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Pfr. Michael Häußler (evangelisch)
über:
kein konkreter bibl. BezugDortmund, am 12.12.1999 (Dreieinigkeitskirche) Liedpredigt |
EG 9, 1
Michael Schirmer, der Dichter des Liedes EG 9, ist ein Zeitgenosse Paul Gerhardts. 2 seiner Lieder sind im EG festgehalten: "Oh heilger Geist kehr bei uns ein ..." und eben unser Adventslied Nr. 9.
Michael Schirmer wurde nach kurzer Tätigkeit als Pfarrer in Striegnitz Konrektor am Gymnasium zum grauen Kloster in Berlin. Aufgrund seiner dichterischen Qualitäten wurde er zum "Kaiserlichen Poeten" ernannt. Zu seinen engeren Freunden in Berlin zählten Johann Crüger, Kantor und Organist an St. Nicolai, von dem die ursprüngliche Melodie des Adventsliedes stammt, und der Pfarrer und Liederdichter Paul Gerhardt.
In die Lebenszeit Michael Schirmers von 1605-1673 fällt die schwere Zeit des 30jährigen Krieges. Die Lieder dieser Zeit, von Paul Gerhardt und hier auch Michael Schirmer, und darin auch unser Adventslied heute sind ein Spiegelbild dieser Zeit.
Söldnerheere brachten Verderben und Tod über die Menschen, zudem wütete die Pest, der "schwarze Tod" in vielen Landstrichen Deutschlands, eine Seuche, vor der man sich kaum retten konnte. Die Zeit war gekennzeichnet von furchtbarer Armut und großem Elend, von ständiger Todesangst und unsäglichem Leiden. Michael Schirmer selbst litt an einer schweren Erkrankung, die ihn für 5 Jahre lähmte und dann schließlich zur Aufgabe seines Berufes zwang.
Großartige Lieder von Paul Gerhardt, Michael Schirmer und anderen sind in dieser Zeit entstanden; wir singen sie auch heute noch gern, zeigen sie doch auf, wie glaubende Menschen diese Zeit durchgestanden haben. Die Lieder haben ermutigt und ermutigen auch heute noch Menschen, gegen Leid, Not und Tod ihr fröhliches und hoffnungsvolles Lied anzusingen
EG 9, 3
Können wir uns vorstellen, welche Angst die Menschen in Grosny haben, nachdem sie zum Verlassen ihrer Stadt aufgefordert wurden um ihr Leben zu retten, und die nun die Panzer der russischen Truppen auf die Stadt zukommen sehen; können wir die Todesangst der Kosovo-Flüchtlinge ermessen, die vor den serbischen Milizen ihre Dörfer und Städte verlassen haben und geflohen sind?
Was uns Bilder der Zeitungen und des Fernsehens in diesem nun fast vergangenen Jahr an Kriegsereignissen und Flüchtlingsnot nahebringen, war für Michael Schirmer eine sehr direkte, lebendige Erfahrung: "Herr Konrektor", haben ihn vielleicht einige Schüler seiner Klasse angesprochen, "wir haben Angst vor dem Krieg, er dauert nun schon fast 20 Jahre." Der Lehrer hatte natürlich längst gemerkt, dass seine Schüler oft abgelenkt waren. Und er wusste nicht, wie er sie zum Unterricht ermutigen könnte. Gedichte besprechen? Dazu waren Ruhe und Aufmerksamkeit nötig. Lieder singen? Etwa solche, die die schöne Natur besingen? Dazu war ihnen nicht zu Mute. Und die Lieder der Soldaten, der Landsknechte, die mochten sie auch nicht mehr hören. Er; der Liederdichter; litt selbst an diesem furchtbaren Krieg. Viele Dörfer und Städte waren schon verwüstet.
Die Menschen waren aus ihren Häusern und von ihren Bauernhöfen vertrieben worden. Es gab viele Tote bisher "Wie lange wird es dauern, bis sie auch nach Berlin kommen und unsere Häuser abbrennen und die Bewohner umbringen?!" fragten sich die Einwohner der Stadt.
