|

Pr. i. R. Manfred Kock (evangelisch)
über:
Jesaja 63, 15-0Köln, am 04.12.2005 (Antoniterkirche) 2. Advent |
Bibeltext:
Jesaja 63, 15 Jesaja 64, 3
Advent Ankunft. Wer kommt da an? Der Retter der Welt, singt die Christenheit. Das bedenken wir in diesen Wochen. Als Kind kam er in die Welt, sein Geburtstag wird am Weihnachtsfest gefeiert. Viel Mühe machen sich die Menschen, um alles vorzubereiten. Wie in jedem Jahr.
Der da kommt, blieb nicht das Krippenkind. Darum erinnern wir uns am ersten Advent an jene paradoxe Huldigung beim Einzug in Jerusalem. Auf einem Esel kam er geritten, das Volk jubelt ihm zu. Aber dann verurteilte man ihn zum Tode und brachte ihn am Kreuz ums Leben. Seine Anhänger erkannten in der Hingabe des Lebens Gottes liebende Gegenwart. Darauf waren sie vorbereitet durch die Heiligen Schriften und durch Menschen wie Johannes den Täufer. Die hatten zur neuen Ausrichtung des Lebens gerufen, weil das Reich Gottes herbeikommen würde. Daran wird vor allem am dritten Adventssonntag erinnert. Die Christenheit bekennt seitdem, dass Jesus Christus die Wirklichkeit Gottes ist, in einem Menschen, in Maria zur Welt gekommen. Das bedenken wir vor allem am vierten Advent: Gottes Liebe zu allen Menschen.
Aber die Vollendung steht noch aus. Gottes Reich ist mitten unter uns, ist in uns, aber vollendet ist es nicht. Darum ist die Adventszeit immer auch von dieser Sehnsucht nach Vollendung geprägt. Heute, am zweiten Adventssonntag geht es in Lesungen und Gebeten vor allem um das, was noch aussteht.
Ein jüdischer Prophetentext will uns heute helfen auf unserem Weg zu dem hin, was noch aussteht. Es ist ein Abschnitt aus dem Jesajabuch, ein Klagegesang voller Trauer über die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und über die geradezu unüberwindlichen Schwierigkeiten des Wiederaufbaus. Ach dass du den Himmel zerrissest, ruft der Prophet, und dennoch ist es ein Gesang, der in die Hoffnung lenkt. Allein darum kann er uns gut tun.
(Predigttext)
Zunächst sind zwei Fragen zu stellen.
1.
Die eine lautet: Wie können wir ein jüdisches Prophetenwort mit unserer christlichen Hoffnung verbinden? Es geht zunächst um Jerusalem, um den Tempel, um die Trauer über seine Zerstörung und um die Hoffnung auf Gott, der erlösen und heilen wird. Wir dürfen das nicht einfach auf uns übertragen. Das wäre. Wie manche jüdische Gläubige meinen eine feindliche Übernahme. Das sollten wir insofern respektieren, dass wir bei solchen Texten immer bewahren, dass sie für das Volk Gottes gesprochen sind. Die darin enthaltenen Zusagen Gottes sind nicht zurück genommen. Jesus, dem Juden, glauben wir Christen seinen Gott. Darum bewahren wir Achtung und Respekt vor Gottes Nähe zu seinem Volk.
Aber wir erkennen in diesem Gott des Juden Jesus auch den Vater aller Menschen. Seine Art zu wählen, zu richten und zu befreien gilt über die Grenzen seines Volkes hinaus. Darum können wir von Israels Art zu klagen und zu hoffen Entscheidendes lernen, auch für die Praxis unseres christlichen Glaubens.
2.
Die andere Frage: Warum wählt unsere Kirche für diesen zweiten Adventssonntag ausgerechnet einen solchen prophetischen Klagepsalm? Ist die Zeit nicht schon schwer genug? Hören die Menschen nicht bloß weg, wenn immer nur gejammert wird? Nun, solche Fragen werden im Allgemeinen nur von denen gestellt, die selber nichts zu klagen haben. Denn nicht alle haben Probleme, nicht jeder muss schreien, der Himmel möge zerreißen. Darum möchten sie die Leiden der anderen nicht gerne ständig vorgetragen bekommen. Die wirklich leiden dagegen, finden in der Worten biblischer Klage jedoch eine wohltuende Nähe. Und wenn uns das klar geworden ist, haben wir auch dann von der Klage Gewinn, wenn das Leben uns bisher keine Verzweiflungstiefe abgefordert hat.
