Donnerstag, der 9. September 2010
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P. Martin Löwenstein SJ (katholisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Frankfurt am Main (OT Harheim), am 02.03.1997
Okuli/3. Sonntag der Passionszeit

1. Das "Muss"

"Muss ich sonntags in die Kirche gehen?" - Was erwarten Sie vom Pfarrer für eine Antwort auf diese Frage. Ja und Nein sind gleichermaßen richtig. Ja - heißt es doch in den Geboten, wir sollten der Sabbat heiligen.

Nein - letztlich kann ich so eine Frage nur mit Nein beantworten. Die Frage selbst ist so absurd wie es die Frage eines verschleckten Kindes vor der Eisdiele wäre: "Muß ich ein Eis essen?" Es ist vor allem das "muss" das wir instinktiv mit dem Glauben assoziieren. Wenn wir gute Christen sein wollen, müssen wir das und das tun. So auch die Zehn Gebote.

2. Das Fundament

Schlagen Sie das Gotteslob auf Nr. 61, Die Zehn Gebote. - Fällt niemandem auf, das die Eröffnung der Zehn Gebote verkürzt und verstümmelt wurde? Wo ist der Satz: "Ich bin dein Gott, der Dich aus Ägypten geführt hat, dem Sklavenhaus!" Es ist bezeichnend, dass es hier wie fast überall, wo im Schulbuch oder Katechismus oder eben in unserem Gotteslob die Zehn Gebote aufgeführt werden, alles verzeichnet ist, was wir tun müssen.

Aber fast immer ist vergessen zu sagen, warum wir das tun wollen: Weil Gott ein Gott der Befreiung ist. Es sind die Regeln freier Menschen, des befreiten Volkes, die hier verkündet werden. Wer in Gott befreit ist muss nicht morden, stehlen, lügen, begehren und ehebrechen! Er kann aus Gott frei leben.

Wir sind nicht die Moralanstalt der Gesellschaft, die man in ihrer Nische akzeptiert, so lange sie handsame Moral zu bieten hat. Wir haben uns nicht nur in diese Ecke schieben lassen, wir stellen uns immer fleißig hinein. In der außerkirchlichen Öffentlichkeit tauchen wir nur auf, wenn Moral gefragt ist - oder abgelehnt wird.

3. Aus der Freiheit leben

Daher können wir nur bei uns anfangen und selbst aus unserem eigenen Bewusstsein leben: Wir sind die Kirche, die Christus verkündet, nicht die, zu der wir sie machen oder gar von Dritten machen lassen. Wir mögen für die einen Ärgernis sein, für die anderen Torheit, das bedeutet noch nicht, dass wir selbst uns diese Schuhe anziehen müssen. Für uns sollte nur Gottes Weisheit zählen.

Im gewissen Sinne geht es auch bei uns um Tempelreinigung. Es geht darum, wieder das Eigentliche zu entdecken, das Fundament freizulegen, die Witterung der Gottesfreiheit neu aufzunehmen und ihr nachspüren, uns von ihr erfassen lassen.

Dazu ist jetzt die Zeit, Zeit der Erinnerung: Fastenzeit ist die Zeit der Hinwendung zu Gott. Nennen wir nicht Gott, was nicht Gott ist; lassen wir uns nicht Regeln überstülpen, die von anderswoher kommen; lernen wir zu sehen, was alles nur relativ ist in dieser Welt - relativ zu Gott. Beginnen wir uns selbstbewusst als Kinder Gottes zu fühlen, eingesetzt als Erben, das was die Bibel die Rechte eines Sohnes nennt. Das allein ist die rechte Antwort auf die Frage, was ich als Christ alles muss: Ja, wir sollen sonntags in die Kirche gehen, weil in der Gemeinschaft der Kirche der einzig angemessene Ort ist, unsere Freiheit zu feiern.

Amen.

© Martin Löwenstein SJ 1997
http://www.Martin-Loewenstein.de

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