Freitag, der 22. August 2014
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Pfr. Matthias Kreplin (evangelisch)
über: Philipper 3, 4-12

Kippenheim (bei Lahr/Schwarzwald), am 08.08.2004 (Kirche Schmieheim)
9. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,
es gibt Worte, die benutzt man nicht - schon gar nicht in der Kirche, und schon überhaupt nicht bei der Predigt. Eines dieser Worte ist - Scheiße. Ja, heute muss dieses Wort auch hier vorne ausgesprochen werden, denn es kommt in jenem Abschnitt aus dem 3. Kapitel des Philipperbriefes vor, der dem heutigen Sonntag als Predigttext zugeordnet ist. Im Griechischen, in der Sprache, in der der Apostel Paulus geschrieben hat, steht das Wort Skybala. Luther übersetzt es vornehm mit "Dreck" und die ökumenische Einheitsübersetzung drückt sich auch vornehm aus und schreibt "Unrat". Aber eigentlich wäre dieses Wort Skybala angemessen zu übersetzen mit "Scheiße". Denn Paulus zieht an dieser Stelle auch voll vom Leder und mag ganz bewusst etwas schlecht machen, etwas in den Dreck ziehen, etwas als Skybala beschimpfen - etwas, das ihm einst heilig war.

Was das ist? Das herauszufinden ist die große Herausforderung für uns heute Morgen. Und zwar nicht nur herauszufinden, was das für Paulus zu seiner Zeit war, sondern was das auch in unserem Leben sein könnte. Aber hören wir zunächst einmal auf das, was Paulus über sich sagt. Er schreibt:

Ich könnte mein Vertrauen auf irdische Vorzüge setzen. Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr. Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt. Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Schaden erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Schaden an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Skybala, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die von Gott auf den Glauben herabkommt. (Philipper 3, 4 - 9 - nach eigener Übersetzung)

Was ist denn nun Skybala? Paulus bezeichnet so sein früheres Leben, sein Leben vor seiner Begegnung mit Christus. Wie beschreibt er denn dieses frühere Leben? Er schildert sich als frommen Juden: Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt. Aber Paulus war nicht nur ein frommer Jude gewesen, das wäre eigentlich kein Problem. Das Problematische an seinem Leben als frommer Jude war, dass Paulus ein Spiel gespielt hat. Kein lustiges und leichtes Spiel, sondern ein ernstes, ein todernstes Spiel. Paulus nennt dieses Spiel im Rückblick "meine eigene Gerechtigkeit suchen".

Und dieses Spiel ist offenbar so verlockend, übt jetzt immer noch eine solche Anziehungskraft auf Paulus aus, dass er es - obwohl er sich schon längst davon abgewandt hat - immer noch als Skybala beschimpfen muss. Es ist einfach Scheiße. Denn dieses Spiel verspricht das Leben und bringt den Tod. Und es ist das Spiel, das eine Versuchung darstellt für alle, die - wie Paulus auch - besondere Begabungen haben.

Fragen wir zunächst, wie dieses Spiel bei Paulus aussah, bevor wir überlegen, wie dieses Spiel bei uns den aussehen könnte. Bei ihm lief es so. Paulus war aufgewachsen in einem frommen Elternhaus in Tarsus in der heutigen Südtürkei. Als Jude in der so genannten Diaspora, also außerhalb des heiligen Landes. Offenbar hatte er eine besonders gute Erziehung und Ausbildung erhalten. Denn er hatte nicht nur den Handwerksberuf des Zeltmachers gelernt, sondern neben Lesen und Schreiben - Griechisch, Hebräisch und Aramäisch natürlich - auch das Studium der heiligen Schriften des Judentums und sicher auch einiger griechischer Schriftsteller und Philosophen. Paulus war ein begabter und gebildeter Mann gewesen.

