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LaBi. Margot Käßmann (evangelisch)
über:
kein konkreter bibl. BezugHannover, am 24.12.2001 (Marktkirche) Heiligabend/Christvesper |
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, der da war, der da ist, der da kommt.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Heiliger Abend, Heilige Nacht. Lange haben wir darauf gewartet. Ja, auch im Jahr 2001 gab es das: Vorfreude und Warten-Können, Türchen öffnen und Kerzen anzünden, Strohsterne, die gebastelt und Kekse, die gebacken wurden. Mit Sorgfalt wurden Geschenke ausgesucht für Menschen, die wir lieben, die uns nahe stehen. Schöne Karten wurden verschickt als kleiner Gruß zum Fest in Verbundenheit oder mit Dank. Das sind gute und wichtige Rituale in einer Zeit, die Wurzeln und Geborgenheit sucht.
Allerdings gab es sicher auch das: Einkaufsstress und Glühweinrummel, Weihnachtsfeiern, die keiner mochte, Geschenke kaufen für Leute, die man nicht mag. Es gab Streit um den richtigen Weihnachtsbaum, der idealerweise 64% der Höhe im Umfang haben soll, wie eine Zeitung berichtet. Und Auseinandersetzungen: Müssen wir die Tante dieses Jahr einladen? Die Kinder wollen aber nicht mit zum Schwiegervater. Nein, ihr geht nicht ins Kino am 1. Feiertag! Es soll doch gemütlich werden...
Aber alles das kann nicht zerstören, worum es heute Abend wirklich geht. Wir warten jedes Jahr neu auf Weihnachten, weil wir zumindest an diesem Abend – einmal im Jahr - es wagen, uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens zu stellen. Wir spüren ja, dass wir allzu oft davon laufen vor dieser Frage. Wir schaffen und machen und klagen und rennen, aber wir nehmen uns nicht die Zeit zu fragen: Was will ich eigentlich mit diesem Leben? Liebt mich überhaupt jemand? Werde ich tatsächlich gebraucht? Und gebe ich den Menschen, die mich brauchen, die Liebe, die sie suchen? Es gibt so viel Einsamkeit in unserer betriebsamen und beschleunigten Zeit. Und es gibt so viele, die das Glück gar nicht mehr spüren, das Glück der einfachen Dinge. Ein Dach über dem Kopf. Ein warmes Bett an kalten Tagen. Tage ohne Hunger.
Menschen, die mit uns leben wollen. Eine kleine Geste – da sorgt einer für mich. Da hat sich eine Gedanken gemacht um mich. Und das große Glück: Freiheit, als Frau ohne Erniedrigung leben, eine Zeit ohne Krieg in unserem Land – alles keine Selbstverständlichkeiten.
Liebe Gemeinde,
der Heilige Abend ist eine Zeit für grundsätzliche Gedanken über unser Leben. Und zwar gerade, weil wir eben nicht einen holden Knaben im lockigen Haar feiern, so gern ich selbst jenes Lied auch singe. Es geht auch nicht um ein süßliches Familienidyll. Nein, das alles ist die verweltlichte Fassung eines religiösen Festes. Weihnachten geht es für Christinnen und Christen um Gott! Um unseren Gott, der in die Welt kommt als ein Kind in Palästina. Ein Kind mittelloser jüdischer Eltern, ein Kind, das unter Habenichtsen geboren wird und schon als Säugling auf die Flucht muss. Ein Kind in extremer Armut - wie 600 Millionen Kinder heute. Sie sterben an Mangelernährung, an Hunger, Krieg und Flucht auf der ganzen Welt. Sie werden in Kriege geschickt, sexuell missbraucht und bei Billiglöhnen gnadenlos ausgebeutet. Ja, dieses Schicksal hätte auch jenes Gotteskind leicht erleiden können.
Liebe Gemeinde,
wie sollen wir das eigentlich aushalten, all diese Horrordaten, die Fakten der Welt? Ist es da nicht besser, sich ganz auf den eigenen kleinen Umkreis zu besinnen und es sich einfach gemütlich zu machen an Weihnachten? Und: Ist es nicht absurd zu glauben, dass Gott nun gerade als Kind in die Welt kommt? Da feiern wir doch lieber ein besinnliches Familienfest mit Gans und Glühwein ohne so widerspenstige Inhalte. Und überhaupt: wenn Gott diese Welt angeblich so sehr liebt, wo war eigentlich Gott in diesem Jahr, das so viele Fragen aufgeworfen hat? Ist es da nicht besser, sich diese schwierigen Fragen gar nicht erst zu stellen und lieber den Fernseher anzuschalten, der lenkt uns schon ab? Was ist die Botschaft von Weihnachten in so einer Situation?
