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LaBi. Margot Käßmann (evangelisch)
über:
3. Mose 19, 33-34Hannover, am 21.11.2001 (Marktkirche) Buß- und Bettag |
Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Gottesdienst im Rahmen der Friedensdekade steht im 3. Buch Mose Kapitel 19 die Verse 33-34:
(Predigttext)
Ach, denken manche, jetzt geht's wieder los: die Fremden lieben, Kirchenasyl gewähren, mulikulti der kirchlichen Gutmenschen. Seufz! Das kennen wir doch alles schon. Okay, damit könnte ich die Predigt beenden, Sie wissen, was ich sagen werde. Aber nein, Sie ahnen es, so schnell lasse ich Sie nicht gehen. Ich möchte mit Ihnen heute am Buß- und Bettag über fünf Konstellationen nachdenken: Fremde als Gäste, Fremde als Feinde, Fremde als Freunde, Fremde als Fremde und selbst Fremdling sein.
1. Fremde als Gäste
"Weißt du", sagt mir ein Kollege, "ich war mit meiner Frau in den Herbstferien in der Türkei – das tat einfach gut, diese Gastfreundschaft. Stell dir vor, wir wurden sogar spontan eingeladen, bei einer Hochzeitsfeier dabei zu sein. Das war toll..."
Ja, das ist immer wieder so. Wir sind fasziniert von der Gastfreundschaft in anderen Ländern. Aber wie ist das bei uns? Junge Leute türkischer Abstammung sehen in der Gastfreundschaft einen entscheidenden Unterschied zur innerdeutschen Gesellschaft. Dabei wurden sie doch einst als "Gastarbeiter" geladen. Aber bei Gästen wurde wohl weniger an Gastfreundschaft gedacht als daran, dass Gäste nicht auf Dauer, sondern nur auf Zeit bleiben. Nach dem Motto meiner Großmutter: Besuch und Fisch stinken am dritten Tag...
Eine Türkin sagte mir vor kurzem: "Ich lebe jetzt seit 16 Jahren in Deutschland, aber ich habe noch nie ein deutsches Wohnzimmer gesehen." Sie arbeitet mit Deutschen, ihre Kinder gehen mit deutschen Kindern in Kindergarten und Schule, aber einander einladen – soweit geht es nicht. Dabei ist Gast-Sein eine Form, Fremd-Sein aufzuheben, einander kennen zu lernen im Alltag.
Wenn heute lautstark gefordert wird, die Muslime in Deutschland sollten sich nicht in einer Parallelkultur einrichten, dann ist es vielleicht eben diese Begegnung im Alltag, die wir dringend brauchen: miteinander einen Kaffee trinken, sich einladen, gastfrei sein. Wo sind wir denn außerhalb der offiziellen Begegnungen miteinander in ein Gespräch gekommen? Hier besteht großer Nachholbedarf. Am Buß- und Bettag 2001 heißt das für mich: wer einen "Clash of Cultures" wie Huntington ihn schon vor Jahren beschrieben hat, verhindern will, muss engagiert den Dialog der Kulturen praktizieren. Und das nicht nur auf Podien und Akademietagungen, nicht nur im Urlaub und im Restaurant, sondern im Alltag!
2. Fremde als Feinde
In diesem Sommer habe ich die Kirchen in Nordirland besucht. Eine Lehrerin sagte: "Wenn sie doch endlich die konfessionellen Schulen abschaffen würden. Wir brauchen staatliche Schulen! Jetzt begegnen katholische Kinder immer nur katholischen Kindern und protestantische Kinder immer nur protestantischen Kindern. Da ist es leicht, Vorurteile und Feindschaft aufzubauen, sie kennen die anderen ja gar nicht."
Machen wir uns nichts vor: Fremde können bedrohlich sein, ja, als Feinde wahrgenommen werden und auch Feinde sein. Das weiß schon das alte Israel. Jüngste Studien haben nun nachgewiesen, dass Länder keine Kriege miteinander beginnen, die wirtschaftlich eng verflochten sind und zudem demokratische Strukturen haben. Je näher also, desto weniger Feindschaft? Die These belegt beispielsweise die Beziehung Frankreich-Deutschland. Noch im ersten Weltkrieg hieß der Schlachtruf: "Jeder Stoß ein Franzos!" Darüber können wir heute nur den Kopf schütteln.
