Donnerstag, der 23. Oktober 2014
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P. Ekhard Brandes (evangelisch-lutherisch)
über: Lukas 11, 5-13

Nieste (bei Kassel (Kreis Kassel)), am 09.05.1999
Rogate

Liebe Gemeinde!

In einem Bahnhofsgebäude irgendwo in der Provinz stehen drei Automaten: ein Fahrkartenautomat, ein Zigarettenautomat, ein Geldwechselautomat. Da geht ein gut gekleideter Herr zum Zigarettenautomaten. Er sucht in seiner Geldbörse nach einem passenden Fünfmarkstück, doch vergebens. Statt dessen entnimmt er einen Zehnmarkschein und steckt diesen in den Schlitz des Geldwechselautomaten. Doch dieser weist den Zehnmarkschein zurück.

Der gut gekleidete Herr nimmt einen anderen Geldschein, dann einen dritten, einen vierten. Es will einfach nicht funktionieren. Ein etwas ungepflegt aussehender Jugendlicher tritt hinzu und fragt: "Kann ich Ihnen helfen?" Doch der gut gekleidete Herr ignoriert ihn und setzt sich resigniert auf die Bank in der Wartehalle. Nun holt der Jugendliche einen Zehnmarkschein heraus, glättet ihn und tatsächlich wechselt ihm der Automat seinen Geldschein in zwei Fünfmarkstücke. Er geht nun zum Zigarettenautomat und holt sich seine Zigarettenpackung. Er geht zum gut gekleideten Herrn und bietet ihm eine Zigarette an. Doch der gut gekleidete Herr weist ihn mürrisch ab: "Das ist nicht meine Marke!"

Ein Automat, das erwarten wir ja, der sollte auch funktionieren. Im Allgemeinen klappt das ja auch mit den Automaten. Man steckt sein Fünfmarkstück in den Schlitz und holt unten die Ware heraus. Mit meiner EC-Karte gehe ich zum Geldautomaten und bekomme mein Geld.

So einfach, möchte man meinen, ist es mit dem Beten! Bittet und es wird euch gegeben! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und euch wird geöffnet! Doch so einfach ist es leider nicht! Nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung! Nicht jedes Gebet um Heilung in einer Krankheit oder um Rettung aus einer Not wird erhört. Wir beten um Frieden, doch noch immer herrscht die Gewalt! Wir beten um ein Ende des Leidens, doch die Not bleibt! Machen wir da etwas falsch mit unserem Gebet? Offen gestanden kenne ich kein Rezept für ein richtiges Beten! Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen mit dem Gebet machen und seinen eigenen Weg zum Gebet finden muss. Wichtig ist, dass wir zunächst einmal auf Gott uns konzentrieren und nicht nur auf uns selbst.

Gott ist kein Automat! Gott ist auch kein Kaufmann, bei dem ich für gute Worte etwas beanspruchen könnte. Wer ist Gott? Wer ist Gott? Unsere menschlichen Beschreibungen sind nur ungenügend! Er ist der Schöpfer der Welt! Er hat mich geschaffen und sorgt für mich!

Mit diesem Glaubenssatz haben wir nur wenige Probleme! Er ist der HERR des Universums, und er ist mein HERR. Das zu akzeptieren fällt uns schon schwerer. Er ist unser himmlischer Vater, er ist mein himmlischer Vater. Doch wie sollen die vielen Scheidungskinder Gott als ihren guten Vater erkennen, wenn sie neben ihrem leiblichen Vater noch andere Stiefväter erleben? Gott ist der Gute Hirte. Gott ist unser Schutz. Zweifeln wir nicht manchmal daran, wenn die Gewalt überhand nimmt? Und nun die stärkste Aussage der Bibel über Gott: Gott ist Liebe!

Gott ist der Schöpfer! Gott ist der HERR! Gott ist unser Vater im Himmel! Gott ist der Gute Hirte! Gott ist Liebe! Das sind nicht alle, aber das sind die wichtigsten Aussagen der Bibel über Gott. Dem Schöpfer und dem Herrn der Welt kann ich schon etwas zutrauen! Dem himmlischen Vater können wir vertrauen! Wir können darauf hoffen, dass der Gute Hirte auch in dunklen Tagen mit uns ist. Die schönste Glaubensaussage ist eben die, dass Gott Liebe ist! Nun ist es sehr menschlich, dass wir hier und da zweifeln. Eine alte Schrift, das Thomasevangelium, sagt: "Es kann niemand das Himmelreich erreichen, der nicht durch die Hölle des Zweifels gegangen ist." Schlimm aber ist es, wenn wir in der Hölle des Zweifels stehen bleiben. Schlimm ist es, wenn wir den Zweifel und den Unglauben zu unserer Grundhaltung machen. Schlimm ist es, wenn Zweifel und Unglaube gar kultiviert werden.

