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Pfr. Matthias Wagner (evangelisch)
über:
kein konkreter bibl. BezugOrt unbek., am 19.05.1998 Konfirmation/Kommunion |
Liebe Festgemeinde - und vor allem, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Nachdem es ja bei Eurem Katechismusgottesdienst eigentlich keine richtige Predigt gab, sondern nur ein Predigtvorbereitungsgespräch, will ich euch doch wenigstens heute an Eurer Konfirmation eine echte Predigt - so richtig mit Predigttext und Auslegung - nicht vorenthalten.
Der heutige Sonntag hat den lateinischen Namen "Rogate", zu deutsch "betet". Darum soll es nun in der Predigt auch gehen, um das Gebet. Unser heutiger Predigttext ist selbst schon so etwas wie ein Gebet. Hören wir als Predigttext von Megaherz "Gott sein".
Gott sein
gott der du bist im himmel
ich weiß was dich quält
gott der du bist im himmel
ich weiß was dir fehlt
gott der du bist im himmel
laß uns nicht allein
versuch uns zu vergeben
versuch uns zu verzeih'n
gott der du bist im himmel
dein eigen fleisch und blut
hast du für uns gegeben
doch wofür war das gut
dein reich kommt nicht
dein wille geschieht nicht
nicht im himmel und
auf erden sowieso nicht
es ist nicht leicht
ein gott zu sein
sing hallelujah
gott der du bist im himmel
ich weiß es ist nicht leicht
gott der du bist im himmel
es hat nicht ganz gereicht (ich weiß, daß es dir reicht)
gott der du bist im himmel
ich weiß was dich bewegt
versuch uns zu vergeben
oder ist es schon zu spät
Ungewöhnliche Töne in einem Gottesdienst. Die Gruppe Megaherz dürfte den wenigsten von Ihnen bekannt sein, vielleicht habt ja nicht einmal Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden sie gekannt. Megaherz ist eine Münchner Band, die - ebenso wie Rammstein, die in unserer Konfirmandengruppe ab und zu mal erwähnt wurden - einer Musikrichtung zugerechnet wird, die gern als "Neue Deutsche Härte" bezeichnet wird. Eigentlich nicht so ganz Euer Musikgeschmack.
Ungewöhnliche Töne in einem Gottesdienst. Ungewöhnlich allerdings nicht nur wegen der Musik, sondern auch vom Text her. Ungewöhnlich - und nachdenkenswert, wie ich finde. "So etwas wie ein Gebet", habe ich diesen Song vorhin genannt. Ein Gebet insofern, als in diesem Lied Gott angesprochen wird. "Gott, der du bist im Himmel".
Aber ist ein Text, oder ein Song, allein deshalb schon ein Gebet, weil darin Gott angeredet wird? Megaherz jedenfalls versteht sich nicht als christliche Band. Alexx, der Sänger und Texter der Gruppe, soll einmal in einem Interview auf die Frage: "Wie steht"s denn bei euch mit dem lieben Gott?" gesagt haben: "Ich lehne ihn nicht ab. Allerdings ist er mir egal." Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob er das wirklich so gesagt hat, oder ob das nicht eher eine Interpretation durch den Interviewer war. Denn vorgestern habe ich selbst einen Anruf von Alexx bekommen. Er hatte erfahren, daß ich heute über seinen Song "Gott sein" predigen werde, und da rief er mich an, woraus sich ein angeregtes Gespräch sozusagen über Gott und die Welt ergab.
Dabei habe ich nicht den Eindruck bekommen, daß ihm Gott egal sei. Noch weniger trifft der Vorwurf zu, der letztes Jahr in der Presse stand, daß es sich bei diesem Song um "Satanische Verse" handle. Das kommt wohl daher, daß zum Schluß etwas rückwärts eingespielt wird, aber das ist einfach nur die erste Strophe, die sie da rückwärts laufen lassen, als kleiner ironischer Seitenhieb auf die "Black Metal"-Fraktion. Um was es ihm ging, als er dieses Lied schrieb, das erklärte er mir so:
"Wenn es da einen Gott gibt, wir gehen davon aus, jeder nennt es anders, aber es gibt ihn: Wie der sich wohl fühlt, wenn er so auf seine Krone der Schöpfung, auf sein Werk "runterblickt? Und: Warum funktioniert das eigentlich nicht? Also, die berühmte Frage: Ja, wenn es einen Gott gibt, müßte doch alles super sein, dürfte doch keiner leiden und so weiter. Warum greift er nicht ein? Warum hat er nie eingegriffen - oder hat er mal und hat jetzt keine Lust mehr? Ist er frustriert, wie man selber auf der Sinnsuche oft an den Frustpunkt kommt. Vielleicht sagt er selber so: ,Ich sah meinen Sinn in der Schöpfung des Menschen und jetzt bin ich selber frustriert. Das war ja wohl eher ein Mißgriff." Also, darum geht es eigentlich, genau: Wenn"s einen Gott gibt, was spuckt in dem seinem Kopf rum?"
