Sonntag, der 5. Februar 2012
Das Ökumenische Abendmahl

Herr Pfarrer Robert Stratmann - einer unserer Autoren von www.predigten.de - hat uns einen Text zur Verfügung gestellt, den er Pfingsten 2003 unter dem Eindruck der päpstlichen Enzyklika "Ecclesia de eucharistia" und dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin geschrieben hat.

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Hier der Text im Wortlaut:

DE COENA CHRISTI: ECCLESIA DE VERBO DEI

Kann es eine gemeinsame Abendmahlsfeier der getrennten Konfessionen geben? Als diese Frage im Zusammenhang des 1. Ökumenischen Kirchentags 2003 öffentlich diskutiert wurde, fiel mir auf, dass wir - katholische und evangelische Christen - hierzulande überraschend wenig voneinander wissen. In der öffentlichen Berichterstattung muss es somit zu verzerrenden Darstellungen kommen. Darüber wundere ich mich nicht, denn ein Journalist, wenn er nicht zugleich Fachmann ist, kann immer nur wiedergeben, was er bei den Zeitgenossen wahrnimmt. Und so ist mir die Berichterstattung über das Abendmahlsverständnis der Katholiken und der Protestanten 1 in erster Linie Anlass zur selbstkritischen Frage, ob unsere Abendmahlspraxis denn auch wirklich vermittelt, was unsere Überzeugung ist.

Damit mir dies leichter fällt, und damit ich verstanden werde, möchte ich darlegen, was das Abendmahl nach meiner Überzeugung ist. Dies in "splendid isolation" zu tun, würde mir nicht liegen, denn niemand wird ernsthaft seine Prägung durch bestimmte Traditionen leugnen können. Ich finde mich in der Tradition der Reformatoren Martin Luther und Johannes Brenz wieder. An sie will ich bewusst anknüpfen.

  1. Performatives Wort
  2. Die Heilige Schrift ist die Urkunde des Glaubens. Sie bezeugt Gottes Wort. Das hat zur Konsequenz, dass wir ihren Wortlaut nicht einfach mit dem Wort Gottes gleichsetzen können. Wort Gottes im eigentlichen Sinn ist der aktualisierte Zuspruch der Rechtfertigung allein durch den Glauben 2 mittels menschlicher Sprache durch Menschen an Menschen. Die Bibel ist voll von Texten, die eben dies einmal gewesen sind. Nun sind sie zu Heiliger Schrift geworden. Indem wir sie zusprechen, auf die Situation der Hörer hin, werden sie wieder zu Wort. Darum reicht der bloße Wortlaut der Bibel nicht aus. Ihre Texte müssen verkündigt, zugesprochen werden.

    Dafür ist es freilich notwendig, dass wir biblische Texte sorgfältig mittels der historisch-kritischen Methode der Schriftinterpretation untersuchen, nicht obwohl, sondern weil es in ihnen um Gottes Wort geht. Und da die Botschaft der Bibel dafür da ist, an Menschen in ihrer Lebenssituation verkündigt zu werden, um Glauben zu schaffen und zu stärken, geht es grundsätzlich um existentiale Interpretation. Wir können sie auch Glaubensinterpretation nennen, denn Glaube ist nun einmal der Name für christliche Existenz.

    Hier ist aber nun der sprachliche Charakter des Wortes Gottes zu berücksichtigen. Es ist nicht primär informatives, sondern performatives Wort. Gottes Wort hat in erster Linie nicht den Charakter der Information über bestimmte Inhalte und Zusammenhänge, sodass es primär für sich selber vom Gesagten her interessant wäre. Gottes Wort ist primär auf den Hörer hin ausgerichtet, um seine Situation zu gestalten. Es ist wirkmächtiges Wort 3. Es tut, was es sagt. Und es sagt, was es tut.

    Spielen wir es an den Einsetzungsworten zum Abendmahl durch. Ich beschränke mich auf die beiden Gabeworte 4: "Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird ... Nehmet hin und trinket, das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden."

    Im Zusammenhang eines Gesprächs über eine mögliche gemeinsame Abendmahlsfeier zusammen mit den katholischen Mitchristen an Pfingsten vor einigen Jahren sagte ein Kollege und Freund: "Da die Einsetzungsworte bei uns Lesetext sind ...". Eben das stimmt nicht! Sie sind es zumindest nicht nur. Denn wenn wir den zitierten Satzanfang ernst nehmen, dann ist damit gesagt: Die Einsetzungsworte des Abendmahls informieren die versammelte Gemeinde über Jesu Passahmahl mit seinen Jüngern am Gründonnerstag und darüber, wie er dieses sein letztes Mahl verstand: "Seht, das bin ich metaphorisch für euch (dabei zerbricht er das Brot). Wiederholt das, damit ihr es nie vergesst!"

    Niemand leugnet, dass dies in der Tat ein Aspekt beim Abendmahl ist. Aber es ist eben nur ein Aspekt, und es ist noch nicht einmal der Hauptaspekt. Die Einsetzungsworte haben nicht in erster Linie informativen Charakter. Das macht ihre Eigenart nicht aus. Ihre Eigenart besteht in ihrem performativen Charakter. Sie sind wirkmächtiges Wort.

    Die Gemeinde ist auf die Einladung des Herrn hin um seinen Tisch versammelt. Sie besteht aus Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen und Regungen. Sie erwartet Christi Kommen. Und nun hört sie die Worte des Gekreuzigten und Auferstandenen: "Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird ... Nehmet hin und trinket, das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden." Es sind seine Worte, die uns die Bibel weitergibt, die wir einander zusprechen. Und sie tun, was sie sagen, wie sie auch sagen, was sie tun. In, mit und unter Brot und Wein halten wir Leib und Blut Christi in unseren Händen, genießen sie mit unserem Mund. Sie sind Gottes leibliches Gabewort 5.

    Freilich sind es die Schöpfungsgaben allgemein auch. Sie haben diese Tiefendimension: Zeichen der Gnade Gottes zu sein. Deswegen verdienen sie, so genannt zu werden: leibliches Gabewort. Und auch Brot und Wein im Abendmahl sind Schöpfungsgaben. Aber durch Christi wirkmächtiges Wort sie sind mehr: sein Leib und sein Blut. Von ihnen, wie auch vom Wasser der Taufe, können wir sagen: durch sie wird ein menschlicher Lebensweg mit dem Weg Jesu Christi verschränkt. Unser Sterben ist künftig nicht mehr als Mitsterben mit ihm. Seine Auferstehung ist nichts weniger als unsere Auferstehung am Jüngsten Tag. Unser Leben ist nichts anderes als Nachfolge.

