Freitag, der 24. Oktober 2014
Predigt herunterladen als PDF, als Text oder per eMail versenden

Pfr. Hanns-Heinrich Schneider (evangelisch)
über: 5. Mose 6, 4-9

Kenzingen (bei Freiburg im Breisgau), am 25.05.2008
1. Sonntag nach Trinitatis

Begrüßung:

Liebe Gemeinde!

Heute werden wir in ganz besonderer Weise hinein genommen in den Glauben Israels. "Höre Israel!", mit diesen Worten beginnt das Glaubensbekenntnis Israels. Wir sollten nicht vorschnell meinen, dass uns das ja nichts anginge. Denn der Gott Israels ist ja auch der Gott Jesu und damit unser aller Gott. Es ist ein Glaube, der hier bekannt wird, der auch angesichts von Widerständen, Hindernissen, den Schatten und Tiefen des Lebens noch trägt. So heißt es einmal in den Psalmen:

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an.
(Psalm 73, 23 + 24)

(Predigttext)

Liebe Gemeinde!

Die Tiefe und Bedeutung unseres heutigen Predigttextes gerade für den jüdischen Glauben können wir Christen nur erahnen. Das "Höre Israel" ist im Grunde kein Gebet, es ist das "Herzstück des Judentums, sein Glaubensbekenntnis" (Ben Chorin), doch mit einer viel tieferen Bedeutung, als wir Christen unser Glaubensbekenntnis sprechen und nachdenken. Deshalb ist dieses betende Bekenntnis zu dem einzigen, unteilbaren Gott Israels allen Kindern von frühester Kindheit einzuschärfen, deshalb soll man es sich zum Beten am Morgen und am Abend an den Arm und auf die Stirn (Tefillin) binden, deshalb an die Pfosten des Hauses (Mesusa) befestigen.

Jeder Tag soll so mit diesem Gott beginnen und enden, darf sich der Mensch der Liebe Gottes erinnern, die ihm mit seinem Leben und der ganzen Schöpfung geschenkt ist und auf die er nun mit seiner Liebe zu Gott antwortet: "Höre Israel: ER unser Gott, ER (ist) Einer! Liebe denn IHN, deinen Gott, mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht...", so übersetzt Martin Buber, der große jüdische Religionsgelehrte diesen Text. Der ganze Mensch ist mit seinem Gefühl und Verstand, mit dem, was ihn als Mensch vor Gott ausmacht, von Gott angesprochen und gemeint, und eben dieser Mensch ist es, der nun Gott schenkt, was er geben kann: Das Bekenntnis seines Glaubens, - Zeit, sich zu erinnern, sich Gott gegenwärtig zu bitten auf den Weg in den Tag, - auf den Weg in die Nacht, - auf den Weg aus dem Haus, - auf den Weg, wenn es möglich ist, sogar in den Tod - und dann erst recht. (Schneider, Hanns-Heinrich, Eigene Predigten, s. http://www.predigten.de/)

Wir schauen zurück, erinnern uns, lassen uns an die Wurzeln, ja an den Grund unseres Glaubens selbst erinnern und den verdanken wir dem Glauben Israels. Wir können uns heute ja gar nicht mehr vorstellen, was dieser Glaube für einen frommen Juden bedeutete, der Glaube an den Gott, der ja gerade in Krisenzeiten hindurch eben nicht nur geglaubt, sondern auch erfahren wurde. Es war doch der Gott, der Israel gegen alle Widerstände aus Ägypten herausgeführt hatte und auch in der langen schweren Zeit in der Wüstenwanderung erfahrbar blieb. Es war der Gott, zu dem man an den Wassern zu Babel in der Gefangenschaft klagen konnte, angesichts des Verlustes und der Trennung von Jerusalem und dem Tempel. Es war und blieb der Gott Israels, der angesichts der zahllosen Judenverfolgungen und in der Diaspora geglaubt wurde, ja, zu dem man in den Konzentrationslagern noch mit diesem Bekenntnis auf den Lippen in den Tod ging, wie es vielfach bezeugt wurde.

Diese Gotteserfahrung, diese Liebe zu Gott, wurde ebenso von Generation zu Generation weitergegeben, wie das Leiden an ihm. So ist sich das Judentum seiner besonderen Stellung in der Welt bewusst, die es dieser Gottesbeziehung verdankt. Darum: "Höre Israel!" Nur, wer hört, zuhört kann etwas erfahren. Im Unterschied zum Auge können wir etwas hören, bevor wir es sehen. Während Gott, wie es in der Bibel bezeugt wird sein Volk immer wieder hört, es auch nicht aus den Augen verliert, überhört Israel, was Gott sagt und übersieht ihn nur allzu oft. Darum wird Israel zum Hören aufgefordert. Und das, was da von Gott gehört und im Leben von ihm erfahren wird, das soll nun auch weitergegeben werden.