Und um seine religiösen Studien noch zu vervollkommnen, war er nach Jerusalem gezogen und hatte dort bei einem berühmten Rabbi weiter gelernt - Jesus selbst war er dabei nicht begegnet. Aber Paulus war nicht nur ein eifriger Student, der die Bibel vorwärts und rückwärts kannte, sondern was sein Begabung war - seine Frömmigkeit, sein Bemühen um Wahrheit und Gerechtigkeit - das wurde auch seine große Versuchung. Paulus meinte, weil er so eifrig lernte, weil er sich bis aufs letzte I-Tüpfelchen an die Vorschriften des religiösen Gesetzes, der Tora des Mose und an die Lehrmeinungen der Pharisäer hielt, weil er so konsequent und radikal danach lebte und keine faulen Kompromisse einging, darum sei er doch etwas vor Gott und dieser Welt, darum habe er sich doch einen Vorzug erworben.

Die große Angst in ihm, er könne einfach ein niemand sein, er sei nichts Besonderes, nicht beachtenswert, sein Leben sei sinnlos, dieser Angst war er entgegen getreten, indem er - ganz gemäß seiner Begabung - zur religiösen Höchstleistung aufstieg. Und dazu gehörte auch, alle, die eine andere Vorstellung von Gott und seinem Gesetz vertraten, als es seine eigene religiöse Gemeinschaft, als es die Pharisäer tatet, zu bekämpfen - mit Worten und notfalls auch mit Gewalt. So war Paulus - vor seiner Begegnung mit Christus - zu einem der schärfsten Verfolger der jungen christlichen Gemeinde geworden.

Paulus war ein Fanatiker geworden, ein genial begabter Fanatiker, der alles daran setzte um vor Gott und der Welt dastehen und sagen zu können: Schaut her Leute, schau her Gott, ich habe alles getan, was das Gesetz vorschreibt, ich bin fromm und untadelig, ich bin ein Gerechter, ich bin nicht so einer, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, einer, der sich alles egal sein lässt, einer, der sich nicht anstrengt und sich faul auf die Haut legt. Schau her Gott, ich führe ein gerechtes Leben, und ich bin darum etwas Besonderes, ich bin nicht einer aus der großen Masse derjenigen, die sich mit Halbheiten zufrieden geben, ich bin ein Heiliger, ich gehöre zu dir Gott. Das meint eigene Gerechtigkeit. Zu meinen, vor Gott könne man sich in einen Stand bringen, in dem man sich auf seine Leistungen berufen kann.

Zu meinen, den Sinn des Lebens könne man gewinnen, indem man etwas aufbaut, das man vorweisen kann, zu meinen, man wäre etwas Besonderes, wenn man auf andere herunter blicken kann, die es nicht so weit gebracht haben. Das ist das Spiel der eigenen Gerechtigkeit.

Paulus hat dieses Spiel damals in der religiösen Variante gespielt. Und auch heute stehen - gerade religiöse Menschen - in der Gefahr, dieses Spiel noch in der Weise des Paulus zu spielen. In den meisten Religionen - auch im Christentum. Der Gefahr ist erlegen, wer meint herunter blicken zu können auf diejenigen, die nicht den richtigen Glauben haben, die sich nicht auf die richtige Weise bekehrt haben, die nicht zu den Auserwählten gehören. Und wie Paulus damals geraten auch Menschen, die heute dieses religiöse Spiel der eigenen Gerechtigkeit spielen schnell in Gefahr, die anderen, die nicht richtig bekehrt sind, nicht den richtigen Glauben haben, zu verachten und ihnen - verbal oder schließlich auch ganz unmittelbar - Gewalt anzutun. Auch im Christentum gibt es diesen Fanatismus, nicht nur bei islamistischen Fundamentalisten.

