Mittwoch, der 22. Oktober 2014
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Pr. i. R. Manfred Kock (evangelisch)
über: Apostelgeschichte 1, 3-11

Hürth (Nordrhein-Westfalen), am 20.05.2004 (Kirche Martin-Luther-King)
Christi Himmelfahrt

Himmelfahrtskantate BWV 43

I.

Ein fröhlicher Tag ist heute: Das Jubiläum dieser Kirche wird gefeiert.

Nun, was sind fünfundzwanzig Jahre schon für eine Kirche! In der Nähe der Romanischen Kirchen und des Doms zu Köln macht sich ein Viertel Jahrhundert nicht gerade gewaltig aus. Aber auf das Menschenleben bezogen, ist es doch eine lange Zeit. Eine ganze Generation ist mit dieser Kirche verbunden. Viele sind hier und können Erinnerungen austauschen. Unsere Kirche hat sich verändert seit dem. Kaum noch werden in unserem Land Kirchen gebaut. Eher werden welche aufgegeben, weil das Geld knapper und die Gemeinden kleiner geworden sind.

Grund zum Danken haben alle, die zu dieser Kirche gehören. Hier wird seit fünfundzwanzig Jahren das Evangelium verkündigt und das Heilige Abendmahl gefeiert. Menschen haben sich in dieser und um diese Kirche herum versammelt, haben ihre Kinder taufen lassen, sind zur Konfirmation gegangen. Viele haben Gottes Segen erbeten für ihre Ehe, hier wurde getrauert und geweint beim Tod von nahen Menschen; hier haben Menschen Mut gefasst und sich stärken lassen für ihren Weg im Alltag der Welt. Hier haben Menschen gebangt und geklagt, hier wurde gebetet für Menschen in Not, für Kranke und Sterbende und auch für die, die sich einsetzen zum Wohl der Menschen in unserem Land. Von der Botschaft Jesu Christi gestärkt, üben Menschen bis heute Barmherzigkeit, engagieren sich für das Gemeinwohl, leisten Hilfe für Menschen in Not.

Gott ist nicht angewiesen auf von Menschen gebaute Kirchen. Heute am Himmelfahrtstag wird das deutlich. Viele Gemeinden halten darum ihren Gottesdienst im Freien. Das machen wir heute nicht. Denn das Jubiläum der Kirche soll daran erinnern, dass – wenn auch Gott keine Kirche braucht, wir Menschen sehr wohl auf sie angewiesen sind. Und so feiern wir mit Beten und Singen, mit frohen Herzen diesen Tag. Wir bezeugen, dass diese Kirche, nach Martin Luther King genannt, ein Zeichen ist für diese Stadt.

II.

Gottes Welt ist größer, als wir irdisch erfassen. Was immer wir lösen müssen oder auszuhalten haben, wir können es tragen und bewältigen, denn wir sind umschlossen von Gottes Wirklichkeit.

'Himmelfahrt Jesu' ist Grenzüberschreitung. Dieser Tag und seine Botschaft weiten unseren Horizont. Menschliche Sehnsucht nach Grenzüberschreitung erhält ihr Maß, denn es gibt eine andere, eine neue Dimension, es gibt den "Himmel".

Unser irdisches Miteinander mit all seinen Schwierigkeiten wird entlastet. Zwischen die Gruppen und Generationen, zwischen die unterschiedlichen Herkünfte und Klassen, zwischen die Menschen mit ihrer unterschiedlichen Art zu sprechen und zu fühlen, tritt eine andere Wirklichkeit.

"Aufgefahren in den Himmel", so berichtet Lukas. Das ist nicht ein vorgezogenes Raumfahrterlebnis. Der Raum über uns, der Raum, in den die Raketen vorstoßen, ist in der biblischen Botschaft nicht gemeint. Als Kinder hatten wir uns das ja so vorgestellt. Auch die biblische Geschichte erzählt den Vorgang bildhaft.

Der Kosmonaut Jurij Gagarin hat gesagt: "Im Weltraum ist es finster, Genossen". Aber die Bibel sagt: 'Gott wohnt in einem Licht, da niemand hinkommen kann'. (1. Timotheus 6, 16)

Die Bibel und der Weltraumfahrer reden von verschiedenen Dingen. Jesus ist nicht der Vorläufer der Kosmonauten. Deren Welt ist das All, wo die Sterne kreisen und wo man die Entfernung nach Lichtjahren misst. Jesus aber hält sich nicht jenseits der Wolken auf, auch nicht in irgendeinem entfernten Teil des Sonnensystems.

Was den Himmel betrifft, so wissen wir inzwischen auch, dass wissenschaftliche Theorien zur Ideologie entarten können. Die Naturwissenschaft steht längst nicht mehr im Widerspruch zum Glauben. Namhafte Forscher können als Zeugen herangezogen werden. Wir wissen auch, dass wir die Defizite unserer Erkenntnis durch Vermehrung unseres Wissens nicht verringern. Im Gegenteil - je weiter unser Horizont wird, den wir überblicken, desto mehr liegt hinter diesem Horizont. Mit jedem neuen Erkenntnisschritt werden Rätsel gelöst, aber auch neue Rätsel bewusst.

