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Pfr. Michael Rau (evangelisch)
über:
1. Timotheus 3, 16Bopfingen (bei Aalen (Baden-Wόrttemberg), am 24.12.2007 Heiligabend/Christvesper |
Liebe Gemeinde!
Weihnachten ist anders. Das merken wir, sobald wir die Worte aus der Bibel hören die Propheten, den Lobgesang der Maria, die Weihnachtsgeschichte bei Lukas und diese knappen Sätze aus dem Timotheusbrief.
Die Worte aus der Bibel haben einen ganz anderen Ton als das, was sich seit Wochen schon so aufdringlich als Weihnachten ausgibt. Die Bibel redet sehr zurückhaltend, dunkel, fremd vom Weihnachtsgeschehen.
Was die Propheten angekündigt haben und was Lukas erzählt hat, das ist nicht schon hundertmal durchgekaut und ausgelutscht. Sondern das bleibt immer unnahbar, unverfügbar und wir können nie sagen, wir hätten es verstanden.
Diesem anderen Weihnachten können wir in Geschichten aus dem 19. Jh. begegnen, in denen sich Bauern von ihren einsamen Höfen in der Nacht aufmachen und einen stundenlangen Weg durch Schnee und Kälte auf sich nehmen, nur um den Gottesdienst in der Kirche zu feiern. Der Weg hin zur Kirche, der Gottesdienst bei Nacht, das ist alles, wovon die Geschichten erzählen.
Doch aus diesen Geschichten vom Weg durch die Nacht spricht uns noch immer ein Zauber an, den wir zwischen all den abgepackten und zum Kauf angebotenen Weihnachts-Stimmungs-Angeboten unserer Zeit vergeblich suchen.
Ein Zauber, ein Geheimnis. Denn das Ziel, zu dem die wortkargen Bauern durch die Kälte unterwegs sind, ist ja nur der Gottesdienst. Doch es ist der Gottesdienst, in dem das Geheimnis dieser heiligen Nacht gefeiert wird.
In dieser Nacht fällt eine Grenze: Die Grenze zwischen unserer gewohnten normalen Welt und einer anderen. Von dieser anderen Welt ahnen wir manchmal etwas. Am deutlichsten, wenn ein Mensch stirbt, der für uns wichtig gewesen ist. Es ist schlimm, wenn wir wahrnehmen, wie sich ein geliebter Mensch immer weiter entfernt. Er liegt in seinem Bett, kann sich fast nicht mehr bewegen, aber das eigentliche, was diesen Menschen ausmacht, was wir lieben, das geht fort.
Wir können ihn nicht aufhalten. Und wenn der Tod eingetreten ist, wie man so sagt, dann liegt der Körper zwar noch da. Aber wir spüren ganz deutlich: das entscheidende fehlt. Was zurückgeblieben ist, ist leer.
Alles was wir wahrnehmen, ist das Weggehen. Wohin, das wissen wir nicht, das spüren wir nicht. "Von dort ist noch keiner zurückgekommen", sagt man. Der Tod ist für uns die Grenze. Doch in dieser Nacht, in der heiligen Nacht, fällt die Grenze. Einer ist gekommen von der anderen Seite, aus der anderen Welt aus Gottes Welt.
Und nicht irgendeiner. Sondern Gott selber ist erschienen Fleisch geworden in dieser Welt.
Vorher war da nichts. Dann ist von der anderen Seite etwas hereingekommen und hat sich materialisiert, hat Fleisch angenommen Gott in menschlicher Gestalt. Das erzählt die Geschichte von der geheimnisvollen Schwangerschaft der Maria, die von keinem Mann gewusst hat.
In dem Kind, das in dieser heiligen Nacht geboren wurde, ist wirklich Gott selber erschienen.