Eine interessante Frage, denke ich. Was spuckt in Gottes Kopf herum? Was will er eigentlich? Im Lied heißt es: "Dein Reich kommt nicht und dein Wille geschieht nicht. Nicht im Himmel und auf Erden sowieso nicht." Was ist das eigentlich, das Reich Gottes, was ist der Wille Gottes? Was will er? Wenn wir Jesus diese Frage stellen, dann antwortet er, wie es so seine Art ist, in ganz einfachen und leicht verständlichen Bildern: So ist es im Reich Gottes, sagt er uns: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Gefangene kommen frei, Zerschlagene sind heil, Arme satt und Sündern wird vergeben. So ist es im Himmel, das ist der Wille Gottes.
Im Unterschied zu Jesus wollen wir ja alles am liebsten auf den Punkt bringen, in einem Wort, in einem abstrakten Begriff zusammenfassen. Also versuche ich jetzt auch einmal, diese sprechenden Bilder Jesu in einem Wort zusammenzufassen: Gottes Wille ist Gerechtigkeit. Wo Gerechtigkeit herrscht, da ist Gottes Reich Wirklichkeit geworden, da geschieht Gottes Wille.
"Dein Wille geschieht nicht... auf Erden sowieso nicht". Ich fürchte, da müssen wir Alexx einfach recht geben. Von Gerechtigkeit ist auf dieser Welt wirklich nicht sehr viel zu sehen. Nicht von der Gerechtigkeit zwischen den Menschen, wie sie in den Bildern Jesu angesprochen wird. Auch nicht von einer anderen Form von Gerechtigkeit: Denn Gottes Wille ist nicht nur die Gerechtigkeit zwischen den Menschen, sein Wille soll ja gelten "im Himmel wie auf Erden", also auch gegenüber Tieren und Pflanzen, Natur und Umwelt, der ganzen Schöpfung Gottes, die wir ja heute morgen schon zweimal besungen haben miteinander.
"Dein Wille geschieht nicht", das kann man als eine resignierende Feststellung verstehen. Aber so ist es bei Megaherz nicht gemeint. Alexx sagte mir am Telephon: "Darum geht es: aktiv werden. Sich nicht hinstellen und sagen: ,Passiert ja alles nicht, alles, was da geschrieben steht, nichts läuft, nichts läuft, und man sitzt da, legt die Hände in den Schoß, tut sich unwahrscheinlich leid und am Schluß wundert man sich, daß nichts besser wird.
Gott lebt durch den Menschen. Wenn ich dann sein Reich irgendwo auf Erden bringen will, dann muß ich schon ein gutes Stück dazu tun. Ich kann nicht als Mistkerl durchs Leben laufen, mich dann wundern, wenn ich irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen werde, so funktioniert es nicht. Also, da muß man schon aktiv werden, genau darum geht es."
Aktiv werden, sich für Gerechtigkeit einsetzen, z.b. so wie Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden das gemacht habt, als ihr beschlossen habt, euer Opfer am heutigen Tag für ein Flüchtlingsprojekt in Eritrea zu geben.
Gott will, daß wir aktiv werden, ich denke, da hat Alexx ganz recht. Und ich glaube auch, er läßt uns dabei nicht allein. Für mich ist Gott kein frustrierter alter Mann, der müde auf seiner Wolke sitzt und sagt: "Uff, es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Da habe ich mein eigen Fleisch und Blut gegeben, und es hat nichts genützt. Mir reicht es jetzt."
Wofür war das gut, daß Gott sein eigen Fleisch und Blut für uns gegeben hat? Ich denke, es war erst mal dafür gut, daß wir ihn besser kennenlernen. Jesus Christus hat uns gezeigt, daß Gott kein unnahbarer Weltenrichter ist, der am Ende unbarmherzig sein Urteil über uns sprechen wird, sondern daß er uns liebt, so wie wir sind.
Und ich denke, es war gut, weil wir durch Jesus Christus auch uns selbst besser kennenlernen. Wir Menschen mit all unseren Fehlern und all dem, was wir uns gegenseitig und dieser Erde antun, sind keine Fehlkonstruktion, kein Betriebsunfall Gottes. Er hat uns mit Absicht so erschaffen, als Krone der Schöpfung (übrigens auch ein Lied von Megaherz), als sein eigenes Ebenbild, mit allen Freiheiten, mit der Fähigkeit, Gutes zu tun und eben auch Böses. Wir müssen nur lernen, mit dieser Freiheit umzugehen, unsere Fähigkeiten einzusetzen, um damit Gutes zu bewirken.
Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt: "In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, damit wir zu wahren Menschen werden können." Wir müssen uns nicht vornehmen, wie Gott zu werden. Es reicht schon, wenn wir einfach nur menschlich werden: liebevoll miteinander umgehen und Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Dann werden wir so, wie Gott uns haben will - und damit zu seinem Ebenbild. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Denn da gibt es etwas, was sich niemand selbst geben kann. Das ist Liebe. Liebe, die den anderen so annimmt, wie er ist, Liebe, die bereit ist zu vergeben und zu verzeihen, wo der andere schuldig geworden ist.
