Freitag, der 3. September 2010
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Pfr. Jörg Bachmann (evangelisch-lutherisch)
über: Matthäus 11, 11-25

Fraureuth (bei Zwickau), am 24.06.2007
Johannis

Liebe Gemeinde,
heute am Johannistag fragen wir nicht, wie bei Schneewittchen, wer ist die die Schönste im ganzen Land. Nein heute stellen wir uns einmal die Frage: Wer ist der oder die Größe im Land?

Im Fernsehen gibt es eine ganze Menge Shows, die darauf zielen, dass jemand der Größte ist, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit. Das können Shows sein, wo jemand zum Superstar wird, oder wo jemand mit einem großen Herz etwas leistet. Letzte Woche wurde in England ein Handyverkäufer zum Opernstar.

Wer von uns wäre nicht auch gern, wenigsten einmal für kurze Zeit im Rampenlicht der Öffentlichkeit? Nun im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen, das kann aber auch negative Folgen haben. Man ist viel mehr angreifbar. Das muss mancher Politiker immer wieder erleben.

Einerseits von den Menschen anerkannt zu werden, dass hat Johannes der Täufer erlebt. Aber er hat auch die negative Seite des Prominentsein erlebt. Nämlich als er die familiäre Situation der Herodes kritisierte, wurde er ins Gefängnis geworfen und später getötet.

Johannes der Täufer im Gefängnis – das war für Jesu ein Grund mit dem Volk über dessen Erwartungen über Johannes dem Täufer und seinen Auftrag zu sprechen:

(Predigttext)

Da steht er nun, Johannes der Täufer – er steht an der Schwelle der Zeiten. Und er begegnet uns heute in dreifacher Weise:

- Als Zeuge der Verheißung
- Als Opfer der Verfolgung
- Als Signal der Vollendung

Wir sind in der Mitte des Jahres angekommen. Das erste Halbjahr ist wieder vergangen. Uhren und Kalender können wir nicht zurückstellen – auch wenn wir es praktisch möglich wäre, so hat es doch keine Wirkung. Wir können trotzdem die Zeit nicht anhalten. Das Chronometer läuft unaufhaltsam weiter.

Das ist die eine Seite der Zeit, die wir jeden Tag erfahren – es ist die Zeit, die wir nicht aufhalten können. Und die Gräber auf unserem Friedhof sind ein Zeichen dafür, dass diese Zeit auch abgelaufen sein kann. Diese Zeit heißt im griechischen Chronos.

Doch es gibt noch eine andere Zeit – der Grieche nennt sie den Kairos – den Zeitpunkt, das Heute und Jetzt. Und wir spüren es in unserem Leben nur allzu oft, wie schnell wir diese andere Zeit verpassen, wie schnell wir den richtigen Zeitpunkt verpasst haben. Das geschieht da, wo wir nicht darauf acht geben, was die Stunde geschlagen hat, und wir die fälligen und notwendigen Entscheidungen verpassen.

Der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief 4, 4 über Jesus: "Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn ..." Es geschieht zu diesem Zeitpunkt – doch genau zu dem einen Zeitpunkt, wo Gottes Sohn auf die Erde kommt, da hat auch Johannes der Täufer als Wegbereiter des Gottessohnes seinen Zeitpunkt, wo er seine Lebensaufgabe zu erfüllen hat. Er hat davon Zeugnis zu geben, das Jesus Christus Gottes Sohn ist.

Doch in seinem Wirken steht er zwischen den Zeiten. Er steht an der Schwelle vom alten Bund Gottes mit seinem Volk Israel zum neuen Bund Gottes, den er auch mit den Heiden, also den Nichtjuden, durch seinen Sohn Jesus Christus geschlossen hat.

Jesus spricht von Johannes, dass er mehr ist als ein Prophet – und doch finden wir ihn auf der Seite der Wartenden, also in der Noch-Nicht-Situation. Der Zeitpunkt des Umbruchs ist noch nicht gekommen, auch wenn wir kurz vor ihm stehen. Johannes weist auf den, der nach ihm kommt. Er soll dem Herrn den Weg bereiten.

Sie alle haben schon einmal Bilder des Isenheimer Altars gesehen. Ich habe mir diesen Altar schon zweimal in Colmar angesehen. Und bin eigentlich jedes Mal wieder bestürzt, wie dieser von einem Ort und Zeichen der Anbetung zu einem Kunstobjekt verkommen ist. Auseinandergenommen, wie ein altes Schrottauto, so steht er im Museum. Ich hoffe, dass es uns mit unserem Fraureuther Altar in Greiz nicht so ergeht. Zwei Bilder des Isenheimer Altars sind den meisten von uns bekannt, das wunderschöne Auferstehungsbild und die Kreuzigungsszene, wo Johannes mit seinem überlangen Finger auf Jesus weist. Dieser Finger ist zum Symbol für das Wirken des Johannes geworden. Er sagt an, dass Johannes der Zeuge der Verheißung ist. So hat er ein Gespür für den Zeitpunkt: "Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen." Darum sagt er auch im Bezug auf Jesus und sein eigenes Wirken: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen."

Oder wie es dann Jesus am Ende des Wirken Johannes und beim Beginn seines Wirkens sagt: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1, 15)

Nun, die besondere Aufgabe Johannes des Täufers war es der Bote zu sein, der den Weg vor dem Kommenden bereitet. Das stellt ihn über alle Propheten. Das macht ihn zum Größten unter all denen, die von einer Frau geboren wurden. Hierin liegt die einsame Größe des Täufers – einerseits selbst Wartender zu sein und andererseits den Kommenden unter die Menschen zu bringen.