    Jedoch ist uns dies allein im Wort geschenkt: im Zuspruch des performativen Wortes und im leiblichen Gabewort der Sakramente. Und zum Wort passt nichts anderes als der Glaube: dem Wort zu vertrauen, es sei so, wie es verheißt. Dadurch wird die Gabe der Verheißung dem Glaubenden wirklich, wiewohl sie auch von sich aus gilt. Damit ist der Glaube die Wirklichkeit worthafter und sakramentaler Existenz: Gegründetsein allein im Wort.

    Gewiss ist das Wort dazu da, im Sprechakt an ein Gegenüber gerichtet zu werden. Dennoch kommt ein Sakrament nicht dadurch zustande, dass wir es wären, die eine Sprachhandlung vollbringen. Die wahrhaft Handelnden sind nicht wir Menschen. Sonst wäre es Menschenwerk. Es geschieht durch Gottes Handeln selber, der sich an sein Wort bindet 6. Darum kann die Feier des Abendmahls niemals auf die Einsetzungsworte verzichten. Wir genießen das Sakrament zu unserem Heil, wenn wir dem Wort glauben; wir genießen es zum Gericht, wenn wir das Wort verwerfen.

  3. Substanz
  4. Für eine Abendmahlslehre im beginnenden 21. Jahrhundert auf einen Zentralbegriff mittelalterlicher Ontologie zurückzugreifen, das ist nicht unproblematisch. Das gebe ich gerne zu. Es geht mir freilich nicht darum, ein vorkritisches Wirklichkeitsverständnis neu aufzulegen. Ich bin nur überzeugt, dass wir in der Theologie um die ontologische Fragestellung nicht herumkommen. Eine theologische Ontologie kann sich - wie mir scheint - auch heute nur in der Dreiheit Gott, Welt und Mensch bewegen. Allerdings muss sie diese drei Relata aus ihrem Zusammenhang heraus interpretieren.

    Dass mir der Begriff der Substanz als brauchbar erscheint, die Abendmahlslehre ontologisch zu untermauern, das liegt daran, dass er - anders etwa als der Begriff der Materie oder gar der Essenz - ein flexibler Begriff ist. In der von der aristotelischen Erkenntnistheorie bestimmten mittelalterlichen Philosophie meint er das ureigenste Wesen einer Sache; sein Gegenpol ist der Begriff Akzidens (Erscheinungsform). Ich möchte jedoch an Luthers Interpretation des Substanz-Begriffs in der ersten Psalmenvorlesung "Dictata super psalterium" 7 von 1513 - 15 anknüpfen.

    Luther kehrt den Substanz-Begriff in seiner üblichen Fassung um. Die Substanz einer Sache ist bei ihm nicht mehr ihr Wesen an und für sich, sondern ihr Existenzgrund. Die Substanz ist das, worin eine Person oder Sache gegründet ist 8. So ist etwa die Substanz des Reichen nicht die Materie seines Körpers, sondern sein Reichtum und sein Umgang damit. Die Substanz des Glaubenden ist nicht sein christliches Verhalten, sondern Kreuz und Auferstehung Jesu Christi und sein Glaube daran, es sei zu seiner Rechtfertigung geschehen. So gesehen ist die Substanz einer Sache freilich der gesamte Bestand seiner Existenz. Aber er ist es in anderer Weise als in der aristotelisch bestimmten Ontologie.

    Es wird also bereits in dieser frühen Vorlesung des vorreformatorischen Luther der Grund für seine reformatorische Theologie gelegt, die ab 1518 die Relation von Gott, Mensch und Welt im Rechtfertigungsgeschehen zum Thema haben wird.

    Bezogen auf die Abendmahlsthematik möchte ich die Frage der Substanz so lösen: Das wirkmächtige Wort Christi der Konsekration wird durch Gottes Tat zum Existenzgrund von Brot und Wein. Und so werden sie wahrhaft Leib und Blut Christi. Hier ist aber nun mit Entschiedenheit zu betonen, dass das Wesen des Wortes darin besteht, vernehmbar an ein menschliches Gegenüber - hier an die Gemeinde - gerichtet zu werden. Es gehört zu seinem Wesen, im Sprechakt zugesprochen und vernommen zu werden 9. Das Wort ist wesenhaft auf ein Gegenüber hin angelegt. Es ist nicht Selbstzweck. Und so sind die Gabeworte des Einsetzungsberichts Verkündigung an die Gemeinde, nicht Weiheformel, die auf die Elemente gerichtet wären. Sie könnten sonst auch nicht "Gabeworte" genannt werden. Gerade als solches wirkmächtiges Gabewort werden sie zum Existenzgrund, zur Substanz von Brot und Wein. Daher ist die Realpräsenz von Christi Leib und Blut beim Abendmahl nicht im alten Sinn substantiell, von der aristotelischen Erkenntnistheorie 10 her zu verstehen, sondern relational aus der Beziehung zwischen Gott, Gemeinde und den Elementen im Wort.

    Die Substanz der Elemente außerhalb des sakramentalen Gebrauchs ist: Nahrung und Getränk des Festes für den Menschen zu sein. Dadurch, dass das Wort ihre Substanz wird, muss sie nun so bestimmt werden: Mittel der Rechtfertigung allein durch die Gnade zu sein. Somit sind Brot und Wein im Abendmahl wesensgleich mit Kreuz und Auferstehung Jesu Christi. Dann aber sind sie nichts anderes als sein Leib und sein Blut; sie sind es real und nicht allein metaphorisch, schon gar nicht bedeuten sie es nur, real präsent sind Christi Leib und Blut und nicht allein sein Tod und seine Auferstehung zu unserer Erlösung, denn Christi Wort ist und bleibt performatives Wort.