Wer weit entfernt voneinander lebt, räumlich oder inhaltlich, wird allzu leicht zur Feindschaft verführt. Dann ist Afghanistan "der Feind". Oder vice versa Amerika. Da haben es Feindbilder leicht, zu wachsen und zu gedeihen. Dann gibt es plötzlich wieder ein "Reich des Bösen", das vermeintlich besiegt ist, wenn Bin Laden stirbt. Dann zerstört die westliche Kultur angeblich traditionelle Werte, und die USA müssen im eigenen Land durch selbsternannte Gotteskrieger angegriffen werden. In einem solchen Klima ist es leicht, zu den Waffen zu rufen. Und dann wird, das ist für die Demokratie vielleicht das größte Trauerspiel, sogar das Gewissen an die zweite Stelle gerückt. Das tut weh. Mit Blick auf evangelische Ethik, die der Verantwortung des Einzelgewissens einen hohen Wert beimisst und mit Blick auf demokratische Kultur. Hier ist ein Schaden für die politische Kultur in unserem Land entstanden, der in seinen Langzeitwirkungen noch längst nicht absehbar ist.
Feindbilder müssen hinterfragt werden. Die Verantwortung des Einzelgewissens ist zu respektieren. Krieg soll nach Gottes willen nicht sein – wie 1948 bei der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, so ist dies auch am Buß- und Bettag 2001 das Gebot der Stunde. Die Kirchen haben zum Frieden zu rufen und gegen Feindbilder anzutreten. Auch gegen Feindbilder, denen wir selbst zu erliegen drohen.
3. Fremde als Freunde
Bei einer internationalen Tagung sagt eine Inderin zu mir: "Du kommst aus Deutschland? Da wäre ich fast verhungert!" "Was?", frage ich. "Ja", sagt sie, "immer wenn ich gesagt habe, ich möchte nichts mehr, haben die mir tatsächlich nichts mehr angeboten. Bei uns in Indien muss man dreimal hintereinander ablehnen, dann erst nimmt man noch etwas. Gleich ja zu sagen wäre äußerst unhöflich..."
Ja, das kann komisch sein, wenn verschiedene Kulturen einander begegnen. Fremdheit ist ja auch interessant, spannend, anregend. "Damit aus Fremden Freunde werden, kamst du als Mensch in unsre Zeit", heißt es im Lied 619. Das finde ich immer wieder das Faszinierende an unserem Glauben, unserer Kirche: sie existiert in allen Nationen der Erde. Das heißt, wir können einander als Schwestern und Brüder sehen über unsere kulturellen Unterschiede hinweg. In Christus ist nicht mehr Jude noch Grieche schreibt Paulus im Galaterbrief (3, 28). Auf dieser Grundlage kann Fremdheit bestehen bleiben und doch Freundschaft wachsen. Wir können das Vaterunser in vielen Sprachen und doch miteinander beten, uns Gott anvertrauen in allen unseren Ängsten und Nöten. Das Evangelium beheimatet sich in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise. Und vom Schöpfungsverständnis her können wir darüber hinaus gehen: weil jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, kann ich im anderen Gott erkennen.
Damit Freundschaft entstehen kann, ist es wichtig, die eigene Identität zu kennen. Ich selbst bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es undenkbar war, die Nationalhymne zu singen, geschweige denn die deutsche Fahne zu hissen. Staunend habe ich das in Amerika zum ersten Mal erlebt. Meine Kinder sehen die Sache mit dem Deutschsein anders. Sie sind keine Nationalisten, aber sie wollen selbstverständlich, dass Deutschland Fußballweltmeister wird oder Jan Ulrich die Tour de France gewinnt. Sie sprechen von "den Türken" und "den Russen". Wenn ich dann mit meinen moralischen Reaktionen komme: "die Türken" sind doch auch hier geboren und "die Russen" wurden in der Sowjetunion als Deutsche geschmäht, dann verdrehen sie die Augen und sagen: "Mama, du hast einfach keine Ahnung!"