Hinter dem Bild von der Himmelfahrt steht also eine andere Erfahrung. Sie ist auch heute noch gültig bei uns, die wir ein anderes Weltbild haben als die Jünger damals. Diese Erfahrung lautet: Jesus ist jenseits aller weltlich-irdischen, menschlich denkbaren Dimensionen und ist uns dennoch nahe.

Der Taufstein in der Marienkirche zu Rostock bildet eine Himmelfahrt ab, die das ganz plastisch zeigt. Der Platz, wo Jesus gestanden hat zeigt tiefe Fußspuren. Jesus war auch dann noch für die Seinen wirklich, als er nicht mehr sichtbar und greifbar war. Ja, die Jünger haben erst jetzt erkannt: Jesus will nicht nur bei uns an oberster Stelle stehen, sondern bei allen Menschen - ganz gleich, wann und wo sie leben, ganz gleich, woher sie stammen, ganz gleich, welche Hautfarbe sie haben, ganz gleich, ob sie mächtig sind oder ohnmächtig.

Mit dieser Erfahrung wundert es nicht, dass sich für glaubende Augen ein neues Bild eröffnet: "Aufgefahren nach oben".

Dieses Bild, der "Himmel", war für die ersten Christengemeinden die Kraftquelle zum Durchhalten. Sie lebten in schweren Zeiten der Verfolgung und des Elends. Da war die Botschaft vom unvergänglichen Erbe im Himmel gut und wichtig. Denn sie wussten: Die Staatsgewalten mit ihrer Gottesanmaßung und ihre willfährigen Organe werden trotz ihrer scheinbar unüberwindlichen Macht ins Nichts verschwinden, während die Verfolgten auch im Tod nicht aus Gottes Hand fallen werden. Der Auferstandene bürgt dafür. Das hat die Verfolgten vor der Verzweiflung bewahrt und den ersten Christengemeinden geholfen, die Gegenwart zu bestehen und die Richtung zu halten.

III.

In der Himmelfahrtsgeschichte starren die Jünger nach oben, und sie müssen sich die vorwurfsvolle Frage gefallen lassen: "Was steht ihr da und seht zum Himmel?" Sie schauen in die falsche Richtung. Wer von Jesus etwas begreift, starrt nicht nach oben, verliert sich nicht in Träume von jenseitigen Welten, die ihn - wenn schon nicht leibhaftig, dann wenigstens in der Phantasie - auf eine selige Insel versetzen. Auch versteckt er sich nicht vor der Welt, versteckt sich auch nicht in seinen Sorgen, zieht sich auch nicht zurück in Clübchen und Grüppchen, sucht auch nicht immer neuen Kick in skurrilen Spielen an der Grenze.

Der Trost, der aus der Jenseitshoffnung erwächst, ist im Lauf der Geschichte in der Tat arg missbraucht worden, eben als eine einlullende Vertröstung. Der Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung der Armen wurden gelähmt. Besonders die Religionskritik des 19. Jahrhunderts hat das schonungslos aufgedeckt. Dahinter dürfen wir nicht zurückfallen.

Dennoch müssen wir den Blick auf den Himmel wiedergewinnen, wir dürfen ihn nicht den Spatzen und der Werbebranche überlassen, die uns heute himmlische Genüsse und das Blaue vom Himmel verspricht. Mag früher Religion zur Vertröstung missbraucht worden sein, heute sind es die Versprechen innerweltlicher wellness mit Spaß und Genuss, die Menschen verdummen. Ganz neu ist das auch nicht, Brot und Spiele waren schon im alten Rom die Mittel, das Volk zu beruhigen.

"Was steht ihr da und seht gen Himmel?" werden die Jünger gefragt. Lasst uns Jesus nicht suchen, wo wir den Himmel vermuten, lasst uns vielmehr den Himmel finden, wo Jesus Christus ist. Lasst uns Christus da erkennen, wo er gesagt hat, dass er zu finden sei, nämlich in denen, die hungrig sind und Durst haben, die krank und gefangen sind.

Lasst uns einander als Gemeinden und Christenmenschen stützen. Dann können die Menschen erkennen, wie wir miteinander Gemeinschaft haben, wie wir lernen, Fremdheit zu überwinden, wie wir lernen, uns in unterschiedlichen Traditionen und Konfessionen anzunehmen.

Wir müssen den Blick auf den Himmel zurückgewinnen. Der lebendige Christus verhilft uns zu diesem Blick. Freilich, auch seine Auferweckung ist unanschaulich und unserem rationalen Nachdenken unzugänglich. Denn es ist ein Geschehen auf der Grenze zwischen der Wirklichkeit, die wir messen, berechnen und definieren können, und der "hinter" dieser Wirklichkeit liegenden Gotteswelt. Wo diese Welten aufeinander treffen, erkennen wir leiblich nur, was wir denken können. Und dennoch "gibt" es die "andere" Realität.