    Gewiss bleibt bei einem Bissen Brot oder einer Hostie und einem Schluck Wein oder Traubensaft der alte Zweck in geringfügiger Weise noch bestehen, denn sie nähren ja auch bei der Feier des Herrenmahls den Menschen. Substanz oder Existenzgrund jedoch - im Sinn der Deutung des jungen Luther - kann dieser Zweck im Abendmahl nicht mehr genannt werden. Die Substanz der Elemente ist nun das Wort Christi, die Erlösung von Sünde und Tod und die vorwegnehmende Feier der neuen Schöpfung, der Glaube daran - kurz: die Rechtfertigung - denn Jesus Christus hat sie bei seinem letzten Mahl hierfür eingesetzt, durch sein Wort. Und die Kommunikanten genießen das Abendmahl zu diesem und keinem anderen Zweck. Dies alles ist ja unter dem Begriff "Substanz" summiert: das, worin eine Person oder Sache gegründet ist und die Weise, wie sich der Mensch im Verhältnis dazu versteht.

    Natürlich gilt das Gesagte allein durch Christi Wort. Jedoch wird es allein für den Glaubenden wirklich, denn Glaube ist ja auch Gegründetsein außerhalb seiner selbst im Wort von Kreuz und Auferstehung Christi. Doch auch für den Unglauben wird es wirklich, für ihn vielleicht erst recht.

    Hier kann auch auf Johannes Brenz, den lutherischen Reformator Württembergs und Schwäbisch Halls, verwiesen werden, der in Abwehr der nach alter Auffassung substantiellen Wandlung die Realpräsenz strikt an das Wort Christi bindet 11. Und in der Augsburger Bekenntnisschrift wird durchgängig von der Einheit von Wort und Sakrament ausgegangen 12.

    Die ontologische Fragestellung hat mich von jeher gefesselt. Deswegen verhandle ich in ihrem Zusammenhang auch die Abendmahlslehre. Hier auf den Begriff der Substanz, wie auch nachher auf den des Opfers zurückzugreifen, das mag problematisch sein. Mir erscheint es dennoch als eine Möglichkeit, von der Wirklichkeit sakramentaler Existenz zu reden. Und ich bediene mich damit solcher Begriffe, die katholischer Theologie vertraut sind, auch wenn sie antiquiert klingen mögen.

  5. Realpräsenz
  6. Im Abendmahl kommt Gott zu uns, so nah und tief wie nur in Leben und Geschick Jesu Christi. Der Handelnde ist Gott, nicht die Gemeinde. Wir sind dabei die Empfangenden. Die umrissene Kombination von Wort und Substanz, sowie Gottes Heilshandeln am einzelnen Gläubigen wie an der Gemeinde drängt zu der Lehre von der Realpräsenz 13.

    Brot und Wein sind Gottes leibliches Gabewort für dich und mich. Mit dem Zuspruch "Christus für dich" bei der Distribution treffen wir genau den Sachverhalt. Wer immer das Abendmahl austeilt, darf sich nicht scheuen, den Kommunikanten dies zuzusprechen. Die Worte "Brot des Lebens" und "Kelch des Heils" sind nicht falsch. Deutlicher und sachgemäßer ist "Christi Leib für dich" und "Christi Blut für dich vergossen", denn hier ist der Christusbezug allein schon von der Sprachhandlung her das Primäre, wohlgemerkt: der Christusbezug in doppelter Weise! Einmal sind die Gabeworte "Christus für dich / Christi Blut für dich vergossen" direkt an die Kommunikanten gerichtet, zum andern sind sie auf die Elemente bezogen. Und so wird aus der Kommunion vernehmbar, wie die Gegenwart von Christi Leib und Blut in der Relation Gott-Gemeinde-Elemente durch das Gabewort real ist. Die relational verstandene Realpräsenz hat allerdings auch zur Konsequenz, dass es eine Abendmahlsfeier ohne Gemeinde nicht geben kann.

    Das Ziel des Abendmahls kann nicht die Selbstkommunion des Zelebranten sein. Freilich staune ich darüber, wenn ich davon höre, dass die tägliche Kommunion von Priestern - die ich mir nur als Selbstkommunion vorstellen kann - ihnen Kraft auf den Weg in schweren Zeiten gab. Aber dann würde ich gerne ihre Erfahrungen hören, damit wir darüber reden können.

    Während ich ansonsten sparsam bin mit dem Hinweis auf Christi Blut - wie es dem Kostbarsten eben angemessen ist, sparsam damit umzugehen - bei der Kommunion scheue ich mich nicht, es notfalls mehrere hundert Mal zu sagen: "Christi Leib für dich gegeben. Christi Blut für dich vergossen." Ich scheue mich aus dem einen Grund nicht, weil uns versprochen ist, dass sie hier gegenwärtig sind. Ich wüsste nicht, wie wir es bündiger formulieren könnten, als es in CA 10 geschehen ist:

    "Vom Abendmahl des Herrn wird so gelehrt, dass der wahre Leib und das wahre Blut Christi wirklich unter der Gestalt des Brotes und Weines beim Abendmahl gegenwärtig ist und dort ausgeteilt und empfangen wird." 14

    Gewiss, es ist und bleibt das Geheimnis des Glaubens, wie das sein kann. Wir können es nicht für alle Zeiten gültig und einsichtig erklären, denn das können wir nur mit Dingen tun, die ein Teil von uns selber sind. Aber Gott ist größer als unser Herz. Und so sind Erklärungen wie die oben umrissene nur menschliche, unzulängliche Versuche, sich diesem größten Geheimnis des christlichen Glaubens zu nähern und mit unseren dürftigen Worten zu sagen, was wir verstanden haben. Der Versuch wird immer vorläufig bleiben. Der angemessene Umgang mit dem Geheimnis des Altarsakraments ist, es glaubend zu genießen und anzubeten.

    In diesem Zusammenhang möchte ich noch die Frage aufwerfen, wozu wir beim Abendmahl konsekrieren: allein zum Verzehr in der Kommunion 15!

    Konsekration und Distribution sind so eng und tief miteinander verbunden, dass wir sagen können: Sie sind füreinander da und aufeinander bezogen. Die an den frühen Luther angelehnte relationale Neufassung des Substanzbegriffs für das Abendmahl drängt die Sakramentenlehre zu dieser Aussage. Denn auf den Gedanken einer im aristotelischen Verständnis substantiellen Wandlung müssen wir nun ebenso verzichten, wie auf die Notwendigkeit des Weihepriestertums für die Konsekration.

