Montag, der 6. September 2010
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LaBi. Margot Käßmann (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Hannover, am 20.11.1999 (Pauluskirche)
Besondere Gemeindesituation

Gildetag

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,
zunächst einmal freue ich mich sehr, schon zu Anfang meiner Amtszeit bei einem Gildetag dabeisein zu können. Das Handwerk ist eine tragende Kraft unserer Gesellschaft, Handwerkerinnen und Handwerker sind engagierte Mitglieder unserer Kirche. Nicht zuletzt spielen ein Zimmermann und ein Zeltbauer im Neuen Testament ja eine zentrale Rolle...

Jahr 2000 – Zukunft wohin? Das ist das Thema ihres diesjährigen Gildetages. Für alle, aber vielleicht ganz besonders für die Menschen im Handwerk spielt die Frage nach der Zukunft eine große Rolle. Manche Sorge klingt da mit, wie es mit dem eigenen Handwerk, dem eigenen Arbeitsplatz, dem eigenen Betrieb weitergehen wird. Das Leitwort der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Übergang in das neue Jahrtausend lehnt sich an Psalm 31 an: "Meine Zeit steht in deinen Händen". Ich denke, das ist die Antwort auf die Frage des Gildetages: wir können uns Gott anvertrauen sowohl im Rückblick auf das Vergangene als auch im Vorausblick auf das Neue. Mit Blick auf Gottes Zeit und Ewigkeit ist der Jahreswechsel 1999 zu 2000 nicht von Bedeutung. Wann war der exakte Zeitpunkt von Jesu Geburt – wir wissen es nicht.

Er wurde im Rückblick berechnet von der Feststellung her, daß Jesus frühestens im Jahr 27, spätestens im Jahr 34 gekreuzigt wurde. Beginnt das Jahrhundert nicht erst am 1. Januar 2001, wie uns kluge Menschen immer wieder belehren? Das stimmt zwar, da als Jahr 1 das Jahr gilt, in dem Jesus geboren wurde. Die Festlegung der Jahrtausendschwelle auf den 31. Dezember 1999 hat aber offensichtlich hohen emotionalen Wert. Alle vier Zahlen ändern sich. Plötzlich keine 1 ganz vorn mehr wie bei allen die in diesem Jahrtausend lebten. Das wird als großer Einschnitt empfunden, als Zeitmauer. "Silvester 1999", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, "macht alle bis dahin geborenen ‚Bewohner Alteuropas zur Schicksalsgemeinschaft. Hineinalternd in eine Epoche, die das zwanzigste Jahrhundert verachten und verabscheuen wird..." (Frank Sirrmacher, Das Moses-Projekt, Frankfurter Allgemeine Zeitung 17. November 1999, S. 49)

Viele Menschen ahnen das und blicken gebannt auf diesen Zeitpunkt. 35000,- DM für einen Flug mit der Concorde, um den Jahreswechsel zweimal zu erleben. Ein Kampf um die Rechte der Pazifikinsel, die zuerst das neue Jahrtausend erblickt – angeblich will eine Insel eigens die Zeit umstellen. Kein Hotelzimmer mehr in London und Paris und auch nicht in Disneyland. Das Jahrtausendwochenende im Adlon Berlin gibt es ab 8500,- DM. Champagner könnte ausverkauft sein, wird werbewirksam erklärt. Selbstmorde werden in großer Zahl erwartet. All das zeigt, daß die Menschen auf dieses Jahr als Zäsur blicken. Und deshalb sollten wir versuchen, Ihnen nahe zu sein, Ihre Sorgen ernst zu nehmen. Ich finde es beispielsweise gut und richtig, wenn Kirchen ihre Türen in der Sylvesternacht 99/00 öffnen.

Wir haben davon zu reden, daß Endzeitängste, die Drohungen mit Zeitenenden hinfällig sind, wenn wir uns Gott anvertrauen. "Der du die Zeit in Händen hast, Herr nimm auch dieses Jahres Last" heißt es in einem Lied von Jochen Klepper.