Jesus sagt über Johannes den Täufer: "der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er." Johannes der Täufer steht nun an der Schwelle. Mit ihm endet die Zeit der Verheißung. Seit dem Zeitpunkt des Kommen Jesu beginnt die Zeit der Erfüllung. Die Größe des Täufers besteht nicht im Haben, sondern im Warten. Dieses Warten des Täufers geht auch durch die Krise des Zweifels. Darum fragt er Jesus wenige Verse vor dem Predigttext: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?" (Matthäus 11, 3)

Liebe Gemeinde,
unsere Lebenssituation heute kann man schon mit der Situation des Täufers vergleichen. Denn auch wir heute gehören zu den Wartenden. Und unser Friedhof hier macht uns deutlich, dass auch wir in einer Schwellensituation uns befinden.

Er macht uns deutlich, dass auch wir Wartende sind. Wartende auf das zweite Kommen unseres Herrn Jesus Christus, wartende auf das ewige Leben mit Gott. Dieser Kairos, dieser Zeitpunkt steht uns noch bevor. Für uns stellt sich heute die Frage: Sind wir bereit für diesen Zeitpunkt und warten wir auf ihn oder haben wir uns in dieser Welt heute gut und bequem eingerichtet. Weisen wir die Menschen mit unserem Sein und Leben hin zu dem Herrn? Warten wir darauf, dass es bei Gott neues gibt. Oder haben wir uns in dieser Welt bequem eingerichtet. Wir sind heute gefordert!

Nun Johannes sitzt im Gefängnis, als Jesus über ihn spricht. Und es überkommen ihn Zweifel. Darum stellt er jetzt die Fragen nach dem Handeln und der Vollmacht Jesu: "Bist Du, der da kommen soll?"

Jesus selber gibt keine direkte Antwort mit Ja und Nein, sondern er zählt Zeichen und Handlungen auf, die geschehen, wenn der Messias, wenn der Retter kommt. Johannes hat die Erkennungsmerkmale vor Augen und ist dennoch im Zweifel.

Da wo die Taten Jesu geschehen und sein Evangelium verkündigt wird, bricht die Herrschaft Gottes auf. Die Begegnung mit Jesus verändert Menschen – damals wie heute. Aus Verbrecher werden Jünger, Kranke werden geheilt, Tode stehen auf, und das Evangelium wird verkündigt.

Schon damals wie auch heute stößt die Verkündigung des Evangeliums auf den Widerstand der Leute. Es wird deutlich, dass das Kommen des Reiches Gottes in diese Welt auf Widerstand stößt, und eben nicht nur auf irdischen, sondern auf Widerstand der überirdischen, überindividuellen und übermächtigen Mächten, die die Menschen versklaven.

Auch heute steht das Reich Gottes, von dem wir Christen die Lösung aller unserer Probleme erwarten, im Widerstand zu dieser Welt, in der wir leben. Es ist ein Skandal für diese Welt. Der Bote, der den kommenden Christus angekündigt hat, wurde geköpft. Der Christus selbst wurde gekreuzigt. Und seine Nachfolger stehen immer in der Gefahr um des Evangeliums willen ähnliches zu erleiden, auch heute. Und sie haben es erlitten. Nun wir leben hier in Deutschland in einen religiösen Schutzraum. Aber wir wissen durch die Meldungen der nur zugut, wie bedroht doch der Glaube an Jesus Christus in unserer Welt heute ist. Das Himmelreich ist ein Skandal in unserer Welt.

Sogleich ist mit dem Kommen Johannes des Täufers und seiner Ankündigung des Messias das Kommen des Reiches Gottes angebrochen. "Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen." Mit seiner Botschaft steht der Täufer an der Schwelle zum Zukünftigen.

Jesus selber predigt das – in unser Heute hereinragende - im Glauben schon heute zu erfassende künftige Reich. Er rechnet mit dem Tag des Menschen Sohn, mit seiner baldigen Ankunft in Herrlichkeit.

Der Täufer ist mit seinem Wirken und mit seiner Botschaft das unübersehbare Signal. Johannes der Täufer spricht in seiner Botschaft vom Gericht Gottes. Er spricht vom künftigen Zorn, von der Axt, die schon zum Hieb bereit ist, vom Fegen der Tenne und dem unauslöschlichen Feuer. Es war seine Aufgabe, als Prediger in der Wüste, das Gericht Gottes und sogleich das Kommen des Menschensohnes anzusagen.

Doch Jesus weiß das noch ganz anderes. Er verkündigt den Sieg der Gnade und der Liebe Gottes für alle, die sie annehmen wollen. Das Gericht Gottes findet statt, aber nur einer muss es erleiden Gottes Sohn.

Und sogleich stellt uns Gott an die letzte Schwelle zwischen Leben und Tod, die wir - Gott weiß, wann - überschreiten werden. Noch stehen wir heute zwischen den Gräbern. Doch wir stehen nicht ohne Hoffnung hier, sondern dürfen auf die Auferstehung von den Toten hoffen. Denn Gott hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen.

Amen.

© Jörg Bachmann 2007
http://www.kirchgemeinde-fraureuth.de

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