Die Botschaft der Engel, die an so vielen Orten und über so viele Generationen hinweg weitergegeben wird, wir haben sie eben noch einmal gehört: "Euch ist heute der Heiland geboren!" und: "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens." Manchmal sind uns diese Worte schon so vertraut, dass wir sie gar nicht mehr intensiv aufnehmen. Wir hören sie und verstehen sie doch nicht in der Tiefe. Diese Worte treffen die Lebenssituation und die Herzen von Menschen aber seit 2000 Jahren. Hören wir sie also heute Abend noch einmal neu für uns.
Euch ist heute der Heiland geboren - unser Heiland. Lange galt das Wort als etwas fromm und verkitscht. Aber da ist ja etwas dran. Viele Menschen haben große Sehnsucht nach Heil, nach jemandem, der sie heil macht an Körper und Seele. Wie viel kaputtes Leben gibt es! Und wie viel Sehnsucht nach gelingendem Leben! Jesus kennt diese Sehnsucht und macht den Menschen Mut: du kannst dein Leben ändern. Zöllner: komm vom Baum herunter, ich will mit dir essen gehen. Frau, die gesteinigt werden soll: fang noch einmal neu an. Sterbender Mann: der Tod ist nicht das Ende, sondern bei Gott ein neuer Anfang. Jesus sieht die Menschen an mit den Augen der Liebe, jeden und jede, dich und mich. Er hat diese Liebe selbst erfahren von seinen Eltern, die alles für ihn getan haben, und auch von Gott als Gottes Kind.
Er hat sich Gott vollkommen anvertraut und daraus große, überzeugende Lebenskraft gewonnen. Und er sagt dir und mir: dein Leben macht Sinn, weil Gott dir Sinn zuspricht. Es kann heil werden, wenn du dich auf das Vertrauen zu Gott einlässt. So wird er zum Heiland.
Ehre sei Gott in der Höhe – "Brüder und Schwestern sprecht mit mir: 01090, Halleluja – die himmlische Nummer!" Soll ich mich eigentlich ärgern über diese Werbung, die ich seit Tagen im Radio höre und die sich mir einprägen soll und ja offensichtlich eingeprägt hat. Wie sieht es aus mit dem Kinowerbespot für Ahoi-Brause, der einen langweiligen Gottesdienst zeigt und erst die Brause regt die Phantasie des Pfarrers an - den Klischees entsprechend vor allem die sexuelle Phantasie. Unsere Religion wird gern verscherbelt und gern auf die Schippe genommen in unserer Zeit. Das Christentum wird gnadenlos vermarktet und der Lächerlichkeit preisgegeben. Mit keiner anderen Religion würde man das wagen in diesen Tagen.
Liegt das wohl daran, dass die Christinnen und Christen ihre Religion selbst nicht mehr ernst genug nehmen? Dass sie signalisieren: Glauben wir ja alle längst selbst nicht mehr...? Und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche sagen: Das ist ein sinkendes Schiff, steigt lieber nicht ein. Und andere, die erklären: Alles hoffnungslos überaltet, um sich dann einer esoterischen Form von Religion zu verpflichten, die mit Jahrtausende alten Ritualen wirbt. Eltern die erklären: unsere Kinder sollen mal wählen können auf dem Markt der Religionen, wir wollen doch bloß nichts vorgeben an Werten an Glauben, an Überzeugungen und Ritualen.
Gott die Ehre geben, das fällt offensichtlich schwer. Ehre, was soll den das überhaupt bedeuten? Ich habe in mehreren Wörterbüchern nachgeschlagen – meist kommt nach der Ehescheidung das Ei. In einem Lexikon aber heißt es:
"Dem Menschen die Ehre nehmen heißt (nämlich), ihm das Vertrauen anderer abschneiden." (RGG) Das ist ja spannend. Wenn wir Gott nicht ehren, erklären wir anderen, dass sie ihm nicht vertrauen sollten. Gott die Ehre geben hieße dann, ihm wirklich vertrauen und davon auch zu sprechen. Es tut gut, sich Gott anzuvertrauen. Unser Glaube ist eine Lebenskraft. Da gibt es Begeisterung, Freude über Gott. Daraus entspringt ein Lebensglück, das keine Spaßgesellschaft ersetzen kann. Das ist ein Glück, das hält und trägt selbst dann, wenn menschliche Beziehungen brechen und Vertrauen in Menschen enttäuscht wird. Gerade da, wo ich mich frage: Wie soll es weitergehen in meinem Leben?, finde ich Halt, wenn ich Gott vertraue und so die Ehre gebe.
Und Friede auf Erden – Ja, Gott will Frieden. Gerade dieser friedlosen Welt will er Frieden zusagen. Der Welt des Terrors, die auf widerwärtige Weise Flugzeuge zu Bomben macht. Der Welt der Waffen, die immer wieder das letzte Wort haben will. Der Welt der Hoffnung, die in einer Spirale der Gewalt in Israel und Palästina unterzugehen droht. Der Welt der Sehnsucht nach einem besseren Leben in Argentinien und so vielen anderen Ländern, die in der Schuldenkrise zunichte gemacht wird. Ja, es wird immer wieder gesagt, die Friedfertigen, die Sanftmütigen, die sich sehnen nach Gerechtigkeit und Frieden, die geistlich Armen, sie sind naiv, verrückt, realpolitisch nicht brauchbar. Aber haben denn die Waffen die Vision einer friedlichen Welt gezeigt? Der Beweis wäre noch anzutreten, dass Waffen Frieden schaffen. In der Geschichte haben Waffen immer wieder neue Gewalt gesät.