Aber es gibt auch eine nicht-religiöse Form dieses Spieles der eigenen Gerechtigkeit. Und wir alle stehen immer wieder in der Versuchung, uns an diesem Spiel zu beteiligen. Dieses Spiel spielen wir mit, wenn wir glauben, wir könnten unserem Leben Sinn geben, indem wir etwas vorweisen können. Wir könnten etwas aufbauen, wir könnten etwas leisten, das uns zu etwas Besonderem mache. Wir könnten etwas tun, damit andere uns achten und uns Anerkennung schenken würden. Und dieses Spiel ist umso mehr eine große Versuchung für uns, je begabter wir sind. Wenn wir denn ein kluges Köpfchen haben und uns vieles leichter von der Hand geht als anderen, dann erfahren wir ja schnell Anerkennung für unsere besonderen Leistungen: "Der kann das aber toll. Die ist aber geschickt. Die sind aber eine gute Familie, die haben lauter nette Kinder!"

Und gerade das, was uns gut gelingt, wird so zur Versuchung für uns, weil es in uns den Irrglauben nährt, als könnten wir darauf unser Leben bauen. Als bestünde der Sinn unseres Lebens darin, etwas aufzubauen, eine heile Familie zu haben, ein tolles Haus in die Welt zu stellen, ein besonderes Buch zu schreiben. Gerade das, was unsere besonderen Begabungen, unsere besonderen Talente ausmacht, gerade das, was wir gut können und worin wir glänzen, gerade das wird zur Versuchung für uns. Das ist die besondere Gefahr der anvertrauten Gaben.

Wieso ist das eine Versuchung, ein schlechtes Spiel? Schauen wir einmal auf Paulus. In seinem Eifer für das völlig konsequente Leben nach dem Gesetz wird er zum Verfolger der Christen. Und dabei verfängt er sich immer mehr in Widersprüche. Er, der dem Gesetz des Lebens verpflichtet ist, wird für die Christen zum Feind, der Gewalt und Leiden über seine ebenfalls jüdischen Brüder und Schwestern bringt. Zugleich merkt er in selbstkritischen Momenten, dass er das Gesetz zwar dem Buchstaben nach erfüllen mag, aber dem Geist nach oft am Gesetz scheitert: In Wahrheit ist er nämlich nicht der gerechte und Heilige, sondern ist auch ein begrenzter und fehlbarer Mensch.

Dieser Widerspruch, in den er sich selbst verfangen hat, das Ungenügen an den eigenen Ansprüchen, die innere Zerrissenheit, die muss ihm klar geworden sein, als er vor Damaskus, auf dem Weg um die dortige christliche Gemeinde zu verfolgen, eine Begegnung mit Christus hat. Den, den er die ganze Zeit verfolgte, begegnet ihm jetzt. Und das wirft ihn aus der Bahn. Wer die Geschichte kennt, wie sie die Apostelgeschichte überliefert, der weiß: Paulus wird blind, er muss geführt werden.

An einen ähnlichen Punkt kommen wir früher oder später auch, wenn wir das Spiel der eigenen Gerechtigkeit spielen. Es kann viele Jahre gut gehen, wenn man sein Selbstwertgefühl aus dem bezieht, was man leistet. Aber dann wird man älter, oder man wird so sehr krank, dass man mit Einschränkungen leben muss, und dann fühlt man sich auf einmal wertlos, weil man nicht mehr so viel leisten kann, weil vielleicht Jüngere jetzt stärker sind. Es kann viele Jahre gut gehen, sich ganz besonders um die eigene Familie zu kümmern, immer darauf zu achten, dass es keinen Streit gibt, dass die Kinder in der Schule gut sind, dass alles ordentlich ist, so dass man stolz sein kann auf eine vorbildliche Familie, auf vorbildliche Elternschaft. Und dann nimmt eines der Kinder Drogen, Gerüchte gehen herum und es gelingt nur noch mit Mühe, die schöne Fassade aufrecht zu erhalten.

Wer meint, er wird sein Leben bauen können auf Dinge, die man vorweisen kann, die einen Vorzug gegenüber anderen bewirken, der wird irgendwann in eine solche Krise kommen. Das Spiel "eigene Gerechtigkeit" verspricht das Glück, aber es führt ins Unglück, es verspricht das Leben und führt in den Tod.

