Freitag, der 3. September 2010
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Peter Unterrainer (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Braunau am Inn / Oberösterreich (Österreich), am 04.05.1996
Sonstige Ansprache

GEDENKSTUNDE FUER DIE OPFER VON KRIEG UND FASCHISMUS am Mahnstein

Liebe Freunde! Sehr geehrte Damen und Herren!

"Gedenkstunde für die Opfer von Krieg und Faschismus", so steht es auf der Einladung, mit der mich der Herr Bürgermeister gebeten hat, heute zu ihnen zu sprechen. Auf Plakaten fand ich diese Worte wieder, zum Schluß in einer Notiz auf S. 5 und in einer Annonce auf S. 6 in der "Braunauer Rundschau" dieser Woche.

Nun gibt es Menschen, die permanent fordern, doch endlich damit aufzuhören, der Opfer dieser unglückseligen Zeit zu gedenken. Man solle sich doch lieber den Problemen heute zuwenden, und außerdem, was soll das Geschwätz vom Faschismus, den gibt es bei uns nicht mehr, und ihr Jungen, ihr ward gar nicht dabei, also könnt ihr gar nicht mitreden.

Dann lese ich auf S. 5 der dieswöchigen "Braunauer Rundschau" im Zusammenhang mit der Diskussion über Veranstaltungen im GUGG von "fehlentwickelter Kunst" und "einem Kunstbunker". Ich werde von meinen Gefühlen durcheinander gebeutelt: fehlentwickelte Kunst - entartete Kunst - Kunstbunker Mir fallen Bilder ein, die ich in mein Unterbewußtsein hinuntergedrängt hatte -- denn das alles gibt es ja nicht mehr bei uns. Bilder fallen mir ein vom Block 11 in Auschwitz, dem Todesblock im KZ, der Folterzentrale der entmenschlichten Knechte des Unrechtsregimes: Anderssein Andersdenken Hungerbunker

Ich versuche, meine Gefühle zu kontrollieren, und langsam wieder vernünftig zu werden: Nein, das gibt ja bei uns nicht mehr. Alle sagen das: die Politiker, die klugen Leute; ich höre einfach nicht auf das Gerede. Aber ich kann es nicht verdrängen: in meiner Umgebung höre ich einfach zu viel von solchem Gerede. Alltagsfaschismus nenne ich das. Alltagsfaschismus, der den Boden vorbereitet für den harten Faschismus, der das umsetzt, was jetzt - unter dem Mäntelchen:

"Denken wird man ja wohl noch dürfen!" - als Meinung des "normalen" Bürgers propagiert wird. Also bin ich wohl nicht "normal" oder "leistungsbereit" oder "ehrlich" oder "Wie-die-Begriffe-sonst-noch-heissen-mögen". Hier spricht einer zu ihnen, der "unnormal" ist, wahrscheinlich ein "leistungsfeindlicher Sozialschmarotzer" - ich untersuche das gerade noch genauer - und "unehrlich" bin ich auch noch; also passen sie auf, daß Sie hinterher nicht als Betrogene nach Hause gehen.

Ich fordere daher für die "Unnormalen" einen "Normalisierungsbunker", für die "leistungsfeindlichen Sozialschmarotzer" brauchen wir einen "Leistungsbunker" und für die "Unehrlichen" einen "Ehrlichkeitsbunker". Wir werden schon noch Ordnung in unser Land bringen! Wer gegen die Norm verstößt, ab in den "Normungsbunker"!

Sind jetzt doch meine Gefühle mit mir durchgegangen, ist mir noch das letzte Stückchen Vernunft abhanden gekommen? Sagen Sie ruhig: ja; ich empfinde es als keine Schande, von Gefühlen bestimmt zu sein, noch dazu, wenn diese Gefühle "Sorge" und "Angst" heißen.

Ich halte es für besser, mit seinen Gefühlen ehrlich seiner Meinung Ausdruck zu verleihen, als mit Vernunft bewußt die Unwahrheit zu sprechen und den "normalen Bürger" für dumm zu verkaufen.

Für dumm verkauft werde ich von den verantwortungstragenden Politkern, die mir eine Belastungswelle sondergleichen als Sparpaket anpreisen. Ich halte das Sparen für einen zu großen Wert, als damit Schindluder getrieben werden dürfte. Wir brauchen in unserem Österreich eine verantwortungsbewußte, sparsame Politik, die dem Menschen ehrlich gegenübertritt und Belastungen, die aufgrund früherer kollektiver Prasserei jetzt zu tiefen Einschnitten in den Wohlfahrtsstaat führen, auch Belastungen nennen. Ich denke, jeder von uns muß den Wohlstand mitfinanzieren, in dem er lebt, und zwar anteilig. Das Belastungspaket der Regierung jedoch trifft diejenigen in besonderer Weise, die schon a priori an den Rand der Wohlstandsgesellschaft gedrängt sind: die Frauen, die Alleinerziehenden, die Arbeitslosen, die Behinderten, die Alten und Pflegebedürftigen, die Studenten.

Das Belastungspaket raubt den jungen heranwachsenden Menschen in unserer Gesellschaft jede Zukunftsperspektive, denn es wird nur an den Symptomen der budgetären Probleme herumgedoktert, es werden aber nicht die Ursachen dieser Probleme angesprochen und beseitigt. So kann sich ein Potential von unzufriedenen Menschen entwickeln, die den alltagsfaschistischen Parolen auf den Leim gehen. Menschen, die unser Land lieben, aber in dem Gewirr der parteipolitischen Machtspiele sich selbst und ihre Probleme nicht wiederfinden.

Wir gedenken heute der Opfer von Krieg und Faschismus. Unser Gedenken ist aber umsonst, wenn wir die Mahnung ihres Kampfes gegen Unrecht und Tod überhören: Allein die Solidarität aller kann absolutem Machtanspruch und Totalitarismus wirksam begegnen.

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, ich rufe Sie auf zu einer mitmenschlichen Solidarität über alle partei- und gesellschaftspolitischen Grenzen hinweg; zu einer ehrlichen, sozialen und undemagogischen Politik für die Menschen Österreichs. Nur dann wird Österreich weiterhin die Kraft haben, im Konzert eines freien Europas mitspielen zu können.

© Peter Unterrainer 1996

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