Und die Saat ist immer wieder aufgegangen. Ja, auch nach dem zweiten Weltkrieg: in der Sowjetunion, in Ungarn, der Tschechoslowakei, der DDR, Angola und ja, auch in Afghanistan.
Die Sehnsucht der Menschen aber ist die Sehnsucht nach Frieden. Ob das vor allem die Sehnsucht der Frauen ist? Die Sehnsucht der Marias, die ein Kind zur Welt bringen und wissen, wie zerbrechlich, wie verletzbar dieses Leben ist? Auf humorvolle Weise hat die ZEIT das in der vergangenen Woche dargestellt: eine resolute Schwester sagt all den Kämpfern in ihren martialischen Anzügen in den Krankenhausbetten mit ihren Waffen, die sie offensichtlich für ihre Identität brauchen: Jetzt ist mal Ruhe hier. Und ich will auch keinen Schuss mehr hören! Ja, das wünschen wir uns, eine wahrhafte Autorität, die sagt: Ruhe jetzt und kein Schuss mehr!
Liebe Gemeinde,
dafür sollten wir eintreten mit allen Mitteln, solche Schwestern und Brüder können wir sein. Menschen, die eintreten für eine Welt ohne Krieg, in der Kinder wie dieses Kind im Stall aufwachsen können ohne Angst. In der Kinder spielen können ohne Furcht vor Schüssen. In der eine Generation heranwächst, die weiß, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Nein, das ist nicht naiv. Aber es wird Kraft und Geld und Einsatz kosten mindestens so viel wie die Militäreinsätze dieser Welt. Weihnachten sagt uns: wenn wir das tun, handeln wir im Namen Gottes. Denn Gott will dieser Welt Frieden zusagen. Einen Frieden, den wir eines Tages in Vollkommenheit kennen lernen werden, wenn Gott unter uns wohnt und alle Tränen abgewischt sind. Einen Frieden, für den Gott selbst Zeichen setzt, indem er sich verwundbar macht als neugeborenes Kind, als sterbender Mann am Kreuz.
Bei den Menschen seines Wohlgefallens - Und den Menschen ein Wohlgefallen, hat eine frühere Übersetzung gesagt. Aber im Text steht tatsächlich: bei den Menschen seines Wohlgefallens. Was heißt das? Hat Gott tatsächlich Gefallen an uns? Kann das denn sein? Ja, denn wir sind Gottes Geschöpfe. Und wenn wir es wagen, uns Gott anzuvertrauen, dann sind wir auch Gottes Kinder. Das ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Nein, das ist eine Lebenskraft, die uns trägt in guten und in schlechten Tagen. Eine Kraft, die uns Mut gibt, nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen. Die uns einlädt, immer wieder einen neuen Anfang zu wagen. Mit Gott und miteinander. Als Ehepartner. Als Eltern und Kinder. Als Familie. Als Nachbarn. Am Arbeitsplatz. In der Schule.
Liebe Gemeinde,
die Botschaft der Engel, sie ist an uns heute gerichtet, heute Abend hier in der Marktkirche, aber auch heute weltweit. Sie ist eine Herausforderung und ein Trost zu gleich. Herausforderung, weil wir die Welt nicht einfach lassen können, wie sie ist. Wir dürfen die Hoffnung auf Frieden nicht einfach aufgeben. In der Nachfolge Jesu, sind wir aufgerufen, entschieden für den Frieden einzutreten. Das gilt in unserem persönlichen Leben: wo Ehen zerbrechen, wo Kinder und Eltern streiten, wo Freundschaften gefährdet sind, wo Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Aber das gilt auch in unserer ganzen Welt: es geht darum, Feindbilder abzubauen. Religion darf nicht länger zum Faktor der Konfliktverschärfung werden, sonst wird sie missbraucht. Wir brauchen das Gespräch zwischen den Religionen und Kulturen, das Ringen um Werte!
Und die Engelsbotschaft bringt Trost und Hoffnung an Weihnachten, weil wir mit all unseren Fehlern doch Gottes Kinder sind, denen Gott Heil zusagen will, die vor Gott Wohlgefallen finden. Deshalb ist dieses Kind in die Welt gekommen, damit wir immer wieder hören: Gott sei Ehre in der Höhe, aber eben auch auf Erden. Geben wir Gott die Ehre. Vertrauen wir auf den Heiland, der geboren ist und machen wir uns auf, immer neu für den Frieden auf Erden einzutreten als Menschen seines Wohlgefallens. Dazu ermutigt uns Weihnachten.
Amen.
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