Mittwoch, der 30. Juli 2014
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Gemeindepredigerin Katharina Larsen (evangelisch)
über: Hoheslied 2, 8-14

Gommern (bei Magdeburg), am 11.05.2003
Jubilate

Frühlingsgefühle, das ist das Thema dieses Gottesdienstes. Was passiert mit uns - mit der Natur - dass Veränderungen geschehen? Dass plötzlich nach langen dunklen Wintertagen die Natur überbordet aus braunen kahlen Feldern werden grüne oder kräftig gelbe Felder, und fast über Nacht haben die Bäume Blätter bekommen. Knospen, die über Monate eng verschlossen waren, sind aufgeplatzt und zeigen ihre prächtigen Farben, rot, weiß, lila, rosa und gelb. Aus den Kokons sind die einstigen Larven zu bunten Schmetterlingen ausgeschlüpft. Frösche quaken, Vögel piepen, Mücken pieken, und Bienen summen.

Frühling, das ist auch die Zeit, wo das Leben sich wieder nach draußen verlagert. Vor ein paar Wochen waren wir mit den Jugendgruppen noch in den kalten Räumen und jetzt können wir auf der Wiese sitzen und in den Himmel schauen.

Zum Thema Frühling, da haben einige von Euch geschrieben: Leidenschaft, kürzere Kleider, Liebe und Zärtlichkeit.

Der Frühling hat auch viele Dichter und Liederkomponisten animiert, z.b. hat Mozart das Lied komponiert (vielleicht kennt ihr es): "Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün. Und lass uns an den Bache, die kleinen Veilchen seh´n"

Frühling, das ist die Zeit, in der wir nach langen Monaten die Winterjacken in den Schrank packen können. Es ist die Zeit, wo die Tage endlich länger werden wo das Licht die Dunkelheit ablöst. Mit dem Frühjahrsputz soll dann noch der letzte Rest von Winterschmutz und muffeligem Geruch aus dem Haus oder aus der Wohnung vertrieben werden.

In der Bibel gibt es auch ein Lied, was von Frühling in der Natur und der Beziehung zwischen zwei Menschen erzählt. In der letzten Woche haben wir in einigen Gruppen schon darüber gesprochen. Aber die Poesie aus dem alten Orient ist heute nicht mehr so einfach zu verstehen.

Marianne hat in den letzten Tagen das Lied vertont. Sie möchte euch die Schönheit der Bilder und die Tiefe der Sprache mit ihrer Komposition verständlich machen. Und ich möchte Euch erklären, was ich hinter diesen Liebes- und Frühlingsbildern sehe und warum der Frühling und diese Liebe das wiederspiegeln, was Gott uns immer wieder gibt, und das ist: Die Auferstehung aus Dunkelheit, Einsamkeit, Hass, Angst und Trauer in Licht, Gemeinsamkeit, Freiheit, Versöhnung, Vertrauen und Liebe.

Bibeltext Hohelied 2, 8 - 14 (erst mit Gitarre und Gesang, dann gesprochen).

Der Winter ist vergangen

Da ist die Stimme meines Freundes!
Siehe, er kommt
und hüpft über die Berge
und springt über die Hügel.
Mein Freund gleicht einer Gazelle
oder einem jungen Hirsch.
Siehe, er steht hinter unsrer Wand
und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter.

Mein Freund spricht zu mir:
Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!
Denn siehe, der Winter ist vergangen,
der Regen ist vorbei und dahin.
Die Blumen sind aufgegangen im Lande,
der Lenz ist herbeigekommen,
und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande.
Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen,
und die Reben duften mit ihren Blüten.

Steh auf, meine Freundin, und komm,
meine Schöne, komm her!
Meine Taube in den Felsklüften,
im Versteck der Felswand,
zeige mir deine Gestalt,
lass mich hören deine Stimme;
denn deine Stimme ist süß,
und deine Gestalt ist lieblich.

