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Pr. i. R. Manfred Kock (evangelisch)
über:
Römer 8, 18-23Hagen/Westfalen, am 14.11.2004 (Elseyer Kirche Hohenlimburg) Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag) |
Wir Menschen sind auf Gottes Erde gestellt. Sie ist unser Wohnort in Gottes Schöpfung. Für ihn sind wir mitverantwortlich.
Die ganze Schöpfung seufzt mit uns und ängstigt sich, sagt der Apostel Paulus; sie ist der Vergänglichkeit unterworfen. Und wir Menschen sind einbezogen in diese Verlorenheit – sind Mitverursacher und zugleich Opfer der Leiden, die die Schöpfung zu dulden hat.
Zwei Zeitzeugen haben wir gehört. Gut, dass wir sie noch hören können. Sie haben an die dunkelste Zeit unserer deutschen Geschichte erinnert. Die Erinnerung darf nicht verdrängt werden.
Aber 60 Jahre nach den Schrecken meinen viele, man müsste doch endlich auch vergessen. Die Finsternis des Hasses und der Unmenschlichkeit lägen weit hinter uns, kaum jemand lebt ja noch, der verantwortlich war. Gott sei Dank sind sich unser Land und unsere Kirche ihrer Schuld bewusst geworden. Es gab viele Mittäter, es gab die schweigenden Zuschauer, ängstliche und billigende, voller Hass und Vorurteile.
Dass die Welt friedlicher würde, hatten wir gehofft. Vor 15 Jahren bahnte sich ein wunderbarer Wandel der Geschichte an. Die Mauer zwischen Ost und West wurde abgerissen. Die Drohung der Großmächte, einander mit atomaren Schlägen auszulöschen, sei Vergangenheit hatten wir gehofft – Stellvertreter-Kriege um Interessen und Einfluss in Afrika, in Asien, in Lateinamerika müssten, so hofften viele, keine Rolle mehr spielen. Die Menschen in aller Welt haben aufgeatmet.
Aber unsere Erde bleibt verletzlich. Das zeigt sich n den Balkankonflikten mit ihren schrecklichen Verbrechen und der mühsamen Schlichtung, in Ruanda mit den Millionen Ermordeten, für deren Schutz niemand intervenieren wollte, Nationalismus und Rassismus und Antisemitismus sind gegenwärtige Gefahren. Das zeigt sich in Israel/Palästina, im Sudan und Tschetschenien und in vielen anderen leidenden Ländern. Diese Leiden lösen immer wieder Mitgefühl aus, bei vielen.
Aber sie ereignen sich weit weg von uns. Dann aber kam der Anschlag vom 11. September 2001. Wieder wütete menschliche Bosheit ohne Rücksicht auf das, was sie anrichtet. Die von Menschen gestaltete Stadt mit ihren riesigen Türmen aus Beton und Stahl – erbaut als Orte der Geschäfte und der Geschäftigkeit – und gerade die brachen zusammen wie Kartenhäuser; Tausende wurden in den Tod gerissen – kamen um in Feuer und Rauch, in Trümmern und Staub. Diese Bosheit gebiert immer wieder neue Schrecken. In Afghanistan kehrt der erhoffte Friede nicht ein. Im Irak wird das Chaos immer verwirrender. In Spanien explodieren Bomben. In Holland jagt eine Gewalttat die andere. Van Gogh, ein Kritiker des Islam wurde ermordet. Dafür werden Moscheen und Islamschulen in Brand gesetzt, über 20 Anschläge gab es bereits. Und im Gegenzug brennen Kirchen. Das tolerante Holland ist nicht wieder zu erkennen.
"Die Schöpfung seufzt mit uns und ängstigt sich" Wir Menschen sind Teile dieser Welt, Leben bricht ab, wo eben noch Hoffnung war.
Auch wo der Mensch auf Fortschritt zum Wohl der Menschen aus ist, hat er die Zukunft nicht in der Hand; er stößt unweigerlich immer wieder an die Grenze der Machbarkeit. Das gewaltige Anwachsen der menschlichen Verfügungsmacht in der Verbindung von moderner Wissenschaft mit der Technik führt in dieser Hinsicht manchmal zu Täuschungen. Die Auswirkungen menschlicher Eingriffe in die Natur werden immer noch unterschätzt.
