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Pfr. Andreas Klein (evangelisch)
über:
kein konkreter bibl. BezugMühltal (bei Darmstadt), am 09.11.1997 Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr |
Das Reich Gottes. Das ist heute unser Thema. Reich Gottes?
Liebe Gemeinde,
Schon das Wort Reich hat doch einen merkwürdigen Klang. Seltsame Untertöne werden bei diesem Wort laut. Besonders bei uns in Deutschland. Das Wort tönt monarchisch. Beim Klang des Wortes Reich habe ich immer ein bißchen den Schnurrbart des letzten deutschen Kaisers vor Augen, der alles in allem eine tragische Figur war.
Das Wort tönt politisch. Nicht zuletzt ist es das Wort vom dritten Reich, oder gar vom tausendjährigen Reich, das indes nur 12 Jahre dauerte, das unsere Assoziationen zunächst lockt. Heute, am 9. November, dem Tag auch der Reichspogromnacht, denken wieder viele daran.
Und dann hört sich das Wort Reich genau so an, wie reich, im Sinne von wohlhabend und eben nicht arm. Reich soll ein Reich doch auch sein, wenn es denn Eindruck machen will. Zur Zeit Jesu kannte man große Weltreiche. Das heißt: Aktuell war nur eines, das römische. Andere waren schon längst untergegangen, nur ihre Legenden und ihr schon verblaßter Ruhm wirkten noch nach: Das babylonische Reich, das persische Reich, das griechische Reich Alexanders des Großen, das etwa 300 vor Christus das erste Weltreich überhaupt war.
Reiche in der damaligen Zeit waren nicht so wie die Reiche heute durch ihre Grenzen definiert, sondern durch die Mitte. Heute nimmt man die Landkarte und sieht, bis dahin, bis zu jenem Breiten- und Längengrad reicht ein Reich.
Doch die Reiche der Antike waren anders strukturiert: Es waren Eroberungsreiche und lebten von der Kraft in der Mitte. Diese Kraft wurde sichtbar an den Soldaten und Beamten, die an den Grenzen des Reiches die Steuergelder eintrieben. So weit deren Kraft, deren Einfluß reichte, reichte auch das Reich. Konnte man die aber zur Seite schaffen, war dort das Reich zu Ende.
Das Reich reicht so weit, wie die Kraft nach außen geht. Nun geht es heute nicht um monarchische, nicht um politische Reiche, nicht um Weltreiche, sondern um das Reich Gottes.
Das ist ein besonderes Reich. Eben das Reich Gottes. Offensichtlich tritt es als solches schon in Konkurrenz mit anderen Reichen. Das müssen nicht unbedingt die Reiche der Welt sein. Das muß nicht das Reich des Bösen sein.
Aber vielleicht ist das Reich Gottes, die Bibel nennt es die Königsherrschaft Gottes, ein Reich, das eine ganz eigene Definition hat. Aber das Reich Gottes ist von der Struktur her nicht durch die Grenzen definiert, sondern das Reich Gottes lebt von der Kraft in seiner Mitte und auch hier ist die Frage, wie weit diese Kraft nach außen trägt und verändert.
Zwei Beispiele aus der Geschichte. Genug des Vorspanns: Ich möchte jetzt zwei Menschen vorstellen: Ein Mann und eine Frau aus der Geschichte der Kirche und der Welt, die für mich ganz deutlich machen, wie das ist mit dem Reich Gottes, das von seiner Mitte her wirkt und an den Grenzen um immer mehr Einfluß ringt.
Elisabeth von Thüringen
Wer die Stadt Marburg kennt, kennt die Elisabethen-Kirche unten an der Lahn. Dort liegen die sterblichen Überreste von Elisabeth, einer Frau, die schon bald nach ihrem Tod heilig gesprochen wurde, einer Frau, die die Menschen ihrer Zeit, des hohen Mittelalters, tief beeindruckt hat, weil sie so ganz anderes war.
Die Eckdaten ihres Lebens, weisen uns markant und pointiert in diese Zeit hinein. Elisabeth wurde nicht alt. Sie starb im Jahr 1231 im Alter von 24 Jahren, nachdem sie in Marburg ein Hospital für Kranke, Arme und Sterbende errichtet hatte.
Eigentlich war sie die Tochter des ungarischen Königs Andreas und wurde schon mit 4 Jahren aus politischen Gründen verlobt, mit dem Sohn des thüringischen Landgrafen Hermann und zog auf die Wartburg. Ihr Bräutigam war wenig älter und die Verlobung vollzog sich, indem die beiden symbolisch in ein Gitterbettchen gesteckt wurden!
Elisabeth wuchs auf der Wartburg auf, ihr Verlobter starb aber, als sie 9 Jahre alt war, und Elisabeth heiratete dann den jüngeren Bruder Ludwig. Mit dem hatte sie dann drei Kinder. Doch bemerkenswert an ihrem Leben sind zwei Dinge. Elisabeth konnte und wollte von der Wartburg auf der sie lebte, die große Not der Menschen im Land nicht übersehen: Armut und Hunger, Seuchen: Lepra und Pest. Der höfische Stand vermied damals, wie die Pest, jeglichen Kontakt mit dem armen Volk. Elisabeth ging aber in die Hütten der armen Leute hinein. Dafür wurde sie sogar von ihren Dienerinnen ausgelacht. Bei Hofe zeigte man sich schockiert, über solch ein Verhalten, das die Mauern des Ständedenkens durchbrach.
Das Zweite: Elisabeth war angesteckt von der Liebe Jesu und von seiner Aufforderung, sich nicht zu sorgen, sondern zu vertrauen. Sie machte das ganz konkret, indem sie bei einer der vielen Hungersnöte, die es damals gab, die Notreserven der höfischen Versorgung anbrach und an die Armen in der Stadt verteilte. Die Hofbeamten beschwerten sich auf das Schärfste bei ihrem Mann, als der zurückkam, doch der nahm sie in Schutz.
