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Pfr. Ulrich Huppenbauer (evangelisch)
über:
kein konkreter bibl. BezugBad Kösen (OT Hassenhausen (bei Naumburg/Saale)), am 11.10.1998 Erntedankfest |
Liebe Gemeinde!
Die 6 Tage der Schöpfung und der Zerstörung - so ist der Titel eines Buches, das 2 Juden - der Schriftsteller Elie Wiesel und der Rabbiner Albert Friedlander - verfasst haben, in dem sie aus der Sicht von Betroffenen die Umkehrung der Schöpfung beschreiben: den Weg einer Familie von der Vertreibung aus der Heimat in die Gaskammer. Am 6. Tag steht nicht die wunderbare Schöpfung, sondern das unbeschreibbare Grauen, der Tod, die Leichenberge.
Schöpfung und Zerstörung. Immer wieder steht beides nebeneinander. Heute hier in Hassenhausen - 192 Jahre nach der Schlacht bei Hassenhausen - müssen wir auch beides nebeneinander sehen:
Einerseits an die fruchtbaren Äcker hier. Säen, ernten, pflügen - mit verhältnismäßig guten Erträgen. So wurde auch damals Erntedankfest gefeiert in der Erinnerung an Gottes gute Gaben, dass Gott die Arbeit der Bauern belohnt hatte. Und Erntedankfest feiern wir heute:. Deshalb die hier die Früchte und das Korn, das ihr gesammelt habt, mit dem Sie den Altar geschmückt haben. Ja, es muss wirklich dazugehören zu unserem Leben, dass wir das, was wir haben, als Geschenk Gottes sehen, für das wir dankbar sein dürfen. Und wo echte Dankbarkeit ist, kann es keinen Neid geben, im Gegenteil: dann sehen wir viel klarer die Sorgen und Nöte des anderen. Und wir bekommen einen inneren Zugang zu Gottes Schöpfung: wir staunen und freuen uns darüber.
Aber es kann auch ganz anders kommen In Hassenhausen haben es die Menschen erlebt: An einem einzigen Tag verwandelte sich fruchtbares Ackerfeld in ein furchtbares Totenfeld mit 15000 Leichen und vielen Verwundeten. Fast wie ein Naturereignis erfuhren die Menschen hier das Grauen live.
Hier gibt es Augenzeugenberichte, einer der des damaligen Pfarrers T. Ihm gereicht es zur Ehre, dass er Sorge trug, dass die Menschen ordentlich begraben wurden - und dass er hier keinen Unterschied machte zwischen Preußen und Franzosen. "Ich machte es mir zur Pflicht, darauf Acht zu haben, damit nicht durch leichtsinniges Einscharren traurige Folgen entstehen möchten... und ich verstattete nicht, dass ohne meine Gegenwart die todten Körper eingelegt werden durfte. Vom Morgen bis zum Abend ging ich auf dem Schlachtfelde herum und wenn ein Loch fertig war, so ließ ich die todten Körper schichtweise und dicht aneinanderlegen und merkte mir die Zahl. Die fremden Gemeinden befolgten auch meine Anordnung genau, wahrscheinlich, weil sie vermuteten, dass mir diese Aufsicht von der Obrigkeit aufgetragen sey.
Dieses Begräbnis dauerte 5 Tage." Und sein Bericht zeigt, dass ihm offenbar etwas aufgegangen ist, was er vorher nicht gewusst hatte: Er beschreibt, was auf dem Schlachtfeld alles gefunden wurde und dann kommt der Satz:
"Auch lagen an verschiedenen Orten französische Gebetbücher, die man bey den Franzosen gar nicht vermutet hatte." Das Wort "Feind" kommt in seinem Bericht nicht vor. ‚Es sind unglückliche Menschen, keine Feinde,: Menschen verschiedener Nationalität, die einmal stolz gewesen waren über ihre herrliche Uniform, die vielleicht Frau und Kind zu Hause hatten, und die zu Gott beteten - die auf dem Schlachtfeld ohne Wundversorgung verreckt waren. Mitgeschöpfe Gottes.
(1. Mose 1, 27) Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. (1. Mose 1, 31) Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.
