Montag, der 6. September 2010
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Pfr. Andreas Klein (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Mühltal (bei Darmstadt), am 07.04.1996
Osternacht

Liebe Gemeinde,
ich nehme einmal stark an, Sie waren noch nie in einem Schweizer-Gefängnis. Und wenn dann höchstens wegen versuchten Toblerone-Schmuggels! Nun ist es aber leider so, daß in der Schweiz nur der Käse Löcher hat und nicht die Gefängnisse. Also, wer in der Schweiz im Knast sitzt, der sitzt, genau wie anderswo, solange bis die Tür sich wieder öffnet. Schweizerische Gefängnisse sind wahrscheinlich sehr sauber, aber genauso verschlossen wie alle Gefängnisse der Welt. Warum ich das erzähle? Der von mir geschätzte Lehrer der Theologie Karl Barth aus Basel pflegte gerne immer wieder ins Gefängnis zu gehen.

Nein, nicht wegen ertapptem Schokoladen- Schmuggels oder wegen Geldwäsche im Genfer See, nein, Karl Barth ging immer wieder ins Basler Gefängnis, um dort zu predigen. Dort war er lieber als im Basler Münster, der großen Hauptkirche, wo all die feinen Leute saßen. Und so war Barth auch an einem Sonntag- Morgen dort im Gefängnis. Es war Ostersonntag.

Barth hatte sich bei der Gefängnisleitung die Genehmigung geholt, immer wieder die Gefangenen auf den Zellen besuchen zu dürfen. Und so kannte er mit der Zeit viele der Häftlinge mit Namen und auch deren Schicksal.

An diesem Sonntagmorgen fiel Barth auf, daß einer der Häftlinge fehlte. Und so ließ er die Versammlung warten, sagte: "Jetzt muß ich erst diesen Mann besuchen", er ging auf dessen Zelle, trat ein, legte dem Mann den Arm um die Schultern und sagte:

Du Paule, hit isch Oschtere, do muesch nit truurig sy, chumm mit! Du Paule, heute ist Ostern, da mußt du nicht traurig sein, komm mit! Das ist der Punkt! Darauf kommt es an: Du mußt nicht traurig sein, komm mit!

Kommst du auch mit? Das ist Ostern! Die Gefängniszelle unseres Lebens, die der Tod verrammelt und verschlossen hat, ist aufgebrochen, die Tür, die so verniegelt und vernagelt war, ist auf, das Schloß ist zerstört!

Komm mit, komm raus! Vielleicht sagst du jetzt: Na, ja! Dieser Paule mußte doch nach dem Gottesdienst mit diesem Karl Barth bestimmt wieder zurück in die Zelle. Das stimmt. Und wir müssen alle sterben.

Aber wo Gott Menschenherzen gnädig und frei spricht, haben Gefängnismauern der Menschen die Macht verloren. Wo Gott ins Leben ruft, da hat der Tod verloren. Heute ist Ostern, du mußt nicht traurig sein, komm mit!

Und wenn wir jetzt Taufgedächtnis haben, denken wir daran, daß die Taufe das Zeichen dieses österlichen Lebens ist. Untergetaucht und gestorben, wieder aufgetaucht und im Leben. Halt im Gedächtnis, Jesus Christ, der von den Toten auferstanden ist. Ich lade Sie jetzt ein zum Taufgedächtnis. Sie können am Taufstein vorbeigehen, in das Wasser fassen und wenn Sie mir die Hand hinhalten, dann zeichne ich ein Kreuz darauf und spreche es Ihnen zu: Du bist Gottes Kind. Das ist kein Sakrament, das ist auch kein geweihtes Jordanwasser, aber es ist dazu da, daß wir uns daran erinnern: Heute ist Ostern. Du mußt nicht traurig sein, komm mit.

Amen.

© Andreas Klein 1996
http://www.traisa-lebt.de/

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