Aber was soll Israel denn hören, was ist so wichtig, dass es den Kindern und Kindeskindern eingeschärft werden muss? Weiterzusagen ist, dass Gott einzigartig ist, unvergleichbar mit allen Göttern, denen Israel in seiner Geschichte begegnet. Es soll gehört werden, dass dieser unvergleichliche Gott, dem Israel so unendlich viel verdankt, mit ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller Kraft zu lieben ist. Seine Gebote sind aller Gleichgültigkeit zum Trotz im Gedächtnis zu behalten, sie sind den Kindern einzuprägen. Jeder Jude soll sich diese Worte immer wieder vorsagen zu Hause und auf der Reise, wenn man sich schlafen legt oder aufsteht.

Und um sich dessen ganz fasslich, begreifbar zu erinnern, soll man sich die Gebetsriemen an den Arm und auf die Stirn binden. Und an die Innenseiten der Haus- und Wohnungstüren soll man die Mesusa befestigen, in der das Glaubensbekenntnis Israels aufbewahrt ist. Wer sich auf den Weg macht, berührt sie mit seiner Hand und gedenkt auf diese Weise seines Gottes. Wenn ein Jude im Sterben liegt, werden ihm seine Familie oder Freunde dieses Bekenntnis in Erinnerung rufen, das er nachsprechen und mit diesen Worten auf den Lippen sterben kann. Versuchen wir doch einmal zu erahnen, was der Glaube dem frommen Juden bedeutet. In einer rabbinischen Geschichte wird uns erzählt:

"Rabbi Akiba hatte Hadrians Verbot des Torahlehrens nicht befolgt und wurde zum Märtyrertod verurteilt. Als er ... gefoltert wurde, kam die Stunde, das 'Höre Israel' zu sprechen. Er sprach es und lächelte.
Der römische Beamte schrie ihn an: 'Alter Mann! Wie kannst du bei deinen Schmerzen lächeln? Du bist entweder ein Zauberer, oder du spottest deiner Leiden.' Akiba antwortete: 'Ich bin kein Zauberer, und ich spotte meiner Leiden nicht. Aber mein Leben lang habe ich die Worte gesprochen: 'Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen', und ich war traurig, wenn ich daran dachte, wie ich denn Gott mit meiner ganzen Seele lieben könne. Ich habe Gott mit meinem ganzen Herzen und mit meinem ganzen Vermögen geliebt. Doch war mir nicht klar, wie ich ihn auch mit meiner ganzen Seele lieben könne. Jetzt, wo ich meine Seele aufgebe und die Stunde des 'Höre Israel' gekommen ist und wo ich bei meinem Entschluss bleibe soll ich da nicht lächeln?' Als er so sprach, verließ ihn seine Seele." (Petuchowski, J., Es lehrten unsere Meister, Freiburg, 1981, S. 115)

Und in einer anderen Geschichte aus dem Judentum heißt es: "Bald nachdem Rabbi Mendels Frau gestorben war, starb ihm auch die Tochter weg. Man flüsterte es sich zu, er dürfe es noch nicht erfahren. Als aber sein Tochtermann (Schwiegersohn) weinend ins Bethaus kam, während der Rabbi im sabbatlichen Morgengebet stand, verstand dieser sogleich, dass es geschehen war. Nach dem Gebet ... sprach er:
'Herr der Welt, du hast mir die Frau genommen, da habe ich mich noch an meiner Tochter erfreuen können, jetzt hast du mir auch die genommen. Nun kann ich mich an keinem mehr erfreuen als an dir allein. So will ich mich an dir erfreuen.' Und er sprach das Hauptgebet des Sabbats mit begeisterter Freude." (Buber, M., Die Erzählungen der Chassidim, Zürich, 1949, S. 600)

Hier spüren wir, was der Glaube an Gott für fromme Juden bedeutet, wo wirklich mit Herz und Verstand geglaubt und Gott bekannt wird. Aber diese beiden kleinen Texte spiegeln ja auch etwas wieder von diesem Trotz der Beharrlichkeit zu dem der Glaube fähig macht. Der Glaube an Gott muss etwas in mir verändern, denn nur so kann man angesichts des Todes noch vertrauensvoll beten. Was uns hier als tiefer Glaube glaubwürdig überliefert wird, das kann angesichts der jüdischen Orthodoxie, wie wir sie z.B. heute in Israel erleben können, ganz anders erfahren werden: Eng, gesetzlich, lieblos und nicht zuletzt hoch politisch.