Am Erntedankfest erinnern wir an die gute Schöpfung Gottes. Wir erinnern daran, dass dieses Wort Gottes: "Es war sehr gut" wie ein Jubelruf ist: Ein Großartiges Werk: der Mensch: ein Wesen mit Bewusstsein, ein Wesen, das für Gott ein Gegenüber ist. Und dagegen hier: die Zerstörung. Eigentlich hätte diese Schlacht Anlass sein müssen zu sagen: Nie wieder, es ist genug. Aus gemeinsamem trauern hätte vielleicht ein Neuanfang entstehen können. Das Beklemmende aber ist: Leider hatten aber jetzt erst die Kriegsideologen weiter das Sagen - so als ob sie den Bericht von der Schöpfung Gottes nicht gekannt hätten:
Betrauert wurden nur die preußischen Toten. Den Franzosen musste die Niederlage bei Hassenhausen und Vierzehnheiligen heimgezahlt werden. 1813 in Leipzig, 1871 in Sedan. Im 1813 schrieb der Dichter Ernst Moritz Arndt: "Gott ist mit den Preußen, Gott ist unter uns getreten, Gott hat die großen Taten getan, wodurch die Bahn der Freiheit geöffnet ist, und nicht wir - so hat jeder Soldat des preußischen Heeres gesprochen,..." In ähnlicher Weise wurde auch 100 Jahre nach der Schlacht zur Einweihung des Denkmals hier in Hassenhausen gesprochen. Unsere Vorfahren wussten oder wollten nicht wissen, dass auch die Franzosen ihre Gebetbücher im Tornister hatten.
In dieser Hinsicht wissen wir heute mehr als die Vorfahren: Nicht, weil wir klüger sind, sondern weil wir Kinder dieses Jahrhunderts sind, welches geprägt ist von den Jahren 1914 - 18 und den Jahren 1939 - 45. Denn wir wissen: Kriege und Schlachten fanden ihre grausame Steigerung. Und dies, weil im anderen der Feind und schließlich sogar der Untermensch und nicht der Mitmensch, das Mitgeschöpf gesehen wurde. Diese Absurdität des Krieges hat wohl keiner eindrucksvoller beschrieben als der Schriftsteller Wolfgang Borchert: "Zwei Männer hatten ein Loch in die Erde gemacht. Es war ganz geräumig und beinahe gemütlich. Wie ein Grab. Man hielt es aus. Vor sich hatten sie ein Gewehr. Das hatte einer erfunden, damit man damit auf Menschen schießen konnte. Meistens kannte man die Menschen gar nicht. Man verstand nicht mal ihre Sprache.
Und sie hatten einem nichts getan. Aber man musste mit dem Gewehr auf sie schießen. Das hatte einer befohlen. Und damit man recht viele von ihnen erschießen konnte, hatte einer erfunden, dass das Gewehr mehr als sechzigmal in der Minute schoss. Dafür war er belohnt worden.
Etwas weiter ab von den beiden Männern war ein anderes Loch. Da kuckte ein Kopf raus, der einem Menschen gehörte. Er hatte eine Nase, die Parfum riechen konnte. Augen, die eine Stadt oder eine Blume sehen konnten. Er hatte einen Mund, mit dem konnte er Brot essen und Inge sagen oder Mutter. Diesen Kopf sahen die beiden Männer, denen man das Gewehr gegeben hatte. Schieß, sagte der eine.
Der schoss. Da war der Kopf kaputt. Er konnte nicht mehr Parfum riechen, keine Stadt mehr sehen und nicht mehr Inge sagen. Nie mehr. Die beiden Männer waren viele Monate in dem Loch. Sie machten viele Köpfe kaputt. Und die gehörten immer Menschen, die sie gar nicht kannten. Die ihnen nichts getan hatten und die sie nicht mal verstanden. Aber einer hatte das Gewehr erfunden, das mehr als sechzigmal schoss in der Minute. Und einer hatte es befohlen. Allmählich hatten die beiden Männer so viele Köpfe kaputt gemacht, dass man einen großen Berg daraus machen konnte. Und wenn die beiden Männer schliefen, fingen die Köpfe an zu rollen. Wie auf einer Kegelbahn. Mit leisem Donner. Davon wachten die beiden Männer auf."
Es bleibt unseren Generationen vorbehalten, das Erinnern und Gedenken so zu begreifen, dass darin die Trauer über die Zerstörung mitschwingt, die alle Opfer einschließt. Wir haben es hier in Hassenhausen vor 2 Jahren getan, als eigentlich zum ersten Mal Deutsche und Franzosen hier gemeinsam der Toten gedachten. Und aus solcher Trauer entspringt dann ein Neubegreifen von Gottes Schöpfungswerk. Wir freuen uns heute über das, was gewachsen ist. Wir besingen die Schönheit der Schöpfung Gottes. Wir wollen mit einstimmen in den Freudenruf Gottes: Siehe, es war sehr gut. Und dann merken wir, wie nahe beieinander Dankbarkeit über die Schöpfung und Trauer über deren Zerstörung stehen. Und dann wird uns vielleicht manches klar auch über unsere Aufgabe als Christen:
Es liegt auch in unserer Verantwortung, dass an immer mehr Stellen unserer leidgeprüften Erde die Freude über die Schöpfung den Schmerz über deren Zerstörung durchbrechen kann.
Amen.
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