"Du sollst ihm den Namen Jesus geben" hat der Engel zu Maria gesagt. Jesus, das bedeutet: "Der hilft". "Euch ist heute der Heiland geboren" haben die Engel den Hirten gesagt. Und der Apostel Timotheus hat es so ausgedrückt: In Christus hat sich Gott offenbart im Fleisch. Gott hat ein Stück von sich in unsere Welt geschickt - seinen Sohn - damit wir endlich, endlich, etwas von dort drüben merken.
Schon der Name bringt Botschaft von drüben, aus dieser Welt Gottes: Jesus, "Der hilft". Auch dass Gott in dieser Welt als Kind zur Welt kommt ist Botschaft: "Fürchtet euch nicht vor mir vor meiner Welt da drüben."
In der Heiligen Nacht ist die Grenze gefallen. Jesus ist von dort zu uns herübergekommen, hat sich offenbart im Fleisch. Und er hat die Grenze offen gehalten, auch nach dieser heiligen Nacht. Auch der erwachsene Jesus war Botschaft von der anderen Seite. "Der hilft" das haben Menschen am eigenen Leib erlebt. Sie sind gesund geworden.
Das "Fürchtet euch nicht" haben Menschen bei Jesus erlebt wie Jesus von einem absoluten, rückhaltlosen Vertrauen auf Gott getragen war. Bis hin zu seinem Tod, vor dem er nicht geflohen ist, sondern den er sehend auf sich genommen hat.
"Offenbart im Fleisch gerechtfertigt im Geist" durch Gottes Geist, schreibt Timotheus. Gott hat diesen ganzen Weg Jesu, von der Krippe bis zum Kreuz, gerechtfertigt, beglaubigt, als wahr bestätigt.
"Erschienen den Engeln", schreibt Timotheus weiter. Der Gekreuzigte ist wieder auf der anderen Seite, in Gottes Welt, angekommen. Im Tod lösen sich die Menschen, die wir lieben nicht in Nichts auf. Sondern die in Christus sterben kommen drüben an wo alle so leben, wie wir es an dem fleischgewordenen Jesus sehen können.
"Er ist offenbart im Fleisch gerechtfertigt im Geist. Erschienen den Engeln verkündigt den Heiden.
Geglaubt in der Welt aufgenommen in Herrlichkeit."
Das ist das Geheimnis der heiligen Nacht. Und ich denke, wir ahnen, dass die wortkargen Bauern aus dem 19. Jh., für die Weihnachten nur dieser nächtliche Weg in die Kirche war, näher dran waren am Geheimnis.
Denn die Botschaft von der gefallenen Grenze, davon, dass diese Welt, unsere Welt, auch schon Gottes Welt sein kann, verträgt nicht viel Ballast. Nicht den Ballast von Säcken voller zerrissenem Geschenkpapier und nadelnden Weihnachtsbäumen und dem Fernseher, der zu späterer Stunde die Öde übertönen muss.
Die Botschaft, dass diese Welt auch schon Gottes Welt sein kann, braucht einen stillen Rückweg. Ruhig wieder durch die Kälte. Denn die Heilige Nacht macht den schneidenden Wind nicht lau. Doch die heilige Nacht pflanzt uns eine Hoffnung ein. Die Hoffnung, dass Friede auf Erden möglich ist.
Freilich nicht dadurch, dass Streithähne plötzlich zu Friedenstauben werden und Kriege in aller Welt aufhören, so wenig wie der Wind plötzlich lau wird. Sondern Friede für uns - weil wir uns nicht mehr ins Leere sehnen müssen.
Denn seit dieser Nacht wissen wir, was auf der anderen Seite ist wer auf der anderen Seite ist. Und seit dieser Nacht wissen wir, dass der auf der anderen Seite, Jesus, aufgenommen in Herrlichkeit, auch hier in dieser Welt an unserer Seite ist. Und dass er uns hinüber geleitet. Und dass er uns auf der anderen Seite erwartet.
Unser Heiland, der offenbart ist im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, verkündigt den Heiden, Geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit.
Amen.
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