    Darum kennen wir in unserer evangelischen Kirche weder den Brauch der eucharistischen Andacht, noch den der Fronleichnamsprozession. Das leibliche Gabewort ist allein dafür da, glaubend empfangen und genossen zu werden und nicht dafür, dass Menschen mit ihm etwas machen. Denn wenn wir vor Gott stehen, dann ist Gott allein der Gebende, und wir sind allein die Empfangenden. Darum konsekrieren wir zum Genießen von Leib und Blut Christi und sonst zu keinem anderen Zweck.

    Freilich mindert diese unsere Überzeugung bei mir nicht den Respekt und die Hochachtung vor der katholischen Frömmigkeit, die das anders sieht und handhabt. Eucharistische Andachten und Fronleichnamsprozessionen habe ich immer als eine Angelegenheit von größtem Ernst empfunden.

    Damit stehen wir bei der Frage, wie es sich mit der Gegenwart des Leibes und Blutes Christi in, mit und unter Brot und Wein eigentlich außerhalb der gottesdienstlichen Feier - "extra usum" - verhält. Sind die Elemente außerhalb der Feier auch, was sie in ihr sind?

    Wir Protestanten antworten: Nein, denn sonst hätten wir die Substanz wieder zum Selbstzweck gemacht. Sie würde nicht mehr mit dem wirkmächtigen Einsetzungswort stehen und fallen. Dieses aber hat die Eigenart, von Gott auf die Gemeinde ausgerichtet durch den Heiligen Geist wirksam zu sein. Es ist keine Weiheformel, die sich zum Zweck der Verwandlung auf die Elemente richtet, deren Wirksamkeit an einer Weihe der handelnden Person hängt. Das Wort ist auf die hörende Gemeinde gerichtet, denn diese Ausrichtung ist sein Wesen. Sie ereignet sich im Zuspruch bei der Konsekration.

    Aus diesem und keinem anderen Grund bewirkt das Wort die Realpräsenz. Darum ist auch der Glaube der angemessene Umgang mit dem Sakrament, denn allein der Glaube ist es, der dem Wort entspricht.

    Ein Kelch, den der Liturg, die Liturgin bei der Konsekration nicht in der Hand hatte, braucht bei der Distribution daher nicht mehr gesondert konsekriert werden. Und die Elemente sind außerhalb der Gottesdienstfeier nur Brot und Wein.

    Ich respektiere und bewundere unsere katholischen und orthodoxen Mitchristen, für die sich das anders verhält. Und vor allem möchte ich von ihnen lernen, wenn es um den Umgang mit den Elementen geht. Denn die theologische Grundentscheidung der Reformation entbindet uns nicht vom ehrfürchtigen Umgang mit den Elementen auch "extra usum"! Christus bindet seine Gegenwart durch sein Wort an die Schöpfungsgaben Gottes. Nach der Abendmahlsfeier können wir dann nicht so tun, als sei dies niemals so gewesen. Wir müssen schließlich auch fragen, wie weit der "usus" denn geht. Ist es denn zwingend, dass er nach der Kommunion beendet sein muss? Gehört nicht auch die dankende Erinnerung zu ihm? Ich denke, gerade solche Eucharistiefrömmigkeit ist die Quelle eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Schöpfung. Ich bin überzeugt, dass Engagement für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung auf dem Hintergrund einer in diesem Sinn ehrfürchtigen Eucharistiefrömmigkeit überhaupt erst recht glaubwürdig wirkt.

    Was sollen wir also mit dem nach der Kommunion übrigen Brot und Wein tun? Die Antwort ist einfach: sie wieder verwenden. Und wenn dies - aus welchen Gründen auch immer - nicht möglich ist? Wiederum ist die Antwort einfach: sie vollends verzehren. Was aber, wenn der restliche Wein im Kelch nach der Mahlfeier nicht mehr genossen werden kann?

    Hier schlage ich etwas vor, was katholische und orthodoxe Mitchristen gewiss nicht übernehmen könnten und auch nicht übernehmen brauchen. Aber es würde ihnen zumindest unsere Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Elementen signalisieren.

    Wir beten zur Gabenbereitung:

    "Herr, unser Gott, wir loben dich. Du schenkst uns die Frucht des Weinstocks, das Zeichen des Festes. Lass diesen Kelch für uns zum Kelch des Heils werden." 16

    Durch das Kommen Gottes zu uns 17werden die Gaben der Schöpfung Leib und Blut des Herrn. Wäre es dann nicht möglich, sie auch der Schöpfung zurück zu geben? Christen und Juden erkennen in der Schöpfung doch die schenkende Hand des Schöpfers. Wäre es also vielleicht ein akzeptabler Brauch, übrigen Wein, der nicht mehr genossen werden kann, auf die Erde zu gießen und so der Hand des Gebers zurück zu geben? Es könnte ja in knapper liturgischer Form geschehen. Ich schlage vor, dieses oder ein anderes passendes Gebet dabei zu sprechen:

    "Herr, unser Gott, du Geber aller Güter, wir loben dich. Überreich schenkst du uns die Gaben der Schöpfung. Mit diesem Wein war der Kelch des Heils gefüllt. Dankbar geben wir ihn deiner gütigen Hand zurück."

    Aber ist denn der Ausdruck Realpräsenz nicht eine Metapher? Da wir Menschen wesenhaft keinen Zugang zum Göttlichen haben können, da sich Gott nicht menschlicher Vernunft beugt und wir ihn daher nicht fassen können, haben wir nur die Möglichkeit, metaphorisch von ihm zu reden und dabei einzugestehen, dass es eben metaphorische Redeweise ist, an die wir wesensmäßig gebunden sind. Wenn sich dies beim Reden von Gott so verhält, dann wohl auch in der Lehre von der Eucharistie.

    Ich wüsste nicht, warum wir diese Frage nicht bejahen sollten. Metaphorische Redeweise ist ja nicht unwahre Redeweise. Denn dass wir das eucharistische Geheimnis letztlich nicht für alle Zeiten einsichtig und gültig ausdrücken können, dann heißt das ja nicht, dass es nicht wirklich wäre. Gewiss ist unsere Begrifflichkeit, mit der wir von Realpräsenz sprechen, metaphorischer Art. Das ändert aber nichts daran, dass wir - für menschliche Vernunft niemals fassbar - beim Abendmahl "in, mit und unter Brot und Wein" Leib und Blut Christi in der Händen halten und mit dem Mund genießen. Uns bleibt hier also nur die Möglichkeit, Realpräsenz als Metapher für Realpräsenz zu nehmen.

