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Pr. i. R. Manfred Kock (evangelisch)
über:
1. Mose 11, 1-9Berlin, am 23.05.2004 (Dom) Exaudi |
1. Nicht auf die falsche Fährte geraten
Die Urzeiterzählung vom Turmbau zu Babel: Es wäre interessant, einen historischen Kern zu suchen. Ausgrabungen in jenem alten Kulturland zwischen Euphrat und Tigris haben manches zu Tage gebraucht, was die Phantasie zu riesigen Türmen ergänzen könnte. Gerade dieses Land Irak mit seinen kulturellen Schätzen und seinen gegenwärtigen Leiden könnte unsere Aufmerksamkeit fesseln, wenn wir die alte Erzählung mit historischen Fragen verbinden wollten.
Wir gerieten aber auf eine falsche Fährte bei der Deutung der Turmbauerzählung. An alten Steinen ist sie nicht interessiert.
Kulturhistorisch bedeutend ist an der Erzählung lediglich, dass sie eine Erklärung darüber bietet, wie die Menschen des alten Kulturraums sich die Verschiedenheit der Sprache erklärten, wo doch alle Menschen einen gemeinsamen Anfang gehabt haben, Und das setzten auch die Schreiber der Bibel voraus. Aber auch das ist von der heutigen Wissenschaft anders erklärt – mit vielen unterschiedlichen Theorien, abweichend von der biblischen Erzählung. Eben nicht als die Folge eines Aktes menschlicher Hybris, auf die Gott selbst eine Strafe verhängt hat. Die Menschen hätten mit ihrem Dolmetschen und Übersetzen auf solche Strafe ja ganz geschickt reagiert.
Es hilft uns gar keine historische Betrachtung, die Erzählung in ihrer geistlichen Bedeutung zu erfassen. Die erschließt sich nur, wenn wir nach der Glaubens- und Gotteserfahrung fragen, die die alte Legende geprägt hat. Es geht in ihr um Verstehen und Nichtverstehen, um Verwirrung und Zerstreuung und um die tiefen Gründe dafür.
2. Verwirrung und Zerstreuung lasten auf der Menschheit
Unterschiedliche Völker und Menschen können offensichtlich nur sehr schwer zusammenleben, manche offenbar gar nicht. Die Verschiedenheit der Sprache, deren Entstehen die Turmbaugeschichte abbildet, ist keine Frage der Grammatik oder der Vokabeln. Sie ist eine Frage des Verstehens bzw. des Nichtverstehens in einem tieferen Sinn.
Es gibt Kinder, die von der gleichen Mutter die Sprache gelernt haben und sich dennoch nicht verstehen. Es gibt Eltern und Kinder, die im gleichen Dialekt und Tonfall sprechen, aber oft genug keine Brücke des Verstehens untereinander finden.
Es gibt Eheleute, die sich fast ohne Worte verstanden und die sich nun nichts mehr zu sagen haben.
Wir benutzen die gleichen Worte, aber wir streiten um ihre Bedeutung: Freiheit oder Frieden oder Liebe – wie schlimm kann der Streit anschwellen, wenn wir solche Worte benutzen, aber ganz Verschiedenes damit meinen. Oder wie viel schlimmer noch kann es gehen, wenn Menschen gar nicht merken, dass sie mit den gleichen Worten Verschiedenes meinen.
Auch christliche Konfessionen sprechen das gleiche Glaubensbekenntnis und sind von der Einheit des Glaubens noch weit entfernt. In Kirchengemeinden redet man sich oft als Brüder und Schwestern an, aber auch da gibt es Fanatismus und Misstrauen.
3. Was ist die Ursache der Verwirrung?
Die Sage erzählt: Die Leute in Babel wollten einen Turm bauen bis an den Himmel. Bauen ist kulturelle Leistung. Messen, rechnen, zeichnen, Steine brennen… Menschen setzen all ihre Kräfte ein, um das Leben zu gestalten. Schneller, höher, weiter, besser – jene olympischen Wettläufe sind Motor, der die Menschheit von Anbeginn treibt und ihr Überleben sichern soll.
Ein "Turm bis in den Himmel", das Bild brauchen wir gar nicht zu pressen. Es geschieht nichts Unerhörtes, sondern was immer im Bereich menschlicher Möglichkeiten liegt: Alle Energie wird zusammengefasst, und Menschen wollen gerne groß sein.
