Montag, der 6. September 2010
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Pr. i. R. Manfred Kock (evangelisch)
über: Apostelgeschichte 2, 37-38+41-47

Berlin, am 25.07.2004 (Dom)
7. Sonntag nach Trinitatis

Einen Wunsch hätte ich gerne frei für unsere Kirche: Von allen Predigten müsste man sagen können: "Als sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz".

Es wird in unserer Kirche meistens gut und mit Fleiß gepredigt. Pfarrer und Pfarrerinnen geben sich Mühe, das Wort Gottes auszulegen und in die konkrete Situation gegenwärtigen Lebens hineinzusprechen. Es gibt ermutigende Reaktionen auf unsere Predigten: Lob und konstruktive Kritik, bisweilen auch weiterführende Diskussion, vor allem, wenn mündige Gemeindeglieder die Predigt mit eigener Glaubenserfahrung oder Lebenszweifeln in Verbindung bringen.

Das alles kommt nicht selten vor und ist gut so. Aber dass Menschen von einer Predigt so radikal bewegt werden, wie es die Apostelgeschichte vom Anfang der Kirche erzählt, scheint doch eher die Ausnahme zu sein.

Nun erzählt Lukas vom Erfolg der ersten Gemeinde nicht, um uns mit einem Idealbild von Kirche zu entmutigen. Er will beschreiben, was die Bewegung in Gang setzt – und was sie in Gang hält. Darauf wollen wir jetzt hören.

Petrus hatte gesagt: "Jesus von Nazareth, den habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht, den hat Gott auferweckt". Ihr habt Gottes Handeln an euch und für euch nicht erkannt, obwohl ihr es hättet besser wissen können. Ihr wart zu selbstsicher, zu festgelegt auf eure Vorstellung von Gott. Darum habt ihr Gottes Boten liquidiert. Aber Gottes Antwort ist: "Den ihr habt kreuzigen lassen, den hat Gott auferweckt".

Diese Worte des Petrus gehen den Menschen ans Herz. Das Kreuz, das Marterinstrument erscheint ihnen in einem neuen Licht.

Vor einigen Monaten gab es anlässlich der Premiere von Mel Gibsons Film über die Kreuzigung Jesu heftige Diskussionen. Der Film wurde von vielen gepriesen wegen seiner eindrücklichen Leidens-Schilderung. Von vielen anderen wurde er verabscheut als eine inszenierte Quälerei.

Missbrauch der Kreuzigungsgeschichte ist nicht ausgeschlossen. Missbraucht wird die Geschichte vor allem, wenn sie zum Hass-Instrument gegen die Juden genutzt wird oder wenn die Kreuzigung Jesu, um das antijüdische Missverständnis zu vermeiden, gar nicht mehr vermittelt werden soll. Die Diskussion um den Gibson-Film offenbarte gerade diesen Missbrauch. Er traf erneut die Juden, und zwar gerade wenn man meinte, wegen ihrer antijüdischen Missbrauchsgeschichte dürfe man die Kreuzigung Jesu nicht mehr betonen. Die eigentlichen Verursacher des Kreuzes werden nämlich damit verschleiert. Die sind nämlich nicht "die" Juden, sondern es sind du und ich. Alle in der Passionsgeschichte sind du und ich: Judas und das Volk, Kaiphas und Pilatus, Petrus und die anderen Jünger.

Wir sperren uns dagegen, mit dieser abgründigen Bosheit behaftet zu werden. Daran haben wir doch keinen Anteil, meinen wir. Wir sind doch nicht Judas, der verriet; wir sind nicht voller Hass wie Kaiphas; wir waschen unsere Hände in Unschuld, aber, anders als Pilatus, zu Recht, meinen wir; wir sind nicht der Pöbel von Jerusalem, wir haben nicht mit geschrieen; wir foltern nicht, wir schachern nicht, wir verleugnen nicht; wir laufen nicht furchtsam davon.