  7. Geheimnis der neuen Schöpfung in der alten
  8. Was wir vermeiden müssen ist die Vorstellung, wir würden beim Abendmahl das Fleisch Christi mit den Zähnen zerreißen, mit dem Magen verdauen und so weiter 18. Mit solch grobschlächtigen Vorstellungen werden rationale Schlussfolgerungen menschlicher Art aus dem Geheimnis des Glaubens gezogen. Dies aber ist nicht möglich, wenn es denn Geheimnis des Glaubens, also göttliches Geheimnis bei uns ist. Wohl genießen wir Leib und Blut Christi im Abendmahl mit dem Mund, jedoch geschieht es auf eine Weise, die wir nach unseren menschlichen rationalen Möglichkeiten nicht weiter erklären können 19. Allein dem Glauben erschließt sich solches Essen und Trinken.

    Die Realpräsenz im Abendmahl setzt ja die Gegenwart eben des Gekreuzigten und Auferstandenen voraus. Es geht nun aber bei der Auferstehung Christi nicht um die Wiederbelebung des Leichnams des historischen Jesus (somit also um Fortsetzung der alten Schöpfung), sondern es geht hier um Gottes neue Schöpfung. An ihr haben wir real Anteil, jedoch allein im Wort - im Zuspruch der Rechtfertigung allein aus Glauben. Sie wird uns allein dadurch wirklich, dass wir dem Wort glauben. Und: dasselbe Wort macht als das Gabewort des Einsetzungsberichts Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Diese Parallele mag deutlich machen, dass wir im Abendmahl nicht (in rational nachvollziehbarer Weise) das Fleisch des wiederbelebten historischen Jesus verzehren. Das wäre im Vollsinn des Wortes ein ganz und gar fleischliches Verständnis 20. Wir essen und trinken vielmehr nach der neuen Schöpfung Leib und Blut des Gekreuzigten und Auferstandenen in, mit und unter Brot und Wein. An ihr haben wir ja Anteil, indem wir - ich wiederhole mich - dem Wort glauben. Die menschliche Vernunft kann nur Dinge erfassen, die sich innerhalb der alten Schöpfung bewegen. Deswegen erschließt sich allein dem Glauben das Essen und Trinken im Abendmahl, als Geheimnis, verborgen in der alten Schöpfung.

    Die Überlegungen zur Wortsubstantialität mögen ein sehr inkohärenter Versuch sein, das Verhältnis von Gabewort, sakramentalen Elementen und sakramentaler Wirklichkeit zu erklären. Aber zumindest ist er doch geeignet, das hier angedeutete kapernaitische Missverständnis 21 abzuwehren. Letztlich bleibt uns nur, die Eucharistie glaubend und anbetend zu feiern.

  9. Opfer
  10. Gerade Johannes Brenz bringt in seiner Confessio Virtembergica von 1551 wieder den Opferbegriff für die Feier des Abendmahls ins Spiel, das auch er "Eucharistie" nennt, für die er die Konsekration bewusst festhält. Hier ein Abschnitt aus CV 19:

    "Da der Begriff sacrificium (Opfer) einen großen Umfang hat und ganz allgemein einen heiligen Dienst bedeutet, geben wir gerne zu, dass der wahre und rechtmäßige Gebrauch der Eucharistie in diesem Sinn ein Opfer genannt werden kann. Und wenn die Eucharistie nach der Einsetzung Christi so gefeiert wird, dass in ihr der Tod Christi verkündigt und der Gemeinde das Sakrament des Leibes und Blutes Christi ausgeteilt wird, so nennt man sie mit Recht eine Zueignung des Verdienstes des Leidens Christi, für diejenigen nämlich, die das Sakrament empfangen. Nicht zu verwerfen sind auch die christlichen Schriftlesungen und Gebete, die der sogenannten Konsekration (Segnung) und der Austeilung der Eucharistie voranzugehen und zu folgen pflegen." 22

    Freilich wird im folgenden dann geklärt, wie der Begriff des Opfers aufzufassen ist, und wie er nicht aufzufassen ist:

    "Der zweite Irrtum ist, die Eucharistie sei ein solches Opfer, das immerfort in der Gemeinde dargebracht werden solle, um die Sünden der Lebenden und der Toten zu sühnen und um andere Wohltaten leiblicher wie geistlicher Art (von Gott) zu erlangen. Dieser Irrtum streitet ganz offenkundig mit dem Evangelium Christi, das bezeugt, dass Christus mit einem Opfer, das nur ein einziges Mal dargebracht wurde, in Ewigkeit diejenigen vollendet hat, die geheiligt werden (Hebr. 10,14) ... Wir geben freilich zu, dass die alten kirchlichen Schriftsteller die Eucharistie ein Opfer und eine Darbringung genannt haben. Allein sie legen sich selbst so aus, dass sie unter dem Begriff des Opfers das Gedächtnis, die Verkündigung oder Predigt des Opfers verstehen, das Christus einmal am Kreuze vollbracht hat." 23

    Das Abendmahl verdient, ein Opfer genannt zu werden, wenn diese Metapher zu vermitteln in der Lage ist, dass Gott hier überschwänglich gut macht, was durch unsere menschliche Sünde verdorben ist - dein und mein Leben, wie auch die ganze Schöpfung - und dass es bei solcher Rechtfertigung allein durch Gottes Gnade um eine Geschichte voller Blut und Tränen geht.

    Das ist das Geheimnis des Glaubens: dass Gott ungeschuldet in der Geschichte Jesu Christi ein Mal und bis zum Jüngsten Tag gültig an uns und für uns gehandelt hat. Uns Menschen kommt allein die Rolle der Empfangenden zu. Jeder Versuch einer Wiederholung des Opfers von Golgatha wäre Menschenwerk. Doch wird die Gabe zu unserer Rechtfertigung noch heute ausgeteilt: Leib und Blut Christi in, mit und unter Brot und Wein. In dem Sinn, dass in der Gabe das Opfer präsent ist, kann man so sagen: Das Opfer dauert an. Das ist auch deshalb legitim, weil die Wirkmächtigkeit der Einsetzungsworte zusammen mit Leib und Blut Christi auch die Geschichte Jesu Christi präsent macht. Schließlich kann das Christusgeschehen nur in enger Vernetzung mit der Glaubensexistenz gesehen werden, denn auf sie ist es ausgerichtet. Und da wir darauf angewiesen sind, zeitlebens Leib und Blut Christi zu empfangen, ist es folgerichtig zu sagen, dass das Opfer andauert.