Und vor uns tauchen die Gesichter auf von Kranken, die unheilbar sind, die umkommen in dem Wissen um die Unausweichlichkeit ihres Endes oder in der Angst vor diesem Wissen. Unser biotechnisches Zeitalter zeigt das Bemühen im Kampf gegen das Sterben: Immer neue Arzneien und Apparaten zur Verlängerung des Lebens werden entwickelt. Der Hunger wird bekämpft mit Hilfe der Züchtung neuer Sorten und Rassen. Aber die Kräfte, die dem Tod die Macht nehmen wollen, führen gleichzeitig in neue Krisen. Finanzierung und gerechte Verteilung sind nicht gewährleistet.
Tadeusz Roszewic:
Diese Mauer,
die wir gemeinsam bauten
Tag für Tag,
Wort für Wort,
bis zum Schweigen,
diese Mauer
schlagen wir nicht durch.
Eingemauert
mit eigenen Händen
verdursten wir.
Wir hören nebenan,
dass andere sich bewegen,
hören Seufzer,
rufen um Hilfe,
sogar unsere Tränen
fließen nach innen.
II.
Die ganze Schöpfung seufzt, die Welt ist vergänglich und verloren, sagt der Apostel Paulus.
Dann aber setzt er gegen die Bilder des Leidens einen überraschenden Satz, eine Provokation:
"Das bedeutet nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die uns erwartet."
Alles Leid ist Vorstufe der Herrlichkeit.
An uns sollen offenbar werden die Freiheit und die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Was immer wir erleben in unserer bedrohten Welt und was immer uns noch bevorsteht, all das ist nur vorläufig. Es sind die Wehen der Geburt einer neuen Zeit.
Solche Botschaft ist leicht zu verspotten
- als Illusion, die die Wirklichkeit nicht wahr haben will,
- als Opium, das der bedrängten Kreatur zur Betäubung dient.
Diese alte Kritik an der Hoffnung aus dem Glauben verkennt zweierlei:
Den Grund der Hoffnung - und die Wirkung der Hoffnung.
Der Grund der Hoffnung ist das Bild des gekreuzigten Christus. Das Kreuz steht für alle Verlorenheit und Bosheit der Welt. In ihm zeigt sich ein Gottesbild, das die Welt in ihrer Verlorenheit und Bosheit nicht sich selber überlässt. Gerade im tiefsten Leid teilt Gott unsere Verlassenheit. Der Gekreuzigte ist das Modell der Hoffnung auf das neue Leben. Alle Tränen werden abgewischt – so haben die von Christus wirklich Ergriffenen gehofft und geglaubt. Das hat sie nicht betäubt, sondern das hat ihnen Lebenskräfte geschenkt. Der Gekreuzigte und Auferstandene ist ihnen die Anzahlung auf die herrliche Zukunft geworden, so haben sie mitten in Leid und Verfolgung den lebendigen Geist Gottes gespürt.
Die Wirkung der Hoffnung ist nicht Betäubung oder Gleichgültigkeit. Schon jetzt, trotz all der Ängste vor den Abgründen des Terrors und vor den Abgründen der Rache, sind die Spuren der Herrlichkeit zu erkennen:
- der Trost der gemeinsamen Gebete,
- der Mut der Retter,
- die Liebe tröstender und heilender Menschen,
- die Stimmen der Besonnenheit,
- die Zeichen der Verbundenheit.
So lasst uns zusammenrücken und gemeinsam einstehen für Frieden und Gerechtigkeit. Ich weiß, Zusammenrücken ist gegen den Trend der Zeit; der zeigt eher in Richtung Individualismus und Eigeninteresse. Hoffnung aber zielt auf Verantwortung und auf Gemeinschaft.
Es ist schon bemerkenswert, wie gerade nach in erschreckenden Ereignissen die Menschen in unserem Land nach Nähe und Vergewisserung suchen, und viele erwarten sie in den Kirchen. Hier bricht die Ahnung dessen auf, wonach Menschen sich sehnen: nach jenem Urvertrauen, das immer wieder zu zerbrechen droht unter der Radikalität des Bösen.
Die Botschaft des jüdischen Bruders Jesus ist die Kraft des Friedens. Im Namen der Religion werden zwar immer wieder Gewalt und Terror begründet – in Nordirland ebenso wie in Indonesien und wie jetzt in unsrem Nachbarland – und alle Rufe nach Krieg und Kreuzzug folgen dem gleichen Wahn. Dem müssen wir entschieden widerstehen. Denn unser Glaube, wie wir von Paulus hörten, zielt auf die Freiheit der Kinder Gottes, die dem Frieden verpflichtet ist.