Michael Schirmer, der berühmte Dichter von Berlin, antwortete auf die Angst und die Traurigkeit und die Hilflosigkeit mit einem Lied. Es sollte ein Trostlied werden und ein Mutmachlied. Unser Adventslied wurde daraus: "Nun jauchzet, all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit", so die 1. Strophe wie als eine Überschrift; und dazu wollte Michael Schirmer ja auch die Menschen einladen, zum Singen und zum Freuen, damals, in den Tagen des Advent.
Ein Lied, das ansingt gegen Leid und Not und Tod, ja. Eines, das freilich kaum etwas ausrichten kann, wenn die Bomben fallen und die Raketen in der Stadt einschlagen, wenn die Soldateska die Stadt durchkämmt und die Menschen ihren Greueln unterwirft.
Aber doch ist dieses Lied Michael Schirmers Antwort auf die hoffende und zugleich angesichts der Lage zugleich so hoffnungslose Frage der Menschen: Gibt es für uns eigentlich noch so etwas wie eine Zukunft?
Welche Antwort geben wir darauf?
Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging durch unser Land, als die Kosovo-Flüchtlinge an unsere Türen klopften. Das ist ja auch schon eine Antwort, die Mut macht und Hoffnung gibt für die Menschen in Not: Daß da andere sind, die sich ihrer Not annehmen.
Sicher ist auch eine Antwort der Protest der westlichen Demokratien gegen den menschenverachtenden Krieg in Tschetschenien. Das Ultimatum wurde eingefroren; Menschen, die nicht mehr herauskamen aus Grosny, sie haben ein klein wenig Hoffnung.
Auch eine Antwort darauf ist die, die Michael Schirmer in seiner Zeit mit seinem Lied zum Advent gegeben hat - vielleicht, weil andere Antworten nicht hörbar, nicht mit Händen greifbar, erfahrbar waren als Hilfe von aussen in Notsituationen.
Gott selbst hat versprochen, zu kommen und die Menschen aus der Not zu befreien - die ganze Schrift spricht dieses Versprechen solchen Advents immer wieder aus. Freilich: Nicht mit Szepter und Krone, nicht mit Tornados und Cruise Missiles kommt dieser König. Da zieht einer mit einem Esel in Jerusalem ein und nicht mit dem Streitwagen. Da stirbt einer den Tod von unzähligen Opfern politischer und militärischer Gewalt am Kreuz - und er wird doch auferstehen.
Dieses "Dennoch" Gottes zu allem Leid und allem Tod - ja, auch zum Tod - dieses "Dennoch" läßt Michael Schirmer sein Lied dichten und singen. "Dennoch bleibe ich stets an dir ..." - ja, würden wir nicht so bleiben, so wären wir verloren, und dieser fürchterliche Tod in allen seinen entsetzlichen Fratzen hätte endlich und endgültig seine Macht und sein Reich aufgerichtet auf dieser Welt.
So aber halten da welche fest, die Frommen, die jauchzen und singen; sie bleiben, hoffen, glauben - und dann gibt's dann auf einmal auch welche, die lieben, die tun, was sie können - mit der Hoffnung, daß Gott es gutheißt und letztendlich umfängt mit seinem Willen und Tun.
EG 9, 5
Die Menschen litten "in dieser bösen Zeit" nicht nur an der Angst vor den Soldaten, die schon vor den Toren ihre Stadt standen und das Leben der Einwohner bedrohten. Ein anderer fast noch gefährlicherer Feind war die Pest, die überall im Land und jetzt auch in Berlin wütete. "Schwarzer Tod" nannten die Menschen diese Seuche. Wen sie befallen hatte, dessen Körper war ganz schnell übersät mit schwarzen Beulen. Die Seuche verlief bei den meisten Menschen tödlich. Viele Einwohner verließen deshalb aus Angst vor der Pest ihre Dörfer und Städte, ihre Häuser standen leer Sie flüchteten zu Verwandten oder Freunden, wo sie vielleicht sicher waren. Auch Michael Schirmer war in Gefahr Der Arzt musste kommen und feststellen, dass die Pest auch in seinem Hause Einzug gehalten hatte. Eine von allen in der Familie geschätzte Angestellte, die in der Familie half, war krank geworden.