    Jedoch: nicht wir bringen die Opfergabe, sondern Gott schenkt sie uns als sein leibliches Gabewort zu unserer Rechtfertigung. Nur in diesem Sinn kann vom Abendmahl als von einem Opfer geredet werden. Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, die Ihr es anders seht: Bitte lasst uns darüber reden!

  11. Sakramentale Existenz
  12. Im Abendmahl feiern wir die Rechtfertigung des sündigen Menschen allein durch die göttliche Gnade um Christi Kreuz und Auferstehung willen. Durch solche Feier nehmen wir die neue Schöpfung vorweg - nichts weniger! - für die wir Gott Dank sagen, denn "sooft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt." (1. Kor. 11,26). Dies geschieht durch die Dramaturgie der gottesdienstlichen Handlung 24.

    Der christliche Gottesdienst zeichnet das Christusgeschehen für Liturg und feiernde Gemeinde nach, zur Vergegenwärtigung für die Gläubigen. In dieser Dramaturgie kommt dem Liturgen, der Liturgin die Rolle Jesu, der Gemeinde die Rolle der Jünger zu.

    Das Eingangsgebet verbildlicht den für uns den Qualen ausgesetzten Christus, der seine Jünger auffordert: "Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet!" (Mt. 26,41a). Das Stille Gebet stellt uns Christus als das Lamm vor, das nach Jes. 53,7 und Mt. 26,63a + 27,14 vor seinem Scherer verstummt. In Lesung und Predigt wird der predigende Jesus dargestellt, das Fürbittengebet verbildlicht das hohepriesterliche Gebet (Joh. 17) für die dem Herrn Anvertrauten. Präfation, Sanctus und Benediktus führen der Gemeinde den Einzug des Herrn in Jerusalem vor Augen, in der Kommunion vergegenwärtigen sich Zelebranten und Kommunikanten das Gründonnerstagsmahl, indem sie selbst dem Auftrag Christi nachkommen: "Das tut zu meinem Gedächtnis!" Schließlich stellt der Segensgestus mit den ausgebreiteten Händen den Gekreuzigten und zugleich den Auferstandenen dar, der den Jüngern die Nägelmale zeigt.

    Dies alles geschieht allein deshalb, um den Liturgen wie der Gemeinde zu vermitteln: "Seht, das hat Gott für uns getan." Gewiss kann hier von Aktualpräsenz des Heilsgeschehens von Golgatha gesprochen werden. Doch muss klar sein, dass dies ein Teilaspekt beim Abendmahl ist. Es ist damit nicht der ganze Sachverhalt beschrieben.

    1. Eucharistie
    2. Das Abendmahl ist deshalb Danksagung, Eucharistie. Dies müssen die Einsetzungsworte vermitteln. Sie sind ja auf ihr Gegenüber, die Gemeinde, ausgerichtet. Weil sie Christi performatives Wort durch unseren menschlichen Sprechakt sind, aus eben diesem Grund müssen sie ins eucharistische Hochgebet eingebettet sein, aus demselben Grund muss der Liturg, die Liturgin tun, was die Worte sagen 25, denn das wirkmächtige Wort ergreift auch unseren Umgang mit ihm:

      Der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward und mit seinem Jüngern zu Tische saß (die Gemeinde hat sich zusammen mit den Liturgen am Tisch des Herrn versammelt), nahm er das Brot (der Liturg, die Liturgin nimmt es in die Hand), sagte Dank (das geschieht im Eucharistiegebet) und brach's (der Liturg, die Liturgin tut, was gesagt wird), gab's seinen Jüngern und sprach (Gabegeste): "Nehmet hin und esset, das ist mein Leib (Kreuzzeichen über dem Brot), der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis." (Liturgen und Gemeinde werden es in der Kommunion tun). Desgleichen nahm er auch den Kelch (der Liturg, die Liturgin tut, was gesagt wird), sagte Dank (es geschieht im Eucharistiegebet), gab ihnen den und sprach (Gabegeste): "Trinket alle daraus, das ist mein Blut des Neuen Bundes (Kreuzzeichen über dem Kelch), das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden (Liturg, Liturgin und Gemeinde haben sie einander in Beichte bei der Absolution zugesprochen). Das tut, sooft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis!" (es geschieht in der Kommunion).

      Die liturgische Gestaltung in Beichte und Absolution, Präfation und Hochgebet, schließlich in der Kommunion gehört somit zum Einsetzungsbericht, wenn er denn in erster Linie performatives und nicht allein informatives Wort ist.

      Dass er sich stilistisch gegen die Einbettung in ein Gebet sperrt, soll dabei nicht stören. Dieser Umstand mag uns vermitteln, dass Christus und seine Gabe wohl immer fremd in unserer Welt sein werden, wohl sogar auch in unseren Gottesdiensten.

    3. Gedächtnis
    4. Da mit Leib und Blut Christi im Abendmahl auch die Geschichte seines Lebens, Leidens und Sterbens präsent ist, ist es freilich auch ein Gedächtnismahl. Die Gemeinde kommt ja seinem direkten Auftrag "Das tut zu meinem Gedächtnis" nach. Insofern ist der Einsetzungsbericht natürlich auch informatives Wort. Die Gemeinde erinnert sich hier an Jesu Weg zu unserem Heil und an den Ruf in die Nachfolge.

      Die Nachfolge dürfen wir weder überspitzen, noch kann er die Gabe des neuen ewigen Lebens überhöhen. Unsere Nachfolge wird in den meisten Fällen ein schwacher menschlicher Versuch bleiben. Das darf auch ruhig so sein. Aber es ist der Nachfolge eben verheißen, dass sie, bei aller Unzulänglichkeit, die Realpräsenz Christi im kirchlichen Handeln sein wird (Joh. 8,12), sei es nun diakonisches, gesellschaftliches oder politisches Handeln. Und: Christus ist auch im bedürftigen Gegenüber kirchlichen Handelns real präsent (Mt. 25,40), und das unabhängig davon, ob wir es mit Christen oder Nichtchristen zu tun haben. Denn das wirkmächtige Wort ergreift auch unser kirchliches Handeln. Vielleicht ist es das, worin die reformierte Kirche unserer lutherischen Kirche Vorbild sein kann.