Was für eine Beziehung haben die beiden Menschen, der Mann und die Frau, die sich "mein Freund" und "meine Freundin" nennen?

Zum einem fällt auf, dass sie sich mit Respekt und Liebe ansprechen. Der Mann spricht: "Meine Freundin, meine Schöne, zeige mir deine Gestalt, lass mich hören deine Stimme; denn deine Stimme ist süß, und deine Gestalt ist lieblich." So reden wir heute nicht mehr miteinander. Aber wer sich liebt und zärtliche Gefühle für einander hat, denkt sich immer neue Koseworte für den Partner oder die Partnerin aus, manchmal sind es auch Tiernamen. Bei den Worten des Freundes rührt besonders an, dass er die positiven Gefühle, die er seiner Freundin gegenüber hat, ausspricht. Wer schon mal solche Worte vom Freund oder der Freundin gehört hat, der weiß, wie gut es tut, liebenvolle Komplimente zu hören. Sie geben das Gefühl, etwas ganz besonders für den anderen zu sein.

Die Freundin hat merkwürdige Namen für ihren Freund. Warum vergleicht sie ihn mit einer Gazelle? Nun, ich habe Gazellen springen gesehen. Gazellen sind sehr anmutige Tiere, ähnlich wie Rehe. Sie können sehr schnell laufen und mitten im Lauf, springen sie plötzlich ganz hoch. Einen Moment sieht es so aus, als ob sie schwerelos über den Boden schweben. Kein Hindernis, keine Schwelle würde sie hindern, weiterzukommen. Ein kurzer Anlauf, und schon schweben sie in der Luft darüber hinweg. Impalas, so heißen diese Gazellen, in Südafrika. Wenn viele Gazellen eng beieinander stehen, sieht es im Abendlicht wie ein silbern waberndes Meer aus.

Hindernisse ja, die hat es sicherlich zwischen den beiden gegeben. Große Steine und Brocken, zu schwer, sie wegzutragen. Und scheinbar überwindbar hoch eben: wie Berge und Hügel.

Was kann es sein, was zwischen zwei Liebenden eine Eiszeit auslöst, ein Stillstand in der Beziehung? Harte und ungerechte Worte? Das ignorieren der Wünsche und Bedürfnisse des anderen? Eine Verletzung, auf die der andere nur mit Hass und Ärger reagieren konnte? Eine Spirale von Missverständnissen? Gekränkte Eitelkeit?

Ihr habt da sicherlich Erfahrungen, wie ihr die, die ihr liebt, verletzt oder wie der, den ihr liebt, euch wehtut und auf einmal versteht man einander nicht mehr.

Der Freund aus dem Lied, auch er ist nicht gleich ein willkommener Gast, der mit offenen Armen empfangen wird: Erst steht er hinter der Wand, draußen vor dem Haus. Er traut sich nicht rein, auch wenn er jetzt schon wieder ganz dicht bei seiner Freundin ist. Vorsichtig schaut er durchs Fenster. Da ist ein Gitter vor.

Sicherlich habt Ihr im Fernsehen die Frauen im Afghanistan gesehen. Sie tragen diese schwarzen Gewänder, Burka genannt. Sobald sie die Mädchen zur Frau werden müssen sie ihren Weiblichkeit und Schönheit ausstrahlenden Körper verhüllen. Eine Frau, die ohne Burka durch die Straßen in vielen arabischen Städten geht, wird mit Schimpfworten belegt und als Prostituierte bezeichnet. Sie verliert ihren guten Ruf in der Öffentlichkeit. Wahrscheinlich will sie jetzt kein ehrenwerter Mann mehr haben.

Die Burka verdeckt nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf. Sogar die Augen sind verdeckt, vor ihnen ist ein weißes Gitternetz. Dieses Gitter schützt sie vor unverhohlenen spöttischen und abschätzigen Männerblicken. Ein Gitter zu heben, braucht Vertrauen, Liebe und Freundschaft.