IV.

In der Himmelfahrtsgeschichte sagt Jesus zum Abschied: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein".

Diese schöne und finstere Welt wird uns als Zeugen haben. Wir stehen ein für den Gott Jesu, der Menschen liebt, wie sie sind. Wir verkünden den Gott, der die Wahrheit ist und keine Propagandalügen auftischt.

Zeugen Jesu sind wir in dem Maß, wie unser Leben durch ihn bestimmt ist - trotz aller Widersprüche, trotz aller Zweifel und Verzagtheit in uns selbst.

Christus sagt: "Ihr werdet meine Zeugen sein", nicht "ihr sollt es bitte sein", "ihr werdet es sein". Nicht unser Entschluss ist das Entscheidende, sondern die Kraft seines Geistes. Sie lässt Menschen bekennen: Christus, der Erstgeborene aus den Toten, der die Herrschaft über den ganzen Kosmos angetreten hat, das A und das O, der Erste und der Letzte, der Lebendige.

Das will nicht von selbst in unsere Vorstellung hinein. Die Zerrissenheit der Menschen und ihrer Systeme sprechen oft eine andere Sprache. Unsere wissenschaftliche, ökonomische Welt produziert Verhältnisse, die eher vom Zufall und vom Chaos bestimmt scheinen als von einer Macht, die das alles in Händen hält.

Immer wieder gibt es bedrohliche Meldungen, die zeigen, wie Menschen die Grenzen überschreiten möchten. Ein Arzt aus Australien träumt davon, endlich in einer keimfreien, künstlichen Gebärmutter einen genetisch geprüften Embryo heranreifen zu sehen. Ein anderer Doktor aus den Vereinigten Staaten sucht Investoren, damit er Menschen klonen kann, und offenbar findet er Mittel und Menschen, die mit ihm den Wahn der Unsterblichkeit, die Korrektur von Gottes Schöpfung, realisieren wollen.

In dieser Welt sterben täglich Zehntausende Kinder an Mangelernährung und an Hunger; aber der Wettbewerb um das Superwunschkind wird angeheizt.

Gott sei Dank werden die Folgen solcher Pläne unter uns diskutiert. Der gesetzliche Rahmen in unserem Land bietet noch Schutz vor solchen Auswüchsen. Aber welche Grenzen wir Menschen einhalten müssen im Feld der Biotechnik, ist auch bei uns umstritten.

Wegen der menschlichen Neigung, die Grenzen zu überschreiten, und um extreme Auswüchse zu verhindern, fordern die einen, man solle auf solche Forschungen ganz verzichten, die das genetische Programm des Lebens verändern; andere beschreiben die Chancen dieser Forschung für die Bekämpfung von Krankheiten und Leiden und möchten die Grenzen nicht zu eng gefasst sehen. Wo ist die Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen?

Vielleicht ist es so wie bei einer Kletterei in einer Felswand - wo endet die spannende, sportliche Herausforderung, wo beginnt der tödliche Leichtsinn? Oft weiß man es erst, wenn die Grenze überschritten ist.

Das jedenfalls wissen wir: Unsere Welt trägt alle Risiken und Folgen unseres Handelns und unserer Unterlassungen, trägt alles, was wir persönlich oder global tun und lassen. Wer sensibel genug ist, kann sehen: Wir haften für die Folgen unseres Tuns, selbst da, wo wir gar nicht persönlich schuldig sind, denn wir sind verhaftet in das Schicksal unseres Volkes und der ganzen menschlichen Gattung.

Mich wundert nicht die Verzweiflung in unserer Welt und die Verzweiflung über die Verzweiflung - mit all den Fluchtversuchen, den Drogen und dem Konsumrausch.

V.

"Aufgefahren gen Himmel" - Menschliche Sehnsucht nach Grenzüberschreitung erhält ihr Maß. Jesus, der Gefolterte, der verlässliche Zeuge, ist und war und kommt. Zeit und Ewigkeit fallen zusammen. Das klingt sehr philosophisch, ist aber ganz praktisch. Es verändert uns und die Welt - falls wir davon ergriffen werden.

Der Geist dieses lebendigen Christus schärft unsere Verantwortung - für uns selbst und unser Leben, für die Menschen um uns und für die künftigen Generationen. Den Himmel finden wir, wo ER sich eingelassen hat in die Dunkelheiten dieser Welt. Es ist die Geschichte des Mannes von Nazareth, die das beschreibt. Mit den zerrissenen und gequälten Menschen in unserer Menschheitsgeschichte hat er sich eingelassen, unseren Vorvätern und -müttern hat er sich gezeigt, in dieser Kirche ist das bezeugt worden seit 25 Jahren. Und er selbst will sich auch in den kommenden Jahren immer wieder zeigen.

© Manfred Kock 2004

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