In harter Zeit hat Paulus das damals erkannt. Es wird von ihm erzählt, dass er drei Tage blind da saß und nichts aß und nichts trank. Paulus hatte schmerzlich erkannt, dass das Spiel, das er bisher gespielt hatte, zum Tod führte und nicht das Leben brachte. Und dann macht er die Begegnung, die für sein weiteres Leben entscheidend wird und die ihm hilft, aus dem alten Spiel auszusteigen. Ein Christ kommt zu ihm, legt ihm die Hände auf, heilt ihn. Und in diesem Zusammenhang wird Paulus klar: Er lebt nicht von der eigenen Gerechtigkeit, sondern von der Gerechtigkeit, die von Gott kommt. Um es mit unseren Worten auszudrücken: Unser Leben hat nicht dadurch Sinn, dass wir etwas aufbauen und erreichen, was wir vorweisen können, sondern weil es schon längst einen Sinn hat - für Gott.

Und unser Leben wird nicht dadurch zu etwas Besonderem, dass wir etwas Einmaliges leisten, dass wir besser sind als andere, dass wir mit irgendetwas in das Buch der Geschichte eingehen oder sei es auch das Guiness-Buch der Rekorde. Unser Leben ist schon längst etwas Besonderes, weil wir für Gott ganz besondere Menschen sind. Und wir werden nicht dadurch liebenswert und anerkennenswert, weil wir etwas Besonderes tun oder etwas ganz besonders gut können, sondern wir sind bereits geliebt und geachtet bei Gott. Wir müssen nicht erst das wahre Leben finden und erkennen, wir sind schon längst erkannt von Gott. Paulus nennt das die Gerechtigkeit, die von Gott her kommt und die wir nur im Glauben empfangen müssen. Wir müssen es nur glauben, dass Gott für uns da ist, dass unser Leben einen Sinn hat, dass wir besondere Menschen sind, dass wir liebenswert und wertvoll sind. Wir müssen es nicht hervorbringen.

Wir müssen also gar nichts tun, wir müssen uns das nur gesagt sein lassen: Gott ist für uns da. Und wenn wir dann, wie Paulus einmal gespürt haben, wie befreiend es sein kann, einfach auf dieses "Gott ist für mich da" zu vertrauen, dann werden wir erkennen, welchen Mist, welche Skybala wir in manchen Bereichen unseres Lebens gespielt haben oder vielleicht immer noch spielen. Denn das Spiel der eigenen Gerechtigkeit bleibt eine Versuchung. Und die Versuchung, unser Leben auf das zu bauen, was wir vorweisen können, findet immer wieder einen neuen Zugang zu uns. Auch Paulus weiß darum - und deshalb tut er seine Vergangenheit auch mit diesem drastischen Wort Skybala ab. Die falschen Spiele unseres Lebens, die uns Glück versprechen und uns ins Unglück treiben sind einfach - und das sei ein letztes Mal noch gesagt: Scheiße.

Aber wir brauchen uns nicht entmutigen lassen. Auch Paulus verstand sich noch als ein Mensch, der unterwegs ist, unterwegs von dem, was er hinter sich sah und als Skybala hinter sich liegen lassen wollte, zu dem hin, was er schon einmal erlebt und gespürt hatte, was ihn aber immer noch nicht ganz ausgefüllt hatte: Und so schreibt er - unmittelbar im Anschluss an die Verse, die ich vorhin gelesen habe: Nicht, dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder und Schwester, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. (Philipper 3, 12 + 13).

Auch wir können uns nach dem ausstrecken, was vor uns liegt, weil Gott sich schon längst nach uns ausgestreckt hat, weil er unserem Leben Sinn gegeben hat, uns zu etwas Besonderem gemacht hat, weil wir für ihn liebenswert und wertvoll sind. Schon längst.

Amen.

© Matthias Kreplin 2004
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