Donnerstag, der 9. September 2010
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Pfr. Michael Häußler (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Dortmund, am 24.12.1998
Heiligabend/Christvesper

Eine Zeit bricht an,
wenn ein Lied mit sanften Tönen,
durch verschloss`ne Ohren dringt,
eine Zeit bricht an.

Eine Zeit bricht an,
wenn aus leergeträumten Seelen
klare Bäche fließen,
eine Zeit bricht an.

Wenn die Schwachen Stärke zeigen
und wieder aufrecht gehn,
wenn die Schwätzer endlich schweigen,
um die Stummen zu verstehen.

Eine Zeit bricht an,
wenn an Zungen wie aus Eisen
zarte Flügel wachsen,
eine Zeit bricht an.

Eine Zeit bricht an,
wenn an zugeschnürten Herzen
das erste Band zerreißt,
eine Zeit bricht an.

Manche werden sie die Zeit der Wunder nennen,
manche werden sie im Leben nicht erkennen,
aber alle, die die Hoffnung nicht verlieren,
können heute sie schon spüren.

Eine Zeit bricht an ...

Wo Ohren verschlossen sind; aber eine zarte Melodie dringt hindurch,öffnet, mach hörfähig, mitteilsam, lebensfähig. Wo Seelen leergeträumt sind, illusionslose, am vordergründigen Ergehen orientierte Wünsche, hoffnungslose Optimismen, sinnentleerte Durchhaltemaximen. Aber da beginnen auf einmal zu fliessen: Klare Bäche der wirklichen Freude und der Zuversicht, der Perspektive und des Vertrauens. Leben beginnt neu.

Wo Herzen zugeschürt sind; nicht nur dumme und bornierte Sturheit, auch hemdsärmelige Besserwisserei, pelzmantelbewandete Gefühlsarmut, verschüttete Empfindsamkeit für den anderen; ja auch: enttäuschte Beziehungshoffnungen, all das engt ein, schnürt ab, fesselt, knebelt. Aber dann: das erste Band einer Fessel zerreißt, die das Herz zum Eisklumpen macht. Wo die Starken meinen, sie müßten Stärke immer auch zeigen; und wer´s nicht tut, der verliert!

Aber dann darf der Starke Schwäche zeigen, damit vielleicht irgendwann einmal den Schwachen die Stärke sich zeigt. Wo die Schwätzer immer noch und immer noch zur Lage zu sprechen haben, obwohl man eigentlich gar nicht mehr viel zu sagen hat. Hier darf endlich auch einmal geschwiegen werden, und sei es nur für die Ruhe und Stille einer heiligen Nacht, damit anderes zur Sprache kommt und hörbar wird, in der die Stummen und Mundtot Gemachten auf einmal das Wort haben und verstanden werden.

Eine Zeit bricht an. Dies ist die Nacht, darin zu leben und zu träumen. Eine Zeit bricht an ... neue Zeit, Gegenzeit. Normalzeit ist anders: Nein, nicht wie Sie denken! Wer von uns hätte heute nicht seinen Truthahn zuhause gehabt, so er ihn denn mag; alle guten Gaben, wir lassen sie uns munden, an diesem Fest; denn wir haben es uns verdient.

Der Einzelhandel ist ja auch zufrieden mit dem Weihnachtsgeschäft. Wer wollte da denn heute meckern. Und es sei jetzt auch nicht auf die verwiesen, die unter den Brücken und an den Mauern immer noch erfrieren mitten im kalten Winter; die gehören für uns doch eh zur weihnachtspredigtlichen Folklore, oder? Die Bombardierungen im Irak haben uns erschreckt!? Ja, wirklich? Eigentlich doch nicht. Ich denk, das ist so schnell an uns vorbeigegangen; wir haben´s gar nicht richtig bemerkt, was da eigentlich geschehen ist.

Ist da irgendwas geschehen?

Es gab übrigens ja auch kaum welche, die uns das richtig und etwas Richtiges gesagt haben. So wie der Meister Propper mit dem Schwamm über die Badezimmerarmaturen fährt, so war´s, so sollen die Marschflugkörper militärische Anlagen des Gegners zerschlagen haben. Glauben wir dem Herrn Hussein eigentlich die Zahl der angegebenen Opfer?

Den Dax hat es übrigens auch nicht beeindruckt. Es bewegt sich halt alles auf der gleichen Emotionsebene wie die Nachricht vom Wechsel von Stefan Klos nach Glasgow. Normalzeit: Das ist nicht unbedingt immer das, was die Zeitung daraus macht. Vielleicht will die ja sogar von der Normalzeit ablenken! Normalzeit, das sind schon: Veschlossene Ohren, leergeträumte Seelen, zugeschnürte Herzen, gebeugtes, niedergedrücktes Leben. Schwäche, die sich in Stärke versucht zu kleiden.

