen Schriften haben Kirchenmänner und Gemeinden eine Auswahl getroffen; man hat darüber gesprochen und verhandelt, welche Schriften als kanonisch anzusehen seien; man hat hin und her gestritten, bis endlich unser "Kanon" dalag. Wessen Autorität sagt für ihn gut? Wie kommen wir dazu, ihn als gültig anzunehmen, beizubehalten und weiterzugeben? Ich weiß dafür keine andre Erklärung, als daß die Christenheit eben doch ihrer "Tradition" traut, das heißt, sie ist davon überzeugt, daß in diesen den Glauben betreffenden Entscheidungen der Kirche der heilige Geist trotz alles menschlichen Streitens das letzte Wort behält und in puncto "Kanon" auch behalten hat. Die "Heilige Schrift" könnte nicht Grundlage der Erkenntnis Gottes sein, wenn nicht die "Kirche", die die "Heilige Schrift" als solche proklamiert hat, schon von der Erkenntnis Gottes geleitet gewesen wäre. "Heilige Schrift" und "Tradition" sind also keine ausschließenden Gegensätze, sondern sie bedingen einander. Wie die "Heilige Schrift" ohne eine "lebendige Kirche" tot sein kann (siehe die Zeit seit Luther), so kann auch die "Kirche", nein sie muß ohne die "Heilige Schrift" vorübergehend "tot" sein. Denn wie das Wort vom Christus die Kirche begründet, so muß doch dieses Wort von der Kirche verkündet werden! Und wie das Wort vom Kreuz Grundlage der Kirche bleibt, so bleibt doch zugleich die Kirche "Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit" (1. Tim. 2,15). Das "Wort" bleibt stumm, es sei denn, die "Kirche" nehme es verkündigend in ihren Mund; die "Kirche" bleibt taub, es sei denn, das "Wort" rede zu ihr.
Versteht man also unter "Tradition" das, was die Kirche sagt und tut und als gültig hinstellt, auf der Grundlage des ihr anvertrauten "Wortes Gottes", so ist solche "Tradition" nicht nur nicht überflüssig, sondern lebensnotwendig für das Leben der Christenheit Und die Forderung, daß neben der schriftlichen Überlieferung der heiligen Schriften auch die mündlichen Traditionen nicht beiseite geschafft werden dürfen, sofern sie von der schriftlichen Tradition nicht widerlegt werden, scheint mir durchaus begründet; wie ich auch nicht zu bezweifeln wage, daß der hörenden und predigenden Kirche die Leitung des Geistes zuteil wird, die "in alle Wahrheit" führen soll. Es ist demnach zweifelhaft, wo der Rückhalt liegen soll für die reformatorische Forderung: "Sola scriptura"! Welches ist diese scriptura? Die Bibel mit oder ohne Apokryphen? Die Bibel mit oder ohne Jakobus- und Hebräerbrief, mit oder ohne Apokalypse? Ohne Anerkennung entweder dieser oder jener Tradition oder Schaffung einer neuen Tradition ist die Frage, was denn "Scriptura" sei, gar nicht zu beantworten. Die gleiche Schwierigkeit ergibt sich für alle anderen reformatorischen Parolen: "sola fide" zum Beispiel. Ist das die "fides in caritate formata", wie die altkirchliche Tradition und in ihrem Gefolge das Tridentinische Konzil lehrt, oder ist es die "fides", die auch von nachfolgenden Werken nichts weiß oder wissen soll, wie reformatorische Traditionen wollen? "Sola gratia": Ist das die ;,gratia praeveniens" oder die "gratia irresistibilis"? Welche "Tradition" gilt? Solus Christus: Ist das der Christus der altkirchlichen Tradition, der ernstlich als Lehrer, Sühner und König an uns wirkt, oder ist es der Christus, dessen Amt sich in Kreuz und Auferstehung erschöpft, wie man es aus einem Teil der heiligen Schriften als lutherische Tradition behauptet hat? Und wem ist nun bei diesen Differenzen zu glauben? Der Kirche oder den einzelnen Theologen? Man mag den Grundsatz "Quod semper, quod ubique, quod ab omnibus creditum est" ablehnen; aber daß der Kirche als Gemeinde und nicht jemand einzelnem für sich der Heilige Geist verheißen ist, ergibt sich wohl als einhellige biblische Meinung!