Darüber hinaus können wir die Zäsur nutzen, um Bilanz zu ziehen und in die Zukunft zu blicken. Da die Zeitrechnung der Welt das Geburtsjahr Jesu zum Bezugspunkt hat, kann der Jahrhundert- und Jahrtausendwechsel genutzt werden, um auf die Bedeutung Gottes aufmerksam zu machen in einer säkularisierten Welt. Der Geburtstag Jesu kann aus diesem Anlaß gefeiert werden als Einbrechen der Realität Gottes in unsere Welt. So bin ich gewillt, das Datum als Chance zu nutzen, von Gott zu reden, davon, daß Gott sich in Jesus Christus gezeigt hat.

Unsere Zeit zu charakterisieren als Zeit, die Gott gehört, das ist schon ein Wagnis in einer Welt, die meint, selbst über Zeit und Ewigkeit bestimmen zu können. Eine Welt, die gleichsam fixiert ist auf Zeit: Zeit ist Geld, Zeit ist Leben. Es darf keine verschwendete Zeit geben, Zeit ist kostbar, keiner hat Zeit. Der Zeitdruck kann enorm sein, sie als Menschen im Handwerk wissen das wohl besonders gut. Und gleichzeitig gibt es Menschen mit unendlich viel Zeit, denen die Zeit nicht vergeht, die die Zeit totschlagen müssen bis zum nächsten kleineren Ereignis, bis zum nächsten Gang zum Arbeitsamt. Es herrscht eine große Zeitungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Mehr noch: es herrscht eine große Zeitungerechtigkeit weltweit. Lebenserwartung und Lebenszeit sind ungerecht verteilt auf dieser Erde. Ein Kind in einem Flüchtlingslager in Ost-Timor hat weniger Lebenszeit zu erwarten als ein Kind in der deutschen Wohlstandsgesellschaft.

Ein Kaffeebauer in den Plantagen Brasiliens hat weniger Lebenszeit als die Unternehmerin in Paris, die diesen Kaffee trinkt. Die aidskranke Prostituierte in Bangkok hat weniger Lebenszeit als der Geschäftsmann aus England, der sich bei ihr "eine Abwechslung leistet”. Das muß eine Herausforderung für unsere Gesellschaft bleiben und darf nicht versteckt werden.

Wird unsere Lebenszeit als Zeit in Gottes Händen verstanden, kann es allerdings gar keine gewonnene oder verschwendete Zeit geben. Dann gibt es nur geschenkte Zeit. Und über die muß ich Rechenschaft ablegen. Wie ich diese Zeit als Haushälterin bewirtschafte, verwende? Und da ist dann vielleicht Erziehungszeit noch wesentlich wertvoller als Börsenzeit, Altenpflegezeit von größerem Gewicht als die durch die Concorde gewonnene Geschäftszeit. Zeit mit meinen Kindern wichtiger als ein Pflichttermin der Landesbischöfin. Zeit des Handwerkers mit seiner Frau wichtiger als der zusätzliche Auftrag. Die Menschen ohne Zeit, die permanent unter Zeitdruck sind und Zeitdruck erzeugen, sie sind nicht die Herren der Welt. Die Zeiten der Erziehung und der Pflege, des Kindseins und der Krankheit, der Arbeitslosigkeit und der Begleitung der Schwächeren, das ist vor Gott relevante Zeit.