Als ihr Mann dann bei einem Kreuzzug starb, war es eine Gelegenheit, sie loszuwerden: Man gab ihr ein Erbteil in Marburg, dort baute Elisabeth ein Hospital, in dem sie selbst lebte und arbeitete.
Vieles aus dieser Zeit ist und bleibt uns fremd. So war der Seelsorger von Elisabeth, Konrad von Marburg, gleichzeitig gefürchtet als Inquisitor. Und der Mann von Elisabeth starb auf dem Kreuzzug in Italien. Was empfinden wir bei diesem Wort!?
Und die Frömmigkeit von Elisabeth war etwas, was mir Angst macht. Sie selbst war streng und ungnädig zu sich selbst. Dennoch bleibt ein andrer Eindruck: Eine Frau, die mutig ihren Weg ging und Gottes Reich kam in die Welt.
In dem Lied, das wir eben gesungen haben, kam das doch zum Ausdruck. Da hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, da lebt er schon in unserer Welt. Das bedeutet doch: Gottes Reich. Oder?
William Wilberforce
Das ist nun die zweite Person, die ich Ihnen kurz vorstellen möchte. William Wilberforce war britischer Parlamentsabgeordneter. Er brachte im Jahr 1789 als engagierter Christ eine Parlamentsrede zur Abschaffung der Sklaverei ein, mit der damals über den Dreieckshandel: Afrika, Amerika und Europa viel Geld verdient wurde. Das war 1789. Doch erst im Jahr 1807 hatte William Wilberforce damit Erfolg und das britische Parlament stimmte für die Abschaffung der Sklaverei. 18 Jahre blieb William Wilberforce an dieser Sache dran. Er wurde belächelt, wurde beschimpft und angefeindet und blieb sich doch treu.
Das Ende der Sklaverei - leider gibt es die heute immer noch, offen oder verdeckt - das ist für mich so ein Durchdringen des Reiches Gottes in diese Welt hinein. Ganz konkret und markant!
Resümee
Ganz konkret und ganz markant wollten auch die Pharisäer wissen, wann das Reich Gottes kommt. Auch sie wollten Zeichen, nicht nur am Himmel, sondern auf der Erde sehen. Indizien für das Reich Gottes, für seine Ausbreitung, so wie wir gerade Indizien in der Geschichte der Kirche meinten gefunden zu haben.
Ganz konkret und ganz markant wollten es die Pharisäer wissen, woran man es sieht. Und man möchte annehmen, daß Jesus ihnen eine Antwort gibt, wie er sie kurz zuvor anderen Fragestellern gegeben hatte. Die hatten ihm im Auftrag des Johannes des Täufers gefragt, ob Jesus der Messias sei. Das ist exakt die gleiche Frage nach dem Reich Gottes, das hing für die Juden zusammen.
Auf diese Frage hatte Jesus geantwortet: Sagt Johannes, der im Gefängnis sitzt, das was ihr seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Tote stehen auf und die Armen hören die Gute Nachricht Gottes.
Das wären doch solche markanten Indizien. Das waren doch die Begleiterscheinungen des Auftretens Jesu, daran hat man ihn doch als Messias erkannt! Doch hier ist die Antwort Jesu viel zögerlicher: Er sagt: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es beobachten kann. Man kann es nicht festmachen, nicht definieren: Hier oder da ist es. Ich habe es! Heureka! Nein.
Warum ist Jesus nun so skeptisch, warum können wir es nicht spürbarer haben, warum spüren wir nicht deutlicher die Indizien dieses Reiches in unserem Leben. Weil die Indizien verwechselbar sind. Jesus sagt: Es wird eine Zeit kommen, in der an allen Ecken der Welt Leute stehen und sagen: Hier ich habe es gefunden: In meiner Lehre, in meiner Wahrheit, in meiner Meinung, da ist die Hoffnung. In der ökologischen Erneuerung, in der amerikanischen Weltherrschaft, in Befreiungsbewegungen, in jenem oder diesem, da ist das Reich.
Indizien sind verwechselbar. Darauf kann man reinfallen, das kann einem auch vorgegaukelt werden. Das ist tausendfach unter Berufung auf die Bibel in der Geschichte geschehen! Bleibt jetzt alles im Nebulösen? Nicht hier und nicht da und etwas Genaues weiß man nicht?
Nein. Auf die Frage der Pharisäer gibt Jesus eine glasklare Antwort. Das Reich Gottes ist mitten unter euch! Sehen wir genau hin! Er sagt das auf die Frage der Pharisäer (!). Nicht auf die Frage der Jünger. Aber die Pharisäer waren seine Feinde! Die haben seinen Tod mitbetrieben. Und Jesus sagt ihnen zu: Das Reich Gottes ist mitten unter euch!
Wie das? Wir dürfen einen Satz ergänzen: Das Reich Gottes ist mitten unter euch! Denn da bin ich. Mitten unter euch. Denn in diesem Moment sagt Jesus es zu. Indizien sind verwechselbar. Doch Jesus ist unverwechselbar, er ist einzigartig, er ist eindeutig. Und deswegen wollen wir das tun. In der Welt beobachten, was geschieht und wie Martin Niemöller immer fragen: Was würde Jesus dazu sagen?
Und wir wollen uns im Jesus sammeln, weil er die Mitte, die Kraftquelle des Reiches. Das tun wir im Gottesdienst. Und uns von ihm senden lassen. Auch Elisabeth von Thüringen und William Wilberforce wußten sich von ihm gesandt. Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
Amen.
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