Vorausgesetzt, dass wir das Leiden anderer nicht als Alibi des Desinteresses nutzen und als Beweis gegen Gott und als Rechtfertigung der Gottlosigkeit. Wer sich in Worte der Klage vertieft, kann sehr wohl Entscheidendes erkennen: nämlich dass das eigene Wohlergehen nicht selbstverständlich ist. Das wiederum nötigt zum Danken, was die wichtigste Grundlage für das Mitfühlen ist.
3.
So hören wir die Klage des Propheten. Die Stadt Jerusalem und der Tempel sind zerstört. 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Die Trümmer bedeuten nicht nur das Zeichen des religiösen Verlustes, sie sind Sinnbild einer Volkskatastrophe. In ihr bilden sich damalige geschichtliche Erfahrungen ebenso ab, wie gegenwärtige Not und persönliche Krisenerlebnisse; nationalistische Kriege ebenso, wie fundamentalistischer Terror; das Anwachsen von Hunger, Flucht und Vertreibung ebenso, wie fehlendes Erbarmen. Diese Prophetenworte sind im Gottesdienst der Synagogen bis heute in Gebrauch, nicht bloß der Erinnerung wegen, sondern als Hilfe auch in gegenwärtiger Not.
Der Prophet sieht das Leid in menschlicher Schuld begründet. Und das trägt er so vor, als habe Gott nicht seiner Aufsichtspflicht über das Volk genügt. 17 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? warum, so hält er Gott vor, habe er das Volk nicht vor seinen Irrwegen bewahrt. Diese Vorhaltung gegen Gott, will nicht ablenken von menschlicher Schuld. Sie soll vielmehr unterstreichen, wie unbändig die Erwartung in Gottes erlösende Kraft ist. Du, HERR, bist unser Vater; "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren. So wird bis heute in jüdischen Gottesdiensten gebetet.
Wir Christen können davon Wichtiges lernen: Wir müssen das unendliche Leid, das über die Menschen kommt, nicht verharmlosen mit Sprüchen wie das wird schon wieder oder et hat noch immer jot jejange. Wir müssen jede Finsternis auch nicht einfach hinnehmen als sei es eben Gottes Wille. Der Prophet liegt Gott in den Ohren, er bestürmt ihn geradezu, erinnert ihn, dass er doch Vater ist und Erlöser. So macht es auch Hiob der Leidende, der nicht erkennen kann, dass Leiden erklärlich ist. Er liegt Gott in den Ohren, um ihn an sein eigentliches Wesen, die Liebe zu erinnern. Navid Kermani, aus dem Iran stammender Kölner hat in seinem bewegenden Buch Der Schrecken Gottes geschrieben: Du sollst Gott nichts Schlechtes angewöhnen. Wenn er sieht, dass du dich mit weniger begnügst, gibt Er dir auch weniger.
Das, so schreibt Kermani, ist von den Frommen zu lernen, die im Leiden Erfahrung haben. Sie sind unerschütterlich in Ihrer Hoffnung auf Gottes Wende, nicht nur für irgendwann in der Zukunft, sondern immer schon und jetzt bald.
4.
Auf Gott harren: das ist das Stichwort, das jüdische Hoffnung kennzeichnet für Zeit und Endzeit. Dass wir Gott, den Erlöser in dem Jesus aus Nazareth erkennen, hat nicht zur Erledigung der jüdischen Hoffnung geführt. Denn Entscheidendes steht noch aus: Alle Tränen sollen abgewischt werden, kein Leid soll mehr sein und kein Geschrei. Die ersten Christengemeinden hatten darauf gehofft. Darum haben sie Gottes Hilfe in gegenwärtiger Not ebenso erwartet, wie die endgültige Wiederkunft Jesu. Wie Israel in den Katastrophen der Zerstörungen umso stärker den Erlöser erhoffte, so haben auch die ersten Christen in den schlimmen Erscheinungen ihrer Zeit die sicheren Anzeichen dafür gesehen, dass der Anfang vom Ende gekommen war.
Sie selber mussten unter Ungerechtigkeit und Verfolgungen leiden. Darin sahen sie die Anzeichen eines Zusammenbruchs der Welt mit kosmischen Ausmaßen. Aber inmitten des Elends lebten sie in der Gewissheit, am Ende sei ihnen und der ganzen Welt Erlösung versprochen. Das hat sie gestützt und sie trotz aller Leiden vor Verzweiflung bewahrt.
Apokalyptik nennt man die Weltanschauung, die solche Visionen vom Ende hervorbringt. Zur Zeit Jesu waren viele davon geprägt, Jesus selbst auch. Auch heutige Welterfahrung spiegelt sich in den Sprachbildern der Apokalypse.