Unsere Zeit als Gottes Zeit zu sehen, kann Ängste vor Zeitenenden und Zeitenwenden nehmen. "Meine Zeit steht in deinen Händen", heißt es in der Lutherübersetzung von Psalm 31. Wir können die Zeit aus Gottes Hand nehmen und in Gottes Hand geben. Sie ist in Gottes Händen aufgehoben. Wenn wir von solchem Gottvertrauen reden können in einer Sprache, die für unsere Zeit verständlich ist, leisten wir einen gewichtigen Beitrag in der Unruhe unserer Gesellschaft im Jahr 2000. Dann müssen wir auch nicht länger weglaufen vor unserer Lebenszeit - sei es durch Fernsehen, Extremsport oder andere Ablenkungen. Wir können es wagen, uns der Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Und wir können jeden Tag intensiv leben, bewußt, ob er nun in Terminkalenderzwänge eingepreßt ist oder nicht.

Vor Gott verantwortlich leben, die Zeit gestalten, dankbar für die glücklichen Momente, mutig und getröstet in den schweren Zeiten – solchen rechten Umgang mit der Zeit, die in Gottes Händen liegt, den gilt es anzustreben.

Statt dessen führt die Zeitfixiertheit unserer Gesellschaft dazu, daß die Todeszeit aus dem Leben ausgeblendet wird. Lebenszeit als begrenzt zu verstehen, das ist eine Botschaft, die Christinnen und Christen in unsere Gesellschaft immer wieder hineinzusagen haben. Als Christinnen und Christen können wir uns mit der Verletzbarkeit von Leben am Beginn und am Ende der Lebenszeit auseinandersetzen müssen. Und mit der Begrenztheit der Lebenszeit, gerade auch am Vorabend des Ewigkeitssonntages.

Bischof Lilje erzählt in seinem Bericht aus der Gefangenschaft "Im finstern Tal", daß ihm irgendwann klar wurde, daß er sehr konkret mit seiner Hinrichtung rechnen müsse. Und da begann er, sich darauf im Glauben einzustellen. "So füge ich meinem Tagesablauf noch eine Viertelstunde ... Betrachtung des Todes ein. ... Täglich ende ich diese Viertelstunde mit der Bitte, Gott möge meine Knie nicht zittern lassen, wenn ich jenen Schemel besteigen muß. Und Lilje erzählt dann, wie er eine gesegnete Gelassenheit gewann, wie er keine Angst mehr hatte vor dem, was kommen mag. Gotteszeit - in aller Weltenzeit? Gotteszeit ist uns gegebene Zeit, damit wir leben und gedeihen, wissen um Menschliches und Göttliches. Gott gibt Zeit zu atmen und zu leben, damit die Weltzeit uns nicht atemlos macht.

Liebe Gemeinde, unsere Zeit, die geschenkte Zeit ist jetzt und hier. Sie ist geliehene Zeit aus Gottes Ewigkeit. Wir sollten sie nicht totschlagen, volldröhnen lassen mit Talk und Blabla aus tausend Kanälen. Nichts, was wir schaffen, leisten, besitzen, löst uns aus der Zeit und auch aus unserer eigenen Endlichkeit heraus. Wenn das manch einer der Zeitgehetzten ernst nähme! Die Begrenztheit unserer Lebenszeit muß neu gelernt werden.

Wo wurde das je besser ausgedrückt als im alttestamentlichen Buch Prediger?: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: ... Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist." (Prediger 3, 1 + 15).

Das ermutigt, das tröstet. Gott war vor aller Zeit und wird sein nach aller Zeit. Nichts unter Gottes Himmel ist so neu, daß wir verzweifeln müßten. Auch das gehen. Und nichts ist so alt, daß es nicht erinnert werden könnte, keine Zeit geht wirklich verloren bei Gott. Und nichts ist so verloren, daß es nicht erneuert werden könnte. Wir selbst. Unsere Beziehungen. Die Erde. Wir können bauen und lieben, herzen und lachen, arbeiten und suchen, sagt der Prediger. Zeit füreinander finden. Für das Leben und Zeit für Gott. Das wünsche ich ihnen und uns allen, denn unsere Zeit, sie liegt in Gottes Händen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

© Margot Käßmann 1999
http://www.evlka.de/labi/labi.html

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