Einige Tage später musste man sie zu Grabe tragen. Die wenigen Trauernden, die dabei waren, sangen möglichweise zum Abschied das Osterlied: "Christ ist erstanden von der Marter alle: des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein".
Vielleicht hat der Liederdichter diesen fröhlichen Klang mit nach Hause genommen: " ... seid dennoch wohlgemut!" - "Dennoch", trotz "dieser bösen Zeit" des Krieges und der Seuche und der Flucht und der Verfolgung, - "lasst eure Lieder klingen!"- trotz der Marschtritte der Soldaten, trotz der Trommewirbel der Erschiessungskommandos, trotz aller dunklen Klängen der Angst und des Todes.
Gott ist letztlich stärker als die Angst und das Leid! So die mutmachende Botschaft der Bibel - freilich, oft gegen allen Augenschein. Gottes lebendiges weil lebendig machendes Wort an uns und für uns - trotz allen Sterbens, trotz des Todes. Wenn unsere eigenen Kräfte am Ende sind, haben wir wirklich nur eines, was wir der Not und dem Tod mitten in unserem Leben entgegensetzen können:
Unseren Freudengesang auf den kommenden König!
"Er ist unser höchstes Gut!"
EG 9, 6
Dem Adventkönig lobsingen!?
Im Gottesdienst mit anderen zusammen beim Klang der Orgel und mit dem Blick auf das Licht des Altares und des Adventkranzes ist es vielleicht möglich. In der Gemeinde, unter Freundinnen und Freunden, unter Schwestern und Brüdern, da können wir uns gegenseitig trösten, wenn es denn nötig ist. Was aber, wenn da jemand allein ist, allein mit seiner Angst und Not, allein mit seiner Trauer und seinem Schmerz: Da bleibt das Klagen und das Weinen, oder auch das Verzweifeln und das Stillesein.
Ein wunderschönes Bild des neuen Testaments verwendet Michael Schirmer als Antwort auf diese Frage: Jesus vergleicht einmal die neue und heilvolle Welt Gottes mit einem Hochzeitsmahl. Zehn Brautmädchen haben die Aufgabe, mit ihren Öllampen dem Bräutigam entgegenzugehen und ihn zum Festmahl zu geleiten. Aber nur fünf von ihnen handeln klug. Sie nehmen genügend Öl mit. Weil der Bräutigam später kommt als erwartet, sind die Klugen bereit, ihn mit ihren brennenden Lampen zu empfangen.
"Halt' eure Lampen fertig!" - entscheidend in diesem Gleichnis sind die 5 "klugen" Jungfrauen, die ihr Licht bereit halten, also leuchten lassen vor aller Welt und vor allen Menschen - als Licht für die Welt. Es sind die "Frommen", die ja "nun jauchzen" sollen, die diese Aufgabe haben, in der Welt ihr Licht leuchten zu lassen - als Vorschein auf die kommende Herrlichkeit. Alle Menschen, die "im Finstern wandeln," sollen so ein Licht schauen.
Nicht, dass die "Frommen", wie er die Menschen nannte, die sich zur Gemeinde hielten, nicht auch dringende Frage gehabt hätten: "Wann wird Gott sich erbarmen und aller Not auf dieser Erde ein Ende machen? Wann werden wir den Lichtstrahl seiner Herrlichkeit sehen?"
Mit der letzten Strophe seines Liedes wollte Michael Schirmer darauf eine Antwort finden. Ihm halfen dabei die Stellen im Evangelium, die vom Kommen des Messias und von der Befreiung aus aller Not erzählen. Die Menschen werden den Menschensohn kommen sehen "mit großer Kraft und Herrlichkeit".
Michael Schirmer sieht im hoffenden Warten auf diese Herrlichkeit die Kraft, die die "Frommen" das Leid aushalten und andere im Leid leben und hoffen läßt.
Deshalb endet das Lied mit der tröstenden Aussicht:
Der Kommende "wird all eu'r Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud".
Amen.
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