Zusammenfassend muß ich also sagen: Wenn wir nicht nur "Protestanten", sondern "evangelische Christen" sein wollen, so wird uns eine dogmatische Bindung an menschliche Entscheidungen in Gestalt der "Tradition" zugemutet, die erheblich drückender werden kann als die dogmatische Bindung an die kirchlichen Entscheidungen in Gestalt der katholischen "Tradition". Von "Autonomie" kann beide Male keine Rede sein; wir stehen unter dem Gesetz der Offenbarung Gottes an uns in Christus, die durch die Kirche als Zeugnis zu uns kommt. Dies Zeugnis fragt nach unserem Glauben, um uns zu erfüllen und unser Leben zu gestalten. Welchem Zeugnis geben wir nach Prüfung seiner Grundlagen den Vorzug? Oder dürfen wir noch einen Schritt weiter gehen? Dürfen wir auf Mt. 7,16 verweisen und nach den "Früchten" fragen? Das müßte dann heißen: Wo wird Gottes Wort wirklich als Gottes Wort geehrt? Wo wird seine Gnade fröhlicher geglaubt? Wo wird mit Christus dem Lebendigen gelebt? Ganz primitiv: Wo wird der Ruf Gottes, den die Kirche ausrichtet, gehört, und wo empfängt er im Gebet sein lebendiges Echo?
Ich bin überzeugt, daß der katholische Christ mehr von der Bibel kennt als der evangelische; ich bin überzeugt, daß sie ihm für sein Leben mehr bedeutet; und ich bin endlich überzeugt, daß er mehr und ernster betet. Von daher muß ich fragen, ob wir auf dem rechten Weg sind. Vor zwanzig Jahren erschienen zwei Schriften; wenn ich nicht irre, lautete der Titel der ersten "Zurück zur Kirche"! Sicher lautete die Überschrift der zweiten (ich glaube, der Verfasser war der evangelische Theologieprofessor Loofs) "Vorwärts zum Glauben"! Ob es nicht am Ende so ist, daß beides sich decken wird, daß wir auf dem Weg "vorwärts zum Glauben" "zurück zur Kirche" kommen und auf dem Weg "zurück zur Kirche" "vorwärts zum Glauben" gelangen? Eine reformatorische "Kirche" hat es ja in der Tat nie gegeben, und wir sollten heute sehen, daß es sie auch nicht geben wird; die Reformation hat bestenfalls in Gemeinden, oft aber nur in Zirkeln und Häusern gelebt. Der Grund dafür war bei näherem Zusehen die Fülle der verschiedenen "Traditionen". Wenn wir diese Fülle gelten lassen, weshalb sollen wir nicht die eine Tradition der alten Kirche gelten lassen?
Das sind meine Gedanken und Fragen, die nicht von gestern auf heute aufgetaucht sind, sondern mich lange begleiten und mich so weit geführt haben, daß ich - falls mir nicht irgendwie ein Irrweg meiner Gedanken deutlich gemacht wird - mit dem Anschluß an die alte Kirche nicht mehr zögern werde. Dafür und zum Teil auch dagegen sprechen natürlich noch viele andere Überlegungen, Erkenntnisse und Zweifel; aber hier sitzt wohl der eigentliche Kernpunkt, auf den ich immer wieder zurückkomme. Deshalb bitte ich, meine Darlegungen zu prüfen und mir eine möglichst grundsätzliche Stellungnahme zukommen zu lassen.
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