Gewiss, unter uns leben auch die Kulturpessimisten, die gerne alle Türme schleifen würden und die Menschheit am liebsten in Gartenhäuschen ansiedeln möchten. Aber wie sähen dann wohl die Städte aus, in denen wir zu leben hätten?
Türme zu bauen ist ein Kulturprozess, der zu dem gehört, was Menschen als ihren Schöpfungsauftrag zu erfüllen suchen.
Nein, nicht der Turmbau selbst ist die Ursache der Verwirrung, sondern das dem zugrunde liegende Motiv. "Damit wir uns einen Namen machen". Das ist der Ausdruck eines Bedürfnisses nach Selbstverherrlichung. Aber es steckt noch etwas anderes dahinter, und das ist die Angst, sonst nichts zu sein.
Die Sprache verwirrt sich aus Angst und aus Größenwahn, der aus der Angst geboren ist. Wo Energien eingesetzt werden zu etwas anderem als zu Lebensfördernden Bemühungen, da geschieht das aus Angst, und daraus entwickelt sich Größenwahn. Dafür ist die Geschichte vom Turmbau das älteste Bild.
Sprachbarrieren sind überall aufgerichtet, wo Menschen sich selbst in den Mittelpunkt stellen, wo sie ihre Überzeugungen und Herrschaftslüste anderen überzustülpen trachten, statt sie zu fördern und zu verstehen zu suchen.
4. Die Verwirrung der Sprache und die Zerstreuung der Menschen bilden den scheinbar gnadenlosen Abschluss der biblischen Urgeschichte.
Das Buch Genesis, das erste Buch der Bibel, beginnt mit dem Ungehorsam der ersten Menschen, mit dem Mord des Kain an seinem Bruder Abel, dann werden Morde und andere Ungeheuerlichkeiten immer größer, auch die Sintflut kann das nicht beenden. Schließlich gipfelt menschliche Hybris im Turmbau zu Babel.
Dann aber setzt das Buch Genesis ein mit den Geschichten von Abraham. Er wird aus der Masse der verwirrten Menschheit erwählt als der Stammvater eines Volkes und als das Zeichen für alle Völker.
Gott will mit der Menschheit einen anderen Weg als den der Selbstüberschätzung. Er will den Weg des Vertrauens und des Aufbruchs aus der Angst. Es ist der Weg in ein neues Land, der Weg nach vorne.
Am kommenden Sonntag feiert die Kirche das Pfingstfest. Da erinnert die Heilige Schrift an das Brausen des Heiligen Geistes, Zu Pfingsten wird die Turmbaugeschichte umgekehrt. Durch Gottes Geist finden die Menschen eine neue Sprache und ein neues Verstehen. Der Gekreuzigte lebt, das trauen sich die Jünger Jesu öffentlich zu sagen. Und diese Botschaft wird verstanden, obwohl die Zuhörer aus vielen Ländern der Erde gekommen sind. Die Niedrigkeit des Christus ist an die Stelle der Überheblichkeit getreten. (Evt. Hier Bezug zu Kindtaufe)
Das Ende der Zerstreuung ist schon hörbar und sichtbar geworden. Aber Babels Verwirrung ist unter uns doch noch nicht beendet. Die Fremdheit und der Streit unter den Menschen sind kaum geringer geworden. Selbst unter den Christen ist die Verwirrung oft nicht weniger bedrückend als unter denen, die vom Geiste Gottes nichts wissen oder wissen wollen.
Vielleicht ist die Ursache dessen auch heute noch der Wahn, wir Menschen müssten uns abgrenzen und durchsetzen, statt uns auf andere einzulassen.
5. Die Bitte um eine neue Sprache
Lassen Sie uns die Zeit bis zum Pfingstfest nutzen, um für eine neue Sprache zu bitten. Nicht eine schwärmerische, die uns manchmal aus den Gefühlen heraus bricht, wenn wir Millionen umschlungen sein lassen möchten. Sondern so:
- Wir leben vom Dialog. Es gilt die Chancen der Zwiesprache zu nutzen, in der nicht nur gesprochen, sondern auch zugehört wird. Dieser Dialog ist vor allem nötig mit denen, deren Kultur uns fremd und deren Sprache uns zuwider läuft. Ich meine die mit der anderen Überzeugung, die mit dem anderen Glauben. Das Wort Dialog in diesem Zusammenhang wird oft missverstanden, als ziele dieser auf eine kulturelle Vermischung, bei der sich alle Unterschiede auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen lassen. Die Zwiesprache mit anders Glaubenden zielt nicht auf eine wohlgefällige Versöhnung der Standpunkte, auch nicht auf eine Vermischung der Überzeugungen. Ziel des Dialoges ist die Bereitschaft, die Sprache des Anderen als eine Erweiterung des eigenen Sprachschatzes zu erleben, um Unterschiede zu verstehen und zulassen zu können.