Dafür war es gut, daß Gott sein eigen Fleisch und Blut gegeben hat. So sehr hat er die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern als wahre Menschen leben können und ewiges Leben haben.
"So etwas wie ein Gebet" ist dieser Song, habe ich am Anfang gesagt. Zumindest liegt ihm ein Gebet zugrunde, das Gebet, das Jesus uns gelehrt hat. Und er hat uns auch gelehrt, daß wir nicht einen fernen "Gott, der du bist im Himmel" anbeten brauchen. Wir dürfen zu ihm als zu unserem Vater beten. Denn er hat uns zu sich gezogen, er hat uns hat uns vergeben und verziehen. Er hat sein eigen Fleisch und Blut für uns gegeben, und das war gut. Er meint es gut mit uns, und wir dürfen ihm vertrauen, wie einem Vater. Wenn wir uns ihm vertrauensvoll zuwenden, dann werden wir auch Gottes Zuwendung zu uns erleben, dann bleibt unser Gebet kein Monolog, sondern wird zu einem Dialog. Zu einem Dialog, bei dem Gott nicht einfach nur unsere Bitten erfüllt, unseren Willen tut, sondern uns auch seinen Willen kundtut und uns zu erkennen gibt, wie wir dazu beitragen können, sein Reich der Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden Wirklichkeit werden zu lassen.
Darum hat uns Jesus Christus das Vaterunser geschenkt. Wer sich Gott so zuwendet, kann manchmal überraschende Erfahrungen machen:
Beter 1 + 2: "Vater unser im Himmel"
Stimme (aus dem Off): Ja, was wollt ihr?
Beter 1: Stör uns nicht, wir beten.
Stimme: Aber ihr wollt doch mit mir reden.
Beter 2: Nein, eigentlich wollen wir nur das Vater Unser beten.
Stimme: Aber ihr habt mich doch angesprochen.
Beter 1: Aber so haben wir das gar nicht gemeint.
Stimme: Ach so! Also, dann weiter!
Beter 1 + 2: "Geheiligt werde dein Name."
Stimme: Wie meint ihr denn das?
Beter 1: Ich weiß nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht.
Beter 2: Ist das denn so wichtig?
Stimme: Ihr müßt doch wissen, was ihr betet! Ihr sagt doch mit diesem Satz, daß ihr mich ehrt, bewundert und respektiert.
Beter 1: Ach so!
Beter 2: Na gut!
Beter 1 + 2: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden"
Stimme: Wollt ihr wirklich, daß mein Wille geschehe?
Beter 1: Ja klar! Ich geh auch regelmäßig in die Kirche!
Beter 2: Und ich laß meinen Sohn konfirmieren.
Stimme: Aber mein Wille ist, daß ihr euren Nächsten so behandelt, wie ihr von ihm behandelt werden wollt. Daß Frieden und Gerechtigkeit herrscht und jeder Mensch frei ist.
Beter 1: Na toll, und das soll ich alles alleine machen?
Beter 2: Genau, sag das lieber einflußreichen Leuten.
Stimme: Nein, ich dachte nur, daß ihr das, was ihr betet, auch tun solltet.
Beter 2: Das habe ich mir noch nicht so richtig überlegt. - Können wir jetzt weiterbeten?
Stimme: Nur zu.
Beter 1 + 2: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."
Stimme: Tut ihr das wirklich?
Beter 1: Ah ja, ich glaube schon.
Stimme: Und was ist mit deinem Sohn und der 6 in Mathe?
Beter 1: Das ist doch etwas anderes.
Stimme: Ja und warum?
Beter 1: Weil... weil... Ich weiß es nicht.
Stimme: Und du, wann kannst du nicht vergeben?
Beter 2: Mmh, ja, ich kann oft nicht vergeben, aber es ist für uns Menschen schwierig, jemandem zu vergeben, der einen beleidigt hat.
Stimme: Ich verstehe, daß es für euch schwer ist zu vergeben, aber ich kann euch trotzdem vergeben.
Beter 1 + 2: "Und führe uns nicht in Versuchung"
Stimme: Gut, dann geht eben nicht mehr an Orte, an denen ihr der Versuchung erliegt.
Beter 1: Meinst du, ich soll keinen Spaß mehr haben?
Stimme: Nein, das meine ich natürlich nicht, denn ihr sollt natürlich Spaß haben, aber nicht Spaß auf Kosten anderer, sondern ihr sollt mit anderen Spaß haben.
Beter 1: Ach so. In dieser Bitte verspreche ich eigentlich etwas.
Beter 2: Das ist das erste Mal, daß ich das Vater-Unser bewußt gebetet habe.
Stimme: Gut! Das wollte ich erreichen. Ihr könnt jetzt zu Ende beten.
Beter 1: "Denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen."
Stimme: Also, bis zum nächsten Mal.
Jetzt haben wir soviel über das Vaterunser gehört, jetzt wollen wir es auch miteinander singen, nicht die "Cover-Version" von Megaherz, sondern sozusagen das Original, das Sie auf unserem Gottesdienstblatt finden.
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