      Das Abendmahl als Gedächtnismahl hat noch eine andere Konsequenz: Wir müssen Brot (oder Hostien) und Wein (oder Traubensaft) und nichts anderes verwenden 26! Wir sind an sie gebunden, einerseits dadurch, dass Jesus beim Gründonnerstagsmahl über ihnen das Gabewort sprach "Nehmt und esst, trinkt, das ist mein Leib, mein Blut für euch", anderseits dadurch, dass wir diese Verbindung zum jüdischen Passahmahl nicht aufgeben dürfen. Wir würden sonst das Abendmahl mit eigenmächtigen menschlichen Phantasien überfremden und beeinträchtigen.

    5. Gemeinschaft
    6. Das Abendmahl ist schließlich auch ein Gemeinschaftsmahl. Denn wenn der einzelne Glaubende mit Christus an seinem Tisch verbunden ist, dann sind es auch die Glaubenden untereinander. Dabei ist es Christi Gegenwart, die uns verbindet, nichts und niemand anderes. Wir sprechen es einander zu mit dem Friedensgruß. Dies aber hat Geltung für die ganze apostolische und katholische Kirche.

      Unter apostolisch ist zu verstehen: in der Lehre der Apostel gründend, dass Jesus Christus, Sohn Josephs und Marias aus Nazareth, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Sohn Gottes ist.

      Unter katholisch ist zu verstehen: allumfassend. Sie ist überall dort, wo Menschen auf den Namen des dreieinigen Gottes mit Wasser getauft sind.

      Es gibt keine andere Kirche als die katholische. Dazu bekennen auch wir Protestanten uns, denn im Grund genommen wollten wir niemals etwas anderes sein als wahrhaft katholisch. Dieses Attribut ist also nicht gleichbedeutend mit römisch-katholisch.

      Ist diese Verbundenheit in der einen Kirche nicht Grund genug, gemeinsam das Abendmahl feiern zu können? Indem wir einander am Tisch des Herrn willkommen heißen, aber auch, indem wir gelegentlich ökumenisch konzelebrieren? Das wirkmächtige Wort verbindet schließlich Menschen, die sonst nicht verbunden gewesen wären. Ich denke, dies ist der Punkt, an dem unsere freikirchlichen Schwestern und Brüder uns volkskirchlichen Protestanten Vorbild sein können.


Ich erhebe nicht den Anspruch, für meine Kirche gesprochen zu haben. Ich behaupte auch nicht, eine vollständige Darstellung der Lehre vom Abendmahl geleistet zu haben. Vieles wichtige wurde vielleicht nicht gesagt. Es mögen manche Begriffe weiter erklärungsbedürftig, vielleicht auch problematisch sein.

Ich weiß nicht, ob meine Position wie meine Sprache für meine Mitchristen und Mitchristinnen akzeptabel ist. Römisch-katholische und orthodoxe Christen einerseits, reformierte und freikirchliche Christen anderseits mögen für sie wichtige Aspekte vermissen. Dann würde ich sie gerne hören. Feministische Christinnen und Theologinnen mögen nach anderen Sprachbildern suchen. Das ist ihr gutes Recht und auch notwendig in einer Kirche, in der ihre Glieder ernst genommen werden.

Ich habe keine Probleme damit, nur eine Stimme unter vielen zu sein. In einem ganzen Chor von Stimmen ist der Einzelne jedoch nicht davon entbunden, so glockenrein wie möglich zu singen. Aber er singt eben im Chor mit den anderen zusammen. Christen sind gemeinsam auf dem Weg zu Gottes neuer Schöpfung. Ich habe das immer so aufgefasst, dass damit die heilige Pflicht verbunden ist, einander Heimat zu gewähren. Ich kann mir daher eine Abendmahlsgemeinschaft gar nicht anders vorstellen als ökumenisch. Sie würde uns wohl reich machen, denn wir Protestanten würden in ihr wieder den Zugang zum Geheimnis der Eucharistie, die Katholiken und Orthodoxen zur Wirkmächtigkeit des Wortes finden.

Allerdings muss das Abendmahl bleiben, was es ist: die Gegenwart Jesu Christi bei uns "in, mit und unter Brot und Wein". Es darf nicht zur Demonstration für menschliche Programme verkommen.


Fußnoten

1. Zugleich muss ich feststellen, dass für den Bereich unserer evangelischen Volkskirchen in der Presse zwischen reformierter und lutherischer Abendmahlslehre überhaupt nicht unterschieden wird. Zumeist herrscht die Meinung vor, die reformierte Lehre sei die in allen evangelischen Kirchen gültige. Wenn es um die Kenntnis der Abendmahlslehre unserer freien Schwesterkirchen geht, dann muss auch ich meine Verlegenheit eingestehen.

2. Das ist Evangelium im eigentlichen Sinn. Gesetzespredigt und Gerichtspredigt lasse ich hier beiseite. Es sei nur so viel angedeutet: Die Predigt des Evangeliums ist Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. An diesem mathematischen Punkt wäre anzusetzen.

3. Bereits mit dieser Bestimmung ist auf Martin Luther Bezug genommen. Belegstellen finden sich bei D. Wendebourg, Den falschen Weg Roms zu Ende gegangen?, in: ZThK 94/4, S. 437 - 467, vor allem in den Anmerkungen 76 und 87 - 99, S. 458 - 462.

4. Den Ausdruck "Deuteworte" halte ich für nicht sachgemäß.

5. Mit diesem Ausdruck ist auf O. Bayers Interpretation Bezug genommen, vor allem in: Leibliches Wort, Tübingen 1992, S. 289 - 313.

6. Röm. 10,17

7. Für den Substanzbegriff sind es vor allem die Passagen WA 3; 419,25 - 420,13 und 440,34 - 441,10. Ich folge hier G. Ebelings Interpretation: Die Anfänge von Luthers Hermeneutik, in: LuSt I, S. 1 - 68, vor allem S. 24 - 29.

8. Substanz ist also im Sinn von "substaculum" und "subsidentia" aufzufassen: das, worauf etwas beruht, der Rückhalt. Ebeling: "Substantia bedeutet in der Schrift nicht das Wesen eines Dinges an und für sich, sondern das, was es für den Menschen, der damit umgeht, bedeutet, bzw. das, als was es der Mensch nimmt, wie er sich in seinem Verhältnis dazu versteht." (A. a. O., S. 24).