Andererseits stammen etliche ihre Freundinnen und Freunde aus der Türkei, dem Iran, dem kurdischen Teil des Irak. Es gibt eine breite Form der selbstverständlichen Integration, bei der nicht gefragt wird: Haben deine Eltern, hast du einen deutschen Pass?
Das halte ich letzten Endes für eine hoffnungsvolle Entwicklung. Unterdrückte Vorurteile können Feindschaft vielleicht eher stärken als ausgesprochene. Gab es zu lange eine political correctness, die Fragen und Kritik nicht zugelassen und so eine offene Debatte über Eigenes und Fremdes, Integration und Abgrenzung erschwert hat? Dass die eigenen Wurzeln gepflegt werden, das können wir auch bei Deutsch-stämmigen in Namibia oder Südbrasilien sehe. Eine solche Haltung muss nicht im Widerspruch stehen zu Integration.
Freundschaft aber wächst nur aus Interesse aneinander. Zeit für einander. Zeit zu hören, zu reden. Und nicht, wie wir es als Deutsche besonders gern tun, durch ein alles gleich Verstehen und Vergleichen. Am Bußtag müssen wir uns fragen, ob wir dieses Interesse aneinander, diese Zeit füreinander nicht allzu schmählich unterlassen haben.
4. Fremde als Fremde
Eine ältere Frau erzählt den Konfirmanden, die eine Recherche über jüdisches Leben in ihrem Dorf machen: "Die jüdische Familie, in der ich Mädchen war, war mir unheimlich, weil ich nicht verstanden habe, was die da freitags machten." Und eine junge Muslima sagt in einer Diskussion: "Das könnt ihr einfach nicht verstehen mit eurem Gerede von Emanzipation: Für mich bedeutet das Kopftuch Freiheit, vor allem Freiheit von den Blicken der Männer. Ihr merkt das ja schon gar nicht mehr."
Was, wenn uns das Fremde wirklich fremd ist? Dann ist es ja auch beängstigend. Der Theologe Sundermeier plädiert für mich eindrücklich dafür, diese Fremdheit auszuhalten, das Fremde fremd sein zu lassen und nicht sofort in die eigenen Kategorien zu pressen. Das gilt gerade auch für Religion. Er schreibt: "Am Kultus dürfen die Fremden nicht teilnehmen. Ihre fremdreligiöse Identität wird nicht angetastet, ihre Götter werden ihnen nicht genommen." Ich bin überzeugt, da müssen wir zu klarer Sicht kommen. Israel wusste sehr wohl darum, dass der Fremde zwar zu schützen war, die Religion aber Unterscheidung darstellt, die zu achten ist.
Eine junge Frau schreibt im Internetforum unserer Landeskirche: "Möge der, welcher unser Vater für die Christen, Jahwe für die Juden, Allah für die Mohammedaner, Buddha für die Buddhisten, Brahma für die Hindus, möge dieses allwissende Wesen ... den Menschen Frieden geben und unsere Herzen vereinen." Das ist ein im besten Sinne frommer Wunsch nach Frieden zwischen den Religionen und gerade in diesen Tagen verständlich. Aber er birgt die Gefahr der Religionsvermischung, die das Eigene nicht mehr kennt.
Ich bin tatsächlich überzeugt, dass wir dringend den Dialog zwischen den Religionen verstärken müssen. Es ist wichtig, dass Religion nicht missbraucht wird zur Konfliktverstärkung wie in Nordirland oder auch in Afghanistan, sondern Faktor der Konfliktbewältigung ist. Das wird aber wohl nur möglich, wenn wir in einen ehrlichen Dialog kommen. Da muss ich als Christin sagen können, dass Christus für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist und eben nicht Allah, wie Mohammed ihn verstanden hat. Da müssen offene Fragen gestellt werden dürfen, beispielsweise nach der Rolle der Frau und nach der Scharia. Es ist wichtig, für die Religionsfreiheit in unserem Land einzutreten. Aber es muss auch gefragt werden, wie das mit der Religionsfreiheit ist in mehrheitlich islamischen Ländern wie Pakistan und Indonesien.
