Freitag, der 3. September 2010
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Pfr. i. R. Klaus Deßecker
über: 2. Samuel 7, 4-6+12-14

Lahr / Schwarzwald (bei Offenburg (Ortenaukreis)), am 24.12.1998 (Kirche Allmannsweier)
Heiligabend/Christvesper

Liebe Gemeinde!

In der Weihnachtsgeschichte kommt der Name eines Mannes vor, der tausend Jahre vor Jesus lebte. Es handelt sich um den König David, und Bethlehem wird "Davids Stadt" genannt. Warum ist dies dem Evangelisten Lukas, der die Weihnachtsgeschichte aufgeschrieben hat, so wichtig? Unser diesjähriger Text zur Christvesper gibt darauf die Antwort. Darin heißt es, dass David vom Propheten Nathan ein Nachkomme verheißen wurde, von dem Gott sagte: Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein (2. Samuel 7, 14a).

Der Evangelist Lukas will seinen Lesern sagen: auf die Erfüllung dieser Verheißung haben wir tausend Jahre lang warten müssen, aber jetzt endlich ist der Davids Sohn geboren, in dem Gott leibhaftig zugegen ist wie der Vater in seinem Sohn. Und noch etwas anderes macht der Predigttext aus dem Alten Testament deutlich: jetzt ist auch die Zeit gekommen, in der für Gott ein Haus gebaut werden soll, das seiner würdig ist.

Zu allen Zeiten und überall in der Welt haben Menschen gefragt, an welchem Ort Gott gesucht und gefunden werden kann. Sie haben für Gott herrliche Häuser gebaut, die sie Tempel nannten. Auch David wollte das, und sein Sohn Salomo verwirklichte es und baute in Jerusalem auf dem Berg Zion einen wunderbaren Tempel, in dem großartige Gottesdienste gefeiert wurden. Aber diese Versuche, für Gott eine Herberge in unserer Welt zu finden, hatten keinen Bestand. Salomos Tempel wurde im Krieg zerstört, und dem Tempel, den man wieder aufgebaut hatte, und den Jesus besucht hatte, ging es ebenso. Nicht nur Maria und Joseph, sondern Gott selber ist in unserer Welt immer auf der Suche nach einer Herberge.

Der Dichter Wolfgang Borchert schrieb kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ein Gedicht, dem er die Überschrift Kinderlied (Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Rowohlt Verlag Hamburg 1959, S. 267) gab. Darin heißt es:

Wo wohnt der liebe Gott?
Im Graben, im Graben!
Was macht er da?
Er bringt den Fischlein's Schwimmen bei,
damit sie auch was haben.

Wo wohnt der liebe Gott?
Im Stalle, im Stalle!
Was macht er da?
Er bringt dem Kalb das Springen bei,
damit es niemals falle.

Wo wohnt der liebe Gott?
Im Fliederbusch am Rasen!
Was macht er da?
Er bringt ihm wohl das Duften bei
für unsre Menschennasen.

Liebe Gemeinde,
dieser Dichter suchte Gottes Wohnung zunächst im jungen Leben in der Natur, wo die Fische das Schwimmen und die Kälber das Springen lernen. Erst im letzten Vers und im letzten Wort nähert sich Wolfgang Borchert dem Menschen, nicht dem ganzen Menschen, sondern nur unseren Nasen, für die der Flieder im Frühling duftet. Und gerade mit diesem Vers nähert sich Wolfgang Borchert auch vorsichtig der Weihnachtsbotschaft. Sie heißt: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Weihnachten bedeutet, dass die Wohnungssuche Gottes unter uns Menschen ihr Ziel gefunden hat. Auch der Tempel Gottes wird nicht aus Stein, sondern aus Fleisch, er wird unter Menschen gebaut. Der Apostel Paulus schrieb der Gemeinde nach Korinth wenige Jahrzehnte nach der Geburt Jesu: Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt? Darum preist Gott mit eurem Leib (1. Korinther 6, 19 + 20 (Auszug)). Paul Gerhardt hat dies in seinem Weihnachtslied, das wir nun singen, in einem Gebet gesagt:

So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all dein Freuden.

Wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht, dann hat die Wohnungssuche Gottes ein Ende, dann ist es nicht nur in Bethlehem, sondern dann ist es in uns selber Weihnacht geworden.

Amen.

© Klaus Deßecker 1998

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