Wie geht es weiter mit unserer Welt? Was wird aus mir und den Meinen? So fragen viele Menschen, und kommen mit solchen Gedanken und Sorgen auch in diese Kirche. Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, - flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, - um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. - So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
So lautet eine Gedichtstrophe von Dietrich Bonhoeffer.
Was Menschen bewegt und belastet, tragen sie im Gebet vor Gott. Sie lassen sich tragen mit ihren Lasten und mit ihrer Schuld von den Gebeten und Gesängen der Gemeinschaft, von dem Zuspruch Gottes, den sie in der Feier des Heiligen Mahles empfangen. Das ist ein wundervolles Wechselspiel: Bekenntnis und Schuld wachsen aus der Gewissheit des Glaubens. Und der Glaube kann sich entfalten, wenn die eigenen Lasten abgeladen werden auf das Herz des gekreuzigten Christus. D. Bonhoeffer weiß, was diesem Beten folgen wird. Die 3. Strophe beginnt: Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not.
Begegnung ist das große Geschenk, das wir das aus der Tradition Israels erkennen können. Und es ist wunderbar, dass es Orte wie diese Kirche gibt. Hier wird auf die Gewissheit gesetzt, dass Gott diese Sorgen ernst nimmt. Gott sorgt sich um unsere Seelen.
5.
Das Evangelium zum 2. Advent haben wir heute gehört. Es enthält die apokalyptischen Trostworte Jesu. Ein Seelsorger war der Evangelist Lukas, er war von der Sorge umgetrieben, dass Menschen sich von der Angst überwältigen lassen. Katastrophen, Verfolgungen und tief greifende Erschütterungen des Lebens können in Panik versetzen. Das können wir doch einfühlen: lebensbedrohliche Krankheiten, die uns umgeben und die nach uns greifen, die Angst vorm Altern, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit und die Depressionen hinter all den glitzernden Fassaden. Hier kann sich unser Flehen konzentrieren: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten.
Jesus sagt: Fürchtet euch nicht, Gott ist der Eine und Einzige, der Herr der Welt. Lasst euch nicht von anderen Herren niederdrücken. Das ist kein Signal zur Verachtung anders Glaubender. Schon Lukas war besorgt, Menschen könnten immer wieder dem Fanatismus verfallen und Glaubensgewissheit mit Unduldsamkeit verwechseln. Wer die Wahrheit als eine zeitlose Rechthaberei vertritt, neigt zur Verfolgung Andersdenkender. Wer alle zu Feinden der Wahrheit erklärt, die einer anderen Tradition verpflichtet sind, bereitet unbeugsamen Richtern und gewissenlosen Mördern den Weg.
Seht auf und erhebt eure Häupter, lasst euch nicht beugen in eurer Hoffnung. Übt den aufrechten Gang! Schon Mose hatte sein Volk aufgerufen, an einen anderen Morgen zu glauben und an eine befreite Welt.
Nach Jahrhunderten der Unterdrückung in Ägypten sollten sie das Haupt erheben und der Zukunft entgegengehen, die Gott ihnen eröffnet hat. Der Prophet, dessen Klagepsalm wir heute bedacht haben, ist von gleicher Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung hat Jesus ausgeweitet auf alle Völker. Die Ketten und Fesseln der Schuld, die Qualen der Ungerechtigkeit und der Tyrannei werden ein Ende haben.
Diese Botschaft tragen wir weiter aufrecht, ohne Gefühle der Minderwertigkeit. So geht aufrecht! Ihr braucht den Spott der Welt nicht zu fürchten! Ach, dass du den Himmel zerrissest Oh Heiland reiß die Himmel auf, dieses Adventslied wollen wir gleich singen.
Ich wünsche uns Gottes Geist, sensibel zu werden für das, was hinter den Fassaden ist und hinter den Gesichtern der Menschen; Augen und Gespür für die Leiden der Menschen. Wir sind aufgerufen, ihnen zu helfen, ihre Würde und ihr Recht zu verteidigen. Oh Heiland reiß die Himmel auf Wir sehen - von Gottes Geist beraten - hinter den Leiden und Sorgen der Menschen die größeren Möglichkeiten Gottes: "Die Erlösung naht".
Gottes Reich naht. Das Leiden dieser Welt ist nicht eine ewige Qual. Der erste Schrei des Kindes und der letzte Atemzug des Sterbenden sind umschlossen von dem Einen, dem Ewigen, dem Barmherzigen. Eine gesegnete Adventszeit!
|