Zwei Bedingungen sind allerdings die Voraussetzung für das Gelingen des Dialoges: Man muss die eigene Sprache sprechen können, und man muss sich in die Rolle des anderen hineinversetzen mögen. Gerade für das Gespräch mit dem Islam in unserem Land ist das zu beherzigen. Denn es gibt keine Alternative zu einer Verständigung. Es wäre unsinnig, sie sich alle wegzuwünschen, statt etwas von ihrem Glauben verstehen zu suchen und die eigene Sprache besser zu lernen. Wer vom eigenen Glauben nichts mehr versteht, kann auch nicht mit anderen reden, weder über den eigenen, noch über den anderen. Der Dialog gelingt nicht durch Nivellierung der Standpunkte und durch Relativierung der Wahrheit.
- Wir leben von der Deutlichkeit. Undeutlicher Austausch von Standpunkten und Meinungen kann Vertrauen zu Grunde richten und Gemeinschaften zu Grunde gehen lassen. Die deutliche Sprache Jesu muss gesprochen werden, wo die Mächtigen Ohnmächtige überrollen und ausnutzen, aus Leichtfertigkeit oder Hybris. Die vorsichtige diplomatische Sprache kann manchmal Annäherungen erreichen und Blockaden vermeiden. Aber wenn es um Gerechtigkeit geht, darf es nicht bei der Diplomatie bleiben. Da ist Deutlichkeit angesagt. Ich nenne – aber nur als ein Beispiel - die Kritik an einer bestimmten amerikanischen oder israelischen Politik Hier gibt es mindestens zwei Fallen, in die wir nicht tappen dürfen. Die eine Falle: Wo Kritik mundtot gemacht wird durch den Hinweis, sie sei antiamerikanisch oder antisemitisch.
Die andere Falle: Mit Hilfe der Kritik könne man endlich alle antiamerikanischen und antisemitischen Vorurteile wieder ungehemmt aussprechen. Was die gegenwärtige Diskussion dieser Fragen angeht, ist die Verwirrung durch politische Lügen und mediale Verzerrungen wahrhaft babylonisch. Deutlichkeit ist geboten.
- Den Worten müssen Taten folgen. Versöhnung und Freiheit und Gerechtigkeit müssen durch konkrete Taten verbreitet werden. Wo uns eine neue Sprache geschenkt wird, können wir auch die entsprechenden Schritte tun. Die in alle Winde zerstreut sind, erhalten Orientierung durch den Geist Jesu. Auf diesen Geist können wir vertrauen. Auch im Dialog zwischen Rom und unserer evangelischen Kirche. Wir müssen nicht zunächst die dogmatischen Wege bahnen und danach die Wirkweisen des Geistes in Anspruch nehmen, nämlich Wort und Sakrament. Wir sind soweit, dass es schon umgekehrt möglich wäre.
So bitten wir um den Heiligen Geist, um den gegenwärtigen Gott mit seiner Kraft. Er hilft uns die Babelwelt zu überwinden, und wir lernen die richtigen Schritte zum besseren Verstehen:
- Etwas besser wahrnehmen, was Gottes Weg mit uns ist;
- Etwas besser spüren, was andere bedrückt;
- Etwas mehr an der Not anderer interessiert sein als an ihrer Schuld;
- Etwas mehr Freude empfinden an den Gaben und Stärken der anderen als an ihren Schwächen;
- Etwas dankbarer für eigene Stärken sein, statt mit ihnen stolz zu prahlen;
- Etwas beharrlicher im Gebet und etwas zuversichtlicher in der Hoffnung.
Solche Schritte können wir gehen bei der Rückkehr aus der babylonischen Verwirrung und Zerstreuung. Gottes Geist wolle uns leiten auf diesem Weg.
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