So scheint es, dass der Glaube gerade in diesen Kreisen oft hinter das Gesetz zurück zu treten hat, mit dem dann obendrein sehr politische Ziele verfolgt werden. Dabei gibt es natürlich auch im Judentum Atheisten, Juden, die nicht oder nicht mehr an Gott glauben, aber sie sind und bleiben Juden, dem Gottesvolk zugehörig. Ganz anders als im Christentum wird man als Jude, als Jüdin geboren, wobei es die Mutter ist durch welche die Religion weitergegeben wird. Im Christentum dagegen muss man sich entscheiden, ob man Christ werden will oder nicht. Und wenn man es möchte, dann lässt man sich selbst oder sein Kind taufen und wird auf diese Weise in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen, was die Verantwortung für den Glauben ja eher noch erhöht.

Doch was bedeutet dieses Bekenntnis für uns als Christen in unseren Kirchen und Gemeinden heute? Zunächst hören wir hier das Glaubensbekenntnis Israels, das Glaubensbekenntnis Jesu und darum kann es ja auch uns nicht gleichgültig lassen. Dieses Bekenntnis lässt uns einmal danach fragen, wie wir selbst unseren Gott verehren, wie wir mit seinen Geboten umgehen und sie unseren Kindern einprägen, wo immer wir sind. Gibt es auch bei uns solche Merkzeichen des Glaubens, die uns begleiten? Ich denke an die Herrgottswinkel in bayrischen Gaststätten, an Kruzifixe, die bei uns in öffentlichen Gebäuden oder zu Hause aufgehängt sind, wir sehen sie am Straßenrand. Wir nehmen aber auch Kirchtürme wahr, hören Glocken läuten, können uns im Fernsehen das "Wort zum Sonntag" ansehen oder die Worte in den Tag unterschiedlicher Rundfunkstationen anhören.

Auch im Christentum werden wir so gut wie täglich an unseren Glauben erinnert, doch mir scheint, dass wir ein wenig taub und blind dafür geworden sind. Wir hören im Lärm des Alltags so viel, dass uns Gott kaum noch erreicht. Aber die Frage bleibt: Was geben wir von unserem Glauben weiter, der uns doch auch überliefert wurde? Wie vermitteln wir durch unser eigenes Beispiel eine tragfähige, unaufkündbare Liebe zu unserem Gott, eine Liebe, die Sonntags in unseren Gottesdiensten nur noch dankbar zu feiern ist, sich dabei aber als so alltagstauglich erweist, dass sie selbst im tiefsten Leiden noch trägt?

Lassen wir uns mit dem Glaubensbekenntnis Israels dazu einladen, Gott jeden Tag neu zu hören und ihn mitzunehmen, wohin wir in unserem Leben auch gehen oder ohne es zu wollen, geführt werden. Darum: "Höre Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr und sonst keiner..." Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi, ist auch unser Gott, darum dürfen auch wir ihn nicht nur hören, sondern auch lieben.

Amen.


Literatur:

- Schneider, Hanns-Heinrich, Eigene Predigten, s. http://www.predigten.de/
- Petuchowski, J., Es lehrten unsere Meister, Freiburg, 1981, S. 115
- Buber, M., Die Erzählungen der Chassidim, Zürich, 1949, S. 600

- Berger, E., Göttinger Predigtmeditationen, 2008, 62. Jhrg., Heft 3, Göttingen, S. 285

- Volkmann, E., 1. Sonntag nach Trinitatis, www.pfarrverband.de/pfarrerblatt/predigthilfen.html

- Rübenach, B., Begegnungen mit dem Judentum, Stuttgart, 1981S. 67ff
- De Vries, S., Jüdische Riten und Symbole, Wiesbaden, 1981, S. 47ff
- Früchtel, U., Mit der Bibel Symbole entdecken, Göttingen, 1991

© Hanns-Heinrich Schneider 2008
http://www.evangelische-kirchengemeinde-kenzingen.de/predigten.html

Weitere Predigten
 von: Pfr. Hanns-Heinrich Schneider 
 zu: 1. Sonntag nach Trinitatis 
 über: 5. Mose 6  
Predigt im PDF-Format herunterladen
Predigt als Textdatei herunterladen
Predigt als Doc-Format für den PalmPilot
Predigt als eMail versenden

 

Powersearch  Die Bibel  Startseite  NEPOMUK  Impressum  Zurück