Und dann eben: Nur nichts zeigen, außer Stärke. Bleib cool! Und immer einen flotten Spruch auf der Lippe. Mit dem auf der Lippe und mit dem Beil in der Hand hat dann jener Familienvater seine Familie erschlagen und sich anschließend selbst gehenkt. Ob´s wirklich an der Zeit liegt, die da seit einigen Wochen unter uns angebrochen ist?

Wieviel Stärke nimmt einer mit für die nächsten 5 Jahre hinter Gittern, der zuvor mit den Millionen jonglierte, vielleicht auf Du und Du stand mit den Großen des Business. Das stand dann wirklich in der Zeitung. Was nicht darin steht, aber genauso wahr ist: Christians Vater lebt nicht mehr bei seiner Familie. Er ist ausgezogen, hat sich eine kleine Wohnung genommen; soll die Mutter doch klarkommen mit den Kindern. Bleib cool, Mom!

Der Opa Müller ist seit Jahren an seinen Rollstuhl gefesselt. Allein kann er nicht mehr sein, so verwirrt wie er ist. Wie gut, daß es die Oma Müller auch noch gibt - und die Rentenversicherung. Denn früher mußte es ganz ohne gehen. Trotzdem, Oma Müller, nur keine Schwäche zeigen!

Mobbing hat es nicht mit Aufwischen zu tun, aber damit, daß einer systematisch fertig gemacht wird. Das Opfer ist schnell gefunden - denn es kann sich nicht wehren. Und es ist ja auch nicht einzusehen, warum Aggressivität und Dynamik im Berufsleben nicht positive Begriffe sein sollen.

Sie arbeitet gern und auch gut im Kindergarten. In der Arbeit mit den Kindern sieht sie ihre Lebensaufgabe, daran hat sie Freude. Nur schade, dass sie nicht mehr in dem Masse gefragt ist, in dem sie ihre Arbeitskraft gern anbieten würde. Die Kinder kommen eben nicht für 8 Stunden am Tag. Ab Sommer wird sie sich einen zusätzlichen Billigjob besorgen müssen, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen. "Bedarfsorientierte flexible Beschäftigung" nennt sich das. So viele veschlossene Ohren, leergeträumte Seelen, zugeschnürte Herzen, soviel gebeugtes, niedergedrücktes Leben.

Eine Zeit bricht an,
wenn ein Lied mit sanften Tönen,
durch verschloss`ne Ohren dringt,
eine Zeit bricht an.

Eine Zeit bricht an,
wenn aus leergeträumten Seelen
klare Bäche fließen.

Wenn die Schwachen Stärke zeigen
und wieder aufrecht gehn,
wenn die Schwätzer endlich schweigen,
um die Stummen zu verstehen.

Eine Zeit bricht an,
wenn an Zungen wie aus Eisen
zarte Flügel wachsen.

Eine Zeit bricht an,
wenn an zugeschnürten Herzen
das erste Band zerreißt,
eine Zeit bricht an.

Warum hören wir einmal im Jahr auf diesen Traum von einer Zeit, die anbricht und Wirklichkeit werden möchte unter uns? Warum möchten wir es uns einmal im Jahr doch leisten, so zu träumen und zu merken, wie sich Erstarrtes dann möglicherweise auflöst, frei wird, vielleicht sogar: dass wir es uns leisten, anders und neu zu denken in dieser ganz besonderen Nacht?

Weil´s ein Traum bleiben wird, diese Zeit der Wunder?

Natürlich weiß das der "Realist": dass sich nichts ändert auch in und nach dieser Heiligen Nacht. Träume sind Schäume, so ein klein wenig Gefühlsakrobatik hat bestenfalls palliative Wirkungen.

Aber es ist doch schon gut, wenn wir überhaupt noch etwas davon erfahren, erkennen, erträumen und nicht gleich bei der Tagesordnung unseres Lebens bleiben. Wenn wir merken, daß dieses Leben, das uns doch mitunter so schwer zusetzt - und wenn nicht uns, so doch ganz gewiß vielen anderen - daß dieses Leben nicht alles ist, nicht allein Zeit ist, uns zugestanden, zugeeignet, nicht allein unsere Zeit.

Sondern daß eine andere Zeit anbricht. Zeit der Wunder, Zeit der Hoffnung, Zeit neuen Lebens. Zeit, die sich unserer erlebten Zeit querstellt, die sich unserem Leben und dem, was wir daraus für uns und andere machen, entgegenstellt. Zeit, die anbricht, die in unsere Zeit einbricht.

Eine Zeit bricht an! Nicht unsere Zeit, aber Zeit, die sich uns ansagt, die sich uns eröffnet, an der wir teilhaben sollen, in der wir leben mögen, von der wir, ganz zart und leis und vorsichtig vielleicht heute abend schon etwas zu spüren bekommen dürfen, und sei es "nur" in einem Traum.

© Michael Häußler 1998
http://www.ev-kirche-wellinghofen.de/

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