Gibt es so etwas auch hier? Klar, bei Hochzeiten? Vielleicht kennt ihr noch Bilder von euren Großeltern: Einige Frauen hatten einen Brautschleier um den Kopf, der auch das Gesicht verhüllte. Nach dem Ja-Wort am Altar hob der Bräutigam den zarten Gitterschleier zum ersten offiziellen Kuss hoch und sah der Braut ins Gesicht.

Die Freundin in diesem Liebeslied in der Bibel, was hatte sie für einen Grund, dieses Gitter zu tragen? Der Text sagt darüber nichts aus. Aber, sie hat sich vor dem Freund eine Zeitlang versteckt. Hat ihre Liebe nicht zeigen können. Der Freund nennt die Freundin ja, "meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Felswand". Die Taube, sie steht in der Musik, z.b. in dem Oratorium von Joseph Haydn, der "Schöpfung" für Liebe. Das Gurren eines Taubenpaares ist das Symbol für zärtliche und sehnsuchtsvolle Worte von Liebenden.

In dem Liebeslied in der Bibel versteckt sich die Freundin scheu, aber der Freund lockt sie mit seinem liebevollen Ruf aus ihrem Versteck, dass sie sich im mit ihrer schönen Stimme und ihrer süßen Gestalt zeigt.

In diesem Zwiegespräch zwischen den Liebenden ist der Frühling eingebettet. Der Liebende spricht zu seiner Freundin, dass der Winter vorbei ist. Vielleicht ein Streit, der sie entzweite, ein böses Wort oder eine harsche Rede.

Der Winter steht für den Kontaktabbruch. Aber jetzt, im Frühling, wo alles grünt und blüht, finden die beiden wieder zueinander.

In jedem Frühling zeigt auch Gott wieder, dass nach einem langen Winter, wo alles kahl und öde ist, die Natur wieder aufersteht. Wir brauchen nur die Augen, die Ohren und die Nase offen halten, um die Veränderung der Natur im April und Mai zu spüren.

Und schließlich ist Gott in Jesus selbst zu uns gekommen, um uns zu zeigen, dass der Tod, die Einsamkeit und das Leiden nicht die Macht über das Leben haben, sondern dass Liebe und Versöhnung die stärkere Kraft sind.

Von Machthabern, Neidern, Verrätern und Feiglingen ist Jesus zum Tode verurteilt. Am Karfreitag ist Jesus am Kreuz gestorben nach vielen Leiden gestorben. Zwei Tage langen glaubten sowohl seine Anhänger als auch seine Feinde, dass sein Einfluss für immer gebrochen sei. Aber am dritten Tag, da war der Stein, hinter dem der Leichnam Jesus begraben war, fortgewälzt. Maria von Magdala, eine Freundin, die seinen Leichnam nun vergeblich suchte, wurde plötzlich von einem Mann angesprochen. Erst erkannte sie ihn nicht, aber als er sie mit ihrem Namen ansprach und sagte: "Maria" und ihn daraufhin an seiner liebevollen Stimme erkannte - da erfuhr sie, dass Gott in Jesus nicht besiegt war, sondern zurück zu den Menschen gekommen war.

Den Triumph des Lebens über den Tod, das feiern die Christen und Christen in jedem Jahr am Osterfest. Und direkt nach dem Osterfest, dem Fest der Auferstehung Jesu Christi, begann auch in diesem Jahr wieder Frühling, ein deutliches Zeichen von Gottes lebensbejahender und Lebensspendender Kraft.

Das wünsche ich Euch: Dass ihr den Frühling erlebt: in eurer Beziehung zu euren Freunden und Freundinnen und dass Ihr jeden Frühling im Anschauen und Begreifen der frisch erweckten Natur wieder Gottes Bekräftigung und Bejahung für das Leben begreift.

Amen.

Anmerkung der Redaktion:
Ältere Predigten von Frau Katharina Larsen sind unter Ihrem früheren Namen Katharina Bahr zu finden.

© Katharina Larsen 2003

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