Am Buß- und Bettag 2001 ist deutlich: wir haben den Dialog der Religionen zu lange einzelnen Interessierten zugeschoben. Er muss ehrlich und auf breiter Basis geführt werden. Dazu ist eine entscheidende Voraussetzung, dass Christinnen und Christen ihre Glaubensgrundlagen kennen.
5. Weil ihr selber Fremdlinge wart in Ägypten!
Nach einem Jahr im Ausland sagte eine junge Frau: „Ich war so froh, als ich in der Lufthansamaschine saß. Mir hat es gereicht in dem einen Jahr. Die fremde Sprache, die fremden Sitten, keine eigene Dusche. Ich war einfach froh, wieder zu Hause zu sein.“
Nur wenn wir selbst Fremdheitserfahrungen machen, ahnen wir, wie es Fremden bei uns geht. Auch das weiß die Bibel. Ja, das Wissen darum, selbst einmal fremd gewesen zu sein in Ägypten wird zur theologischen Kategorie in Israel. Es führt einerseits zum Respekt vor den Fremden: Sie dürfen fremd bleiben, wie ja auch Israel in Ägypten die eigene Identität bewahrte, die Erinnerung an die eigene Geschichte pflegte. Und gleichzeitig wird aus dieser eigenen Erfahrung heraus den Fremden besonderer Schutz zugesagt.
Deshalb finde ich die Initiative unseres niedersächsischen Justizministers Christian Pfeiffer gut, der vorschlägt, jedes Jahr 1000 Jugendliche aus den neuen Bundesländern für ein Jahr ins Ausland zu schicken. Die eigene Erfahrung von Fremdheit ist nicht zu ersetzen. Zum Buß- und Bettag gehört deshalb auch der Mut, eigene Fremdheit zu sehen und anzuerkennen. Die Ökumenische Dekade "Gewalt überwinden" gibt uns dazu Raum, Anregung und Herausforderung.
Liebe Gemeinde,
das Thema Fremdlinge unter euch, es ist kein simples. Guter Wille allein wird nicht ausreichen, damit aus Fremden Bekannte, vielleicht sogar Freunde werden, ohne dass Aufgeben ihrer oder unserer Eigenheit zur Voraussetzung erklärt wird. Unser Bibeltext sagt: Wie Einheimische sollt ihr sie behandeln. Das heißt für mich: sie ernst nehmen in ihren Rechten und Pflichten. Dass ihnen ein besonderer Schutz gebührt, das weiß Israel aus der Erfahrung der eigenen Fremdheit.
Gott hat eine besondere Vorliebe für Fremde - das zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel bis dahin, dass Gott sich selbst als Fremdling bezeichnet (Jeremia 14, 8f.). Jesus begegnen wir gerade in den Fremden (Matthäus 24), sagt das Neue Testament und den fremden Samaritaner hebt er als leuchtendes Beispiel nahezu provozierend hervor. Deshalb ist der Schutz der Fremden, die Auseinandersetzung mit Fremden in unserem Land vom Flüchtling bis zu dem, der Einheimischer geworden ist, eine fundamentale Aufgabe für Christinnen und Christen.
Nein, mit guten Worten ist es nicht getan. Es geht um eine Kultur des Miteinanders, die Engagement fordert und die Auseinandersetzung nicht scheut, die Unterschiede nicht verwischt. Im letzten Vers von Lied 619 heißt es:
Damit aus Fremden Freunde werden,
gibst du uns deinen Heiligen Geist,
der trotz der vielen Völker Grenzen,
den Weg zur Einigkeit uns weist.
Darauf hoffe ich. Dafür können wir aktiv eintreten. Darum können wir beten, gerade heute. Und gerade in dieser Zeit.
Amen.
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