9. Luther: "Natura verbi est audiri" (WA 4; 9,18f.), nicht loqui!

10. Hier wird unterschieden zwischen der Substanz einer Sache (ihrem Wesen an und für sich) und ihrer Akzidenz (ihrer Erscheinungsform). Bezogen auf die Wandlung wird dieses Schema in der katholischen Kirche des Mittelalters so angewendet: Wenn der geweihte Priester, und zwar nur er, konsekriert, dann verwandeln sich die Substanz von Brot und Wein in die Substanz von Leib und Blut Christi, während die Akzidenz erhalten bleibt (das Auge sieht ja weiterhin Brot und Wein).

11. Confessio Virtembergica, Art. 19: "Wenn vom Brot gesagt wird: 'Das ist mein Leib', so wird damit eine Verwandlung des Brotes in die Substanz des Leibes Christi nicht nötig. Vielmehr genügt es zur Wirklichkeit des Sakramentes, dass der Leib Christi wahrhaftig mit dem Brot zusammen gegenwärtig ist, ja man sieht sogar: um ein wahres Sakrament zu sein, ist erforderlich, dass zusammen mit der wahren Gegenwart Christi wahres Brot dableibe ... bei einer Verwandlung der Substanz des Brotes bestünde das Sakrament nicht wirklich." (Württembergisches Glaubensbekenntnis, ed. K. Gottschick u. W. Metzger, Stuttgart 1952, S. 82). Bündig fasst Brenz sein Verständnis lutherischer Abendmahlslehre in seinem Katechismus zusammen: "Das Abendmahl ist ein Sakrament und göttlich Wortzeichen, worin uns Christus wahrhaftig und gegenwärtig mit Brot und Wein seinen Leib und sein Blut schenkt und darreicht, und vergewissert uns damit, dass wir haben Verzeihung der Sünden und ein ewiges Leben." (EG 834).

12. Passim, s. etwa CA 5 + 14 (BSLK 58, 1 - 17 + 69, 1 - 5).

13. Für sachlich völlig falsch halte ich es, anstatt von Realpräsenz von Aktualpräsenz zu sprechen, auch wenn dieser Begriff geeignet erscheint, zwischen katholischer, lutherischer und reformierter Position zu vermitteln. Wenn es allein um die Präsenz des Heilsgeschehens bei Danksagung und Mahlfeier gehen soll, dann kann ich keine Gewähr mehr entdecken, dass menschliches Handeln nicht doch unter der Hand zum Grund der Gegenwart Christi wird. S. hierzu D. Wendebourgs Antrittsvorlesung an der Universität Tübingen vom 18.6.1997 Den falschen Weg Roms zu Ende gegangen?, jetzt abgedruckt in: ZThK 94/4, S. 437 - 467. Literaturhinweise dort.

14. EG 835 (vgl. BSLK 64, 1 - 8)

15. Auch die Konkordienformel widmet sich dieser Frage: FC VII / Epit. 40 (BSLK 803, 6 - 8) + SD 83f. (BSLK 1000, 27 - 44).

16. Arbeitshilfe Abendmahl mit Kindern, Ev. Landeskirche in Württemberg, 2001, S. 54. Vorentwurf Gottesdienstbuch I für die Ev. Landeskirche in Württemberg, Beilage 5 der Protokolle der 13. Ev. Landessynode, 2002, S. 191.

17. Was ist Wort Gottes anderes als das Kommen Gottes zu uns?

18. Auch die Konkordienformel wehrt sich gegen diese Vorstellung: FC VII / Epit. 15 + 41f. (BSLK 799, 17 - 35 + 803, 9 - 42) + SD 61- 65 (BSLK 993,4 - 994,22).

19. Auch die folgende Metapher, die ich einmal in einer Abendmahlsansprache hörte, ist nicht eben hilfreich: "So wie ein Schluck Wein augenblicklich im ganzen Körper fühlbar ist, so will Jesus unser ganzes Leben durchdringen." Freilich will er das! Aber er wird doch seinen Gläubigen nicht zu Kopf steigen?

20. Man überlege sich einmal, ob Vegetarier in diesem Fall noch am Abendmahl teilnehmen könnten!

21. Dieses Abendmahlsverständnis hat seinen Namen wohl von der Ortsangabe Joh. 6,59. Es lässt sich solches Missverständnis jedoch nicht mit Joh. 6, 51 - 59 begründen. Der gesamte Abschnitt 6, 22 - 59 (wie auch 6, 1 - 15) muss von Joh. 1,14 her interpretiert werden! Dieser Zusammenhang von Johannestexten zeigt gerade auf, wie Jesus Christus das leibliche Gabewort Gottes ist. Er eignet sich also zur Begründung gerade der Wortsubstantialität.

22. Württembergisches Glaubensbekenntnis, S. 83

23. A. a. O., S. 85f.

24. Hierfür orientiere ich mich an einer Interpretation der Messe aus dem 12. Jhd. von Honorius Augustodunensis. Ich entnehme sie dem Cover-Text einer CD: Th. Blinkley, Ostern in der Pariser Messe des Mittelalters und im liturgischen Spiel, DHM 1982, S. 4f.

25. Man verzeihe mir, dass ich meine etwas respektlose Kritik an württembergischer Trockenheit mittlerweile schon in obstinater Weise wiederhole. Ich habe den Eindruck, den Württembergern wäre es am liebsten, wenn die Einsetzungsworte lauteten: "Der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward und mit seinen Jüngern zu Tische saß, nahm er ein Buch in die Hand und las vor." Aber so lautet der biblische Bericht nun einmal nicht!

26. Ob gesäuertes Brot verwendet wird oder die dem ungesäuerten Brot nachempfundenen Hostien, das ist für uns nicht mehr von zentraler Bedeutung. Denn dadurch, dass Christus unser Passahlamm ist, sind wir nicht mehr an die rituellen Vorschriften des AT gebunden. Wein und Traubensaft entsprechen einander schon deswegen, weil wir nicht mit Sicherheit wissen können, ob das, was in antiker Zeit als Wein getrunken wurde, oft mehr gewesen ist, als ein scharfer Traubensaft.


Calw, am Pfingsttag 2003    Robert Stratmann

 

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