Sonntag, der 20. April 2014
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Pfr. Hanns-Heinrich Schneider (evangelisch)
über: Tobias 4, 2-5+19

Kenzingen (bei Freiburg im Breisgau), am 23.11.2008
Ewigkeitssonntag/Totensonntag

Begrüßung:

Liebe Gemeinde!

Heute feiern wir miteinander den Toten- bzw. den Ewigkeitssonntag. Gedachten wir im vergangenen Gottesdienst aller Menschen, die durch Kriege Leid, Unrecht und den Tod erleben mussten, so heute aller Menschen, die aus unserer Gemeinde im vergangenen Jahr verstarben. Gerade in der Kirche wollen wir trauernde Menschen nicht allein lassen, ja, sie sollen spüren, dass sie mit dem Schmerz ihrer Verlusterfahrung, ihrem Abschied, ihrem Leid gut in unserer Mitte aufgehoben sind. Denn gerade hier im Gottesdienst wagen wir es, dem Tod nicht das letzte Wort zu überlassen, sondern ihm ein Widerwort des Glaubens entgegen zu halten.

Ich bin ganz sicher, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, noch andere gottfeindliche Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Himmel noch Hölle. Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes, die uns verbürgt ist in Jesus Christus, unserem Herrn. (Römer 8, 38 + 39).

Gebet:

Herr, guter Gott! Dir bekennen wir unsere Trauer, den Schmerz des Abschiedes und des Verlustes den wir erfahren haben. Dir bekennen wir, dass es uns schwer fällt, damit fertig zu werden. Dankbar sind wir aber für unendlich viele Erfahrungen und Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann, für die miteinander geteilte und geschenkte Zeit in guten und in schweren Zeiten. Nun aber bitten wir dich, dass du uns Kraft schenkst, das veränderte Leben annehmen zu lernen und mit neuen Hoffnungen in die Zukunft unseres Lebens hinein zu gehen. Herr wir vertrauen dir und dir vertrauen wir auch unsere Verstorbenen an.

So danken wir dir gerade heute für alle Menschen unter uns, die uns mit ihrem Glauben ein Vorbild sind und die sich in unserer Gemeinde und Kirche mit ihrem Engagement einbringen. Vor dir bringen wir nun auch voller Dankbarkeit alle Menschen in Erinnerung, die uns den Weg zu dir vorangegangen sind und beten für uns, unsere Gemeinde, für unsere katholischen Mitchristen, unsere kleine Stadt und für die ganze Welt.

Amen.


(Predigttext)

Liebe Gemeinde!

Sie sehen wunderschön aus. Die junge Frau kann gar nicht den Blick von den Blumen nehmen, die der ältere Mann, der ihr im Bus gegenüber sitzt, in seinen Händen hält. Immer wieder schaut sie darauf und freut sich an ihnen. Sie riechen wunderbar und geben ein schönes Farbenspiel ab. Sie fragt sich, für wen diese Blumen wohl sind. Für einen Menschen, der diesem alten Mann viel bedeutet? Sicher kann ein so schöner Blumenstrauß nur für einen Menschen sein, dem man sich besonders verbunden fühlt.

Der alte Mann wirkt ruhig, er schaut oft aus dem Fenster des Busses. Nach einer Weile schaut er sie an und lächelt. Gefällt Ihnen der Strauß? fragt er sie. Er blickt kurz auf seine Blumen und dann nach draußen. Er reicht ihr die Blumen und sagt: "Eigentlich sind diese Blumen für meine Frau. Aber ich denke, sie hätte es gern, dass Sie sie bekommen." Er lächelt dabei, die junge Frau schaut ihn irritiert an. Er legt den Strauß in ihre Hände und sagt: "Ich gehe jetzt zu ihr und erzähle ihr, dass ich die Blumen Ihnen geschenkt habe." Er lächelt sie weiter an. Der Bus hält, und noch bevor die junge Frau etwas sagen kann, steht der Mann auf und steigt aus. Als der Bus wieder anfährt, sieht sie, wie der Mann durch das Tor des Friedhofes hindurchgeht.

Zeit für Blumen, Zeit zum Trauern. (Quelle des Textes unbekannt)

Erst vor kurzem haben wir von Tobias gehört, diesem frommen Mann, der ins Exil flüchten muss und immer wieder Verfolgungen ausgesetzt ist, da er in der Fremde verstorbene Juden beerdigen lässt. Später erblindet er, wird aber durch ein Wunder geheilt. Was wir heute hören, ist sein Vermächtnis an seinen Sohn, der ebenfalls Tobias heißt. Neben einer ganzen Reihe ethischer Anweisungen, die Tobias helfen sollen, sein Leben voller Weisheit leben zu lernen, geht es dem Vater immer wieder um seinen Gott und das Lob Gottes. Das ist das alles Entscheidende. Zu dem Vermächtnis gehört aber auch noch, dass der Vater einmal Geld verliehen hat, das sich der Sohn gegen Vorlage des Schuldscheines dann einmal abholen kann.

Der alte Tobias lebt in einer Welt voller Angst, ja, voller Abschiede. Heimat gibt es nur in seiner Erinnerung, Gesundheit, das war einmal und so bereitet er sich auf seinen Tod vor, in dem er seinem Sohn ein Vermächtnis hinterlässt, ein ebenso geistliches, wie finanzielles. Auf diese Weise wird auch der junge Tobias darauf vorbereitet, dass Eltern einmal sterben werden. Tobias stellt sich der Frage nach dem Tod, obgleich er ja noch mitten im Leben steht. So sieht ein weises Leben aus, ein Leben das man genießen darf, weil es auch um seine Grenzen weiß.

Gut erinnere ich mich an das alte Ehepaar, das mich im Pfarrhaus besuchte, um mit mir über seine Beerdigung zu sprechen und alles, was damit zu tun haben würde. Beim Verabschieden frage ich den alten Herrn, ob er denn ein Testament gemacht habe, was er lebhaft verneint, da er ja noch leben wolle. Er war deutlich über 80 Jahre alt. Das ist das Gegenstück zu unserem biblischen Mann. Hier werden sehr akademisch Informationen darüber eingeholt, wie und wo man beerdigt werden will, doch mit dem Tod als einer realen Möglichkeit wird nicht gerechnet, ja er wird buchstäblich verdrängt. Sterben tun ja immer nur andere Menschen. So lebt man fast in einem falschen Leben, weil es den eigenen Tod nicht geben darf.

Das Vermächtnis, das Tobias seinem Sohn hinterlässt, hat mehrere Teile: Da geht es darum, Anweisungen zu geben, wie man selbst bestattet werden will, es folgen Anweisungen, welche die Mutter des jungen Tobias betreffen und wofür er im Leben und nach ihrem Tod Sorge tragen soll. Dann fährt er fort mit einem geistlichen Vermächtnis, nämlich, dass Tobias niemals den Gott seiner Väter und Mütter im Glauben vergessen und gute Werke tun soll.

Weiter, und das führte ich in der vorletzten Predigt aus, erinnert der Vater daran, dass sein Sohn mit seinem Wohlstand sozial umgehen und helfen soll, wo immer