Montag, der 6. September 2010
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LaBi. Margot Käßmann (evangelisch)
über: 1. Mose 4, 0

Hannover, am 05.11.2001
Morgenandachtsreihe im NDR: "Kinder, Kinder..."

Zwei junge Männer, Brüder sind sie. Aufgewachsen im gleichen Haus, unterschiedliche Berufe haben sie gelernt. Da schlagen Neid und Eifersucht zu: der eine ermordet den anderen. Eine typische Geschichte von Jugendgewalt heute? Nein, eine Geschichte, so alt wie die Menschheit. Im ersten Buch Moses wird von Kain und Abel erzählt. Sie, die Söhne Adams und Evas, ringen um Anerkennung Gottes und wohl auch der Eltern. Der eine hat das Gefühl, dass der andere mehr geliebt wird. Und wie das so ist bei den Menschen: aus Eifersucht wird Neid, aus Neid wird Hass, aus Hass wird Mord.

Groß ist auch heute wieder die Klage über die gewalttätige Jugend. Immer wieder sind die Zeitungen voll von Berichten, beispielsweise über Gewalt an Schulen. "Früher war alles besser", lese ich da oft. Vor einiger Zeit hat die Boulevardpresse eine Kampagne von Frau Schröder-Köpf lanciert, nach der unseren Kindern wieder Werte wie Respekt, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit beizubringen seien. Dazu sei vor allem Strenge von Nöten. Das klingt auf den ersten Blick plausibel und hat manche schnelle und laute Zustimmung erzeugt. Mir aber erscheinen solche Schlussfolgerungen zu einfach. Jene so genannten Grundwerte sind doch allenfalls Sekundärtugenden. Sie wurden ja auch in der Zeit des Nationalsozialismus hochgehalten. Hat das zu starken klaren Menschen geführt, Menschen mit Zivilcourage heranwachsen lassen? Wurden da nicht eher Untertanen erzogen, die dem von Heinrich Mann beschriebenen Prototyp zum Verwechseln ähnelten?

Eine amerikanische Studie aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, die so genannte Oliner-Studie, führt dagegen zu folgendem Ergebnis: Kinder, die nicht unhinterfragbaren Gehorsam, sondern gewaltfreie Auseinandersetzung gelernt haben, Kinder, die erlebt haben, dass ihre Eltern partnerschaftlich miteinander umgehen - solche Kinder wurden zu "Judenrettern" in der Zeit des Nationalsozialismus. Das muss doch zu denken geben. Der bekannte Pädagoge Hartmut von Hentig kommentiert: "Das Gerede von der notwendigen Strenge ist schlicht dumm. Man kann die gewünschten Verhaltensweisen weder befehlen noch erzwingen. Werte muss man durch Lebensformen beglaubigen. Ich dachte, das hätten alle auf allen Seiten gelernt." Ja, um Vorbilder geht es!

Wenn nun schon die Bibel die Neigung des Menschen zur Gewalt kennt, lässt sich die Gewaltspirale überhaupt durchbrechen? Gibt es eine Erziehung, die gewaltfreie Konfliktlösung lehrt? Ich bin überzeugt, dass wir unseren Kindern Wege zeigen können, wie sie mit ihrem eigenen Gewaltpotential umgehen. Was kann ich tun, wenn ich so wütend bin, dass ich zuschlagen möchte? Wie stehe ich einen Konflikt durch?

Stattdessen geben 80 % der Kinder in Deutschland in Umfragen an, von ihren Eltern geohrfeigt worden zu sein, 1,3 Millionen von ihnen werden regelmäßig körperlich misshandelt. Wir wissen heute zuverlässig, dass Kinder, die in ihrer Erziehung Gewalt erfahren, zu Gewalt im Erwachsenenleben neigen. Kinder dagegen, die gewaltfreie Konfliktlösung gelernt haben, haben Zivilcourage. Die Förderung von Vertrauen und Verantwortung sowie Konfliktfähigkeit in der Erziehung stärken die moralische Urteilsfähigkeit von Kindern.

An der Geschichte von Kain und Abel ist mir eines besonders wichtig: Kain muss mit seiner Schuld leben. Gott rächt nicht einfach Leben gegen Leben, sondern schützt ihn sogar. Im ersten Buch Mose ist zu lesen:

"Darauf machte der Herr Kain ein Zeichen,
damit keiner ihn erschlage, der ihn finde."
(4, 15 b)

Das heißt für mich: Rache ist kein Weg. Nicht die Antwort mit neuer Gewalt führt zu einem Neuanfang, sondern ein Bekennen der eigenen Schuld.

© Margot Käßmann 2001
http://www.evlka.de/labi/labi.html

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