Paulus zeigt uns den Weg in die Freiheit und eröffnet uns einen dritten Weg, der uns vor zwei Irrwegen bewahrt.
Die beiden Irrwege: Das Leid zu verdrängen und das Leid zu verklären.
Der eine Weg richtet Schäden an in den Tiefen der Seele. Der andere sucht, dem Leid vorschnell einen Sinn zu geben, bewirkt aber oft Blockaden gerade bei denen, die am Rande der Verzweiflung stehen.
Der dritte Weg des Apostels ist der Weg der Hoffnung. Er hilft einzustimmen die Klage der Leidenden. Er macht sensibel für das Leid. Er öffnet die Augen für die menschlichen Ursachen des Leides. Dieser dritte Weg hilft, gegen das vermeidbare Leid zu kämpfen und das unvermeidliche Leid anzunehmen. Auf diesem Weg kann sich das eigene Menschsein bewähren, wenn wir die Menschenwürde anderer bewahren.
Das ist kein Zynismus, es ist das Zukunftsbild des Glaubens. Das verändert die Gegenwart. Was Glaubende sehnsüchtig erwarten, schafft Veränderung schon jetzt. Wer die Zukunft in einem neuen Licht sieht, kann die Dunkelheit anders erleben.
Ich will die Gefahr nicht verschweigen. Ich habe sie eben schon angedeutet. Solche Zukunftshoffnung kann auch zu einem illusorischen Träumen degenerieren, kann religiöse Apathie hervorrufen.
Für den Apostel Paulus aber ist solche Gefahr gebannt. Christus ist die Anzahlung auf das, was noch ansteht. "Schau ihn an!" Er ist das Ja Gottes zur Schöpfung. Seine Schwachheit ist der Zustand, in dem wir nachfolgen.
Damit wird klar: Nicht unser Wohlbefinden steht auf dem Spiel, sondern das Heil der Welt. Die Kreatur seufzt. Das formuliert der Apostel realistisch und nimmt die Erfahrung auf, die wir Menschen von Anfang an machen.
Das setzt die Worte der Klage frei. Tränen können nach außen fließen. Im Bilde des Christus führt Klage in den Protest des Lebens gegen die Produktion des Elends. Leidende nehmen Leid wahr, stoßen hindurch durch die Mauern der Angst und der Hoffnungslosigkeit.
Dann organisieren sie den Protest gegen die Ursache des Leids. Das ist der Vorgriff auf die noch ausstehende Freiheit.
Über die Grenzen des Persönlichen geht das hinaus. Die ganze Existenz der Christenheit ist nichts anderes als ein Vorgriff auf noch ausstehende Freiheit: Mitten im Leid dieser Welt Verantwortung für diese Welt zu tragen.
Drei Folgerungen sind zu ziehen:
1. Wir stellen uns, wie wir es auch in diesem Gottesdienst tun, gegen das Vergessen und Verdrängen.
2. Wir können staunen über die Vielfalt der Geschöpfe Gottes, können staunen über die Lebenskräfte der Schöpfung, über die Regenerierungsfähigkeit von Luft, Wasser und Boden, können uns freuen an der Vielfalt und Buntheit, auch über die Kreativität der Natur. Das sind keine frommen, romantischen Gefühle, es fließt vielmehr aus unserer Grundeinstellung dem Leben gegenüber. Das Gotteslob bestimmt unser Handeln.
3. Wir sehen unseren konkreten Anteil an der Gefährdung des Lebens. Globale Zusammenhänge stehen immer auch mit lokalen Handlungsmöglichkeiten in Beziehung. Die Gewalt der Natur entzieht sich zwar oft der menschlichen Planung und Berechnung. Dann spüren wir unsere Ohnmacht. Aber wir wissen heute, dass viele Naturkatastrophen nicht nur blindes Schicksal sind.
Wir können viel mehr tun, als wir meinen. Der Weg Jesu bleibt zwar ein schwerer Gang, weil er durch so viele Täler der Vergeblichkeit führt. Aber der Glaube trägt uns über den Strom der Tränen. Die Leidenden bleiben im Gedächtnis, die Geschichte unseres Versagens auch. Aber wir sind nicht mehr die Komplizen des Todes, weil wir den Abglanz des Lebens schon ahnen. Vollendung steht noch aus, aber wir haben die Anzahlung.
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