Jeder andere Mensch ist ein Rätsel. Das reicht bis in die Familie hinein. Natürlich ist und bleibt auch Gott für uns Mensch allezeit ein unbegreifliches Rätsel. Dennoch will Gott zu uns kommen. Gott will uns hören mit unseren Sorgen und Nöten! Gott will von uns angesprochen sein.

Gott ist jederzeit unser Gegenüber! Zu Gott kann ich reden, und er hört mich! Ob ich nun ein gedrucktes oder druckreifes Gebet spreche oder ob ich nur einen Stoßseufzer ausstoße: Gott hört beides sehr gut! Wichtig ist, dass ich darauf vertrauen und hoffen kann ,dass Gott mich wahrnimmt und hört. Wichtig ist, dass ich zu Gott kommen will! Warum hat sich der gut gekleidete Herr nicht auf den etwas ungepflegten wirkenden Jugendlichen eingelassen. Dieser war doch bereit zu helfen. War sich der gut gekleidete Herr etwa zu fein, um sich helfen zu lassen? Der Jugendliche hätte ihm sicher problemlos das Geld wechseln können. Vielleicht hätte der Jugendliche ihm eine Zigarette angeboten. Vielleicht wären die beiden Reisenden auf ihrer Bahnfahrt miteinander ins Gespräch gekommen.

Doch es sollte nicht sein. Der Hochmut des gut gekleideten Herrn war ihm selbst im Weg. Das ist das andere, worauf wir achten sollten: wie oft denken wir, dass jeder allein seines Glückes Schmied sei. Wie oft meinen wir, stark und klug genug zu sein, um unsere Probleme selbst zu lösen. Und missglückt uns etwas, dann haben wir oft nicht mehr den Mut, uns vertrauensvoll an Gott zu wenden. So kommt es, dass wir uns dann selbst in den Weg stellen - auf dem Weg zu Gott! Da sind wir nicht anders als dieser erwähnte Selfmademan, dieser gut gekleidete Herr auf dem Bahnhof. "Hilf dir selbst, so hilf dir Gott!, heißt es. Das ist auch völlig richtig, nur manche Zeitgenossen verstehen das völlig falsch. Sie meinen, man solle alles selbst machen, dann regle sich der Rest von selbst. So automatisch hilft Gott nicht, sondern er will um Hilfe gebeten werden.

Zurück zu der Frage: Was ist, wenn mein Gebet nicht erhört wird? Als Vater erfülle ich längst nicht alle Bitten und Wünsche meiner Kinder! Oft kann ich es auch nicht, weil ich ihnen nicht schaden darf. Vielleicht liegt darin ein Grund, wen der himmlische Vater manche Bitten seiner Menschenkinder nicht erhört. DEIN WILLE GESCHEHE! So lehrt Jesus im Vaterunser das Beten und so hat selbst in der Stunde der Angst im Garten Gethsemane gebetet. Wir können schon darauf vertrauen, dass Gottes Wille am besten für uns ist!

Warum gibt es weiterhin so viele Leide, soviel Unrecht und soviel Gewalt auf dieser Welt - trotz unserer Gebete? Es wäre falsch, darauf eine vorschnelle Antwort zu geben. Die gefangenen Rabbiner im Konzentrationslager von Auschwitz haben auch angesichts des Leidens weiterhin gebetet. Die Christen des römischen Reiches haben trotz der jahrhundertelangen Christenverfolgung weiterhin gebetet. Der große christliche Märtyrer Dietrich Bonhoeffer hat vor seinem Galgen noch ein letztes Gebet gesprochen. Diese Frauen und Männer haben gewusst, dass es sich auch in aller scheinbaren Sinnlosigkeit doch lohnt zu beten.

Dietrich Bonhoeffer selbst hat einmal gesagt: "Nicht alle unsere Wünsche, aber all seine Verheißungen erfüllt Gott!" Unsere Lebenserfahrungen lehren uns: Viele Probleme lösen sich mit der Zeit von selbst; viele Fragen beantworten sich mit der Zeit von selbst.

Gehen wir einen Schritt weiter: Alle Probleme und alle Fragen finden ihre Antwort in der Ewigkeit Gottes. Die Auferstehung von den Toten ist die große Antwort Gottes auf alles Leiden in dieser Welt! Jesus sagt uns: Bittet und es wird euch gegeben! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und euch wird geöffnet! Jeder Bittsteller empfängt! Jeder Suchende findet! Jedem Klopfenden wird geöffnet! Gott gibt uns, was wir brauchen - nicht was wir wollen. Gott lässt uns im Gebet seinen Frieden finden. Gott öffnet uns die Tür zu neuen Dimensionen.

Amen

© Ekhard Brandes 1999
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