Oder? Sind wir nicht doch von allem etwas?

Manchmal bin ich blind, ich denke, was viele denken, ich tue, was andere tun, ich höre nicht, wer nach mir ruft – wie viele; ich will mir nicht den Mund verbrennen und schweige...

Da bricht es wieder in mich ein, was die Kreuz-Geschichte entlarven will:
Wie die "Sachzwänge" meine Untätigkeiten und mein Schweigen entlasten sollen;
wie vom Frieden geredet, aber mit Waffen gehandelt wird;
wie leicht das Wort Gott über die Lippen geht und wie gleichgültig der Mensch bleiben kann.

Judas und alle anderen sind nicht die eigentlichen Akteure der brutalen Mordgeschichte. Sie sind Modelle für dich und mich. Und also verantwortlich für das Kreuz nicht anders als du und ich.

Keine antijüdische Deutung der Kreuzigungsgeschichte kann uns entlasten, vor allem aber nicht deren Verdrängung aus unserer Glaubenstradition.

Die Predigt des Petrus stellt seinen Zuhörern das Kreuz in ein neues Licht. Das setzt die Jesusbewegung in Gang. Die Leute erkennen mit einem Mal ihre Rolle bei der Kreuzigung und verlieren ihre Ruhe und Selbstsicherheit. "Was sollen wir tun?", fragen sie. "Gibt es noch Hoffnung für uns?"

"Tut Buße", ist die Antwort. Buße ist keine krampfhafte Anstrengung, keine finstere Bemühung. "Tut Buße" ist das Angebot einer zweiten Chance, ein Ruf zum Leben für die, die Gottes Handeln verkannt, aber ihren tödlichen Irrtum eingesehen haben. "Kommt nach Hause – ein Fest ist bereitet. Das Leben ist stärker als der Tod!"

Wir können die Predigt des Petrus nicht einfach zitieren, nicht einfach wiederholen, damit die Hörerinnen und Hörer unserer Predigt den "Stich durchs Herz" bekommen. Aber fragen werden wir müssen, wo wir heute die Chance verpassen, die Gott uns gibt; was antworten wir, wenn Menschen uns heute fragen: "Was müssen wir tun, um die verpasste Chance wettzumachen?" Bei dieser Frage sind wir oft hilf- und ratlos. Aber eins können wir wohl vermitteln: Das Staunen darüber, wie Gott auf ein gegen ihn gerichtetes tödliches Handeln reagiert: Mit dem Angebot des Lebens aus dem Tode. Vielleicht gibt das auch den Menschen heute einen "Stich durchs Herz", nicht aus Schrecken, sondern weil sie überwältigt sind von dieser schier übermenschlichen Güte.

Es wurden nach dieser ersten Missionspredigt gleich 3000 Menschen der Gemeinde hinzugefügt. Über die Zahl ist oft spekuliert worden. "Übertreibt Lukas hier nicht?", so wird zweifelnd gefragt. Wir haben da heute eher Austrittszahlen in dieser Höhe aufzuweisen. Die Eintrittszahlen steigen zwar, aber es sind nie Massen, immer nur Einzelne. Von dieser Domgemeinde weiß ich, dass auch sie wächst. Hier gibt es Taufunterricht für Erwachsene, und noch im Herbst werden sich 10 Erwachsene taufen lassen. Also Wachstum gibt es wohl, aber bei weitem nicht so überwältigend wie hier: 3000 auf einen Schlag.

Lukas will damit bezeugen: Gott begleitet die Mission seiner Kirche mit seinem Segen, mit seinem großen Segen. Daran sollten wir nicht zweifeln, auch wenn wir meinen, von diesem Segen in unseren Tagen nichts abzubekommen. Dieser Segen ist nicht auf den Anfang der Kirche beschränkt und hat sich im Laufe der Geschichte nicht abgenutzt.

So lasst uns nun nachdenken über das Bild der Kirche, das Lukas beschreibt. Wir müssen es nicht nachmachen, aber wir können erkennen, was die Bewegung in Gang hält, die grundlegenden Lebensvorgänge, welche die Gemeinde bilden und stärken. Die Beschreibung hilft, dass wir unsere Mitte finden. Daran können wir uns ausrichten und aufrichten.

1. Kirche ist Lerngemeinschaft

"Sie blieben beständig in der Apostellehre".

Kirche ist Lerngemeinschaft. Das ist nötig, wenn sie leben und wachsen soll. Was die Apostel im Umgang mit Jesus erlebt und erfahren haben, wird weitergegeben und auf unser Leben bezogen. Der Gekreuzigte holt uns heraus aus dem ewigen Kreislauf um uns selbst: aus der Welt des Todes in das Leben mit ihm.

Lasst uns das in unseren Kirchen und in unseren Gemeinden weitersagen, immer wieder: Wie Jesus die Armen selig preist, die Friedensstifter, die Gewaltlosen; wie er gegessen hat mit den Ausgestoßenen; wie er Schuld vergeben hat und Chance gab für neuen Anfang; wie er die angriff, die hart und selbstgerecht ein System von Werten verkörperten, das den Menschen nicht dient; wie er sich ans Kreuz schlagen ließ für die Sünden der Welt. Darin zeigt er sich als der Lebendige.

Das nennt Lukas 'Apostellehre'. Die ist kein Gebäude von Dogmatik, sondern lebendige Ansage der Gegenwart Gottes. Wir brauchen dazu die Quellen, wir brauchen die Heilige Schrift und die Predigt. Manchmal tun wir uns schwer damit. Die Texte sind alt. Aber sie werden lebendig. Ein einziger gestammelter Satz aus dem Herzen ist echter und lebendiger, als wenn einer ein ganzes Lehrgebäude kennt, ohne dass es Folgen bei ihm hätte. Deshalb: In der Gemeinschaft immer neu hinhören, Entdeckungen machen, Erfahrungen mitteilen, das sind Zeichen einer lebendigen Gemeinde. Kirche ist Lerngemeinschaft.

2. Kirche ist Hilfsgemeinschaft

"Alle, die gläubig wurden, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Besitz und Habe und teilten sie aus unter allen, je nachdem, wie einer in Not war". Kirche ist Hilfsgemeinschaft.

Teilen und Not lindern. Die Lehre der Apostel vermittelt die Liebe Christi. Die ist nicht Stimmung und Gefühl, sie ist konkrete Erfahrung. An Christus teilhaben führt zum Teilen des Eigenen. Diese Gemeinschaft hat man oft "Liebeskommunismus" genannt. Sie ist aber kein Kommunismus, hat mit der Verteilung von Produktionsmitteln und dem Eigentum daran nichts zu tun. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge haben die ersten Christen nicht interessiert. Ihr Interesse waren die anderen und ihre Bedürfnisse. Wenn einer in Not war, wurden Opfer gebracht.

Auch bei uns wird gegeben für Menschen in Not. Wir haben inzwischen ein entwickeltes Sozialsystem in unserem Staat. Es beruht auf der Erkenntnis gegenseitiger Verantwortung. Die Mängel des Systems sind vielen bewusst. Wir sprechen von neuer Armut; wir sprechen von Unbezahlbarkeit sozialer Systeme; und weltweit funktioniert das alles sowieso nicht – vor allem deshalb nicht, weil wir Menschen offenbar nicht begreifen, dass unsere Einstellung zu Besitz nicht beliebig sein darf. Wer in der Apostellehre bleibt, der ist von seinem Besitz nicht mehr besessen, er hat einen anderen Herrn. Er kann abgeben, er kann verzichten. Das sollten wir lernen, die Welt mit den Augen Jesu zu sehen. Dann würden wir auch ein neues Verhältnis bekommen zu dem, was uns gehört. - Kirche ist Hilfsgemeinschaft.

3. Kirche ist Tischgemeinschaft

"Sie blieben beständig in der Apostellehre, und in der Gemeinschaft, und im Brotbrechen. Einmütig im Tempel brachen sie das Brot in den Häusern und nahmen die Speise mit Freuden". Kirche ist Tischgemeinschaft.

Gemeinschaft am Tisch im Tempel und im Haus. Brotbrechen nennt Lukas das Mahl. Nicht die heiligen Substanzen sind ihm wichtig, es ist der Vorgang des Austeilens. Der Geist Jesu Christi ist anwesend. Er lädt ein, er schenkt Freude, die Türen sind geöffnet. Die Gemeinde ist konzentriert, ist nicht zersplittert. Das Heilige Abendmahl ist eine Tischgemeinschaft, nicht fromme Einzelübung. Das Heilige Mahl setzt Kräfte frei. Es steht in Beziehung zu unserer Tischgemeinschaft in unseren Häusern. Mit wem gehören wir da zusammen? Mit jedem, mit dem sich Jesus an den Tisch setzt. Wir laden ein, wir grenzen nicht ab. Zum Sündenfall werden die Mahlfeiern, wenn gerade sie das hauptsächliche Trennungszeichen von Konfessionen geworden sind. Darum brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir auch in der Welt zerteilt sind – in Schwarz und Weiß, in Weltanschauung und Klassengegensätze.

4. Kirche ist Gebetsgemeinschaft

Die Gemeinde lebt vom Gebet. Nicht, weil sie hilflos ist und sonst oft nichts machen kann, sondern weil sie neben und vor allem anderen Tun eben dieses tut, nämlich betet. Unaufgebbar und unersetzlich ist das Gebet der Gemeinschaft. Denn unser Leben als Gemeinschaft ist nicht Folge unserer Bemühungen. Es ist vielmehr die Folge davon, dass Gottes Geist unter uns wirkt. Ihm öffnen wir uns im Gebet. Ohne Gottes Hilfe vermögen wir nichts. Die Mächte dieser Welt, die Ideologien und Anschauungen: Wir sind ihnen nicht gewachsen, wenn wir auf unsere Kraft schauen. Wir brauchen im Horizont der weiten Welt nichts anderes, als dass wir vor Gott treten.

Das sind die vier Kennzeichen, die Lukas nennt als die Motoren, die das Gemeindeleben in Gang halten. Sie haben gemerkt: Sie sind ideal beschrieben, und ich habe sie in dieser Predigt auch ideal entfaltet. Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn in der Gemeinde, aus der Sie kommen, Defizite gegenüber dem Ideal festzustellen sind. Und wenn Sie mit keiner Gemeinde so recht verbunden sind, dann warten Sie nicht, bis Sie die Idealgemeinde gefunden haben. Fragen Sie sich lieber, was Sie dazu beitragen können, dass die Gemeinde, die Sie vor Augen haben, im Sinne des Evangelisten Lukas wächst.

"Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden."

Dieser letzte Satz in dem Textabschnitt entlässt uns sicher nicht aus der Aufgabe, darüber nachzudenken, wie wir unseren Auftrag zu gestalten haben, um den Menschen heute Jesus nahe zu bringen. Er entlässt uns nicht auch nicht aus der Überlegung. wie wir die Gemeinde, die Kirche so organisieren, dass sie diesem Auftrag in unserer Gegenwart entspricht. Aber es ist Gottes Geist, der unsere Gemeinden wachsen lassen wird. Das kann uns in all unserem Mühen die nötige Gelassenheit vermitteln. Diese Gelassenheit wünsche ich Ihnen hier in der Dom-Gemeinde und Ihnen, die Sie heute hier zu Besuch sind aus anderen Gemeinden.

Gott segne Euch in dieser Gemeinde, in dieser Stadt, in diesem Land – und in der Gemeinschaft mit allen, die Christi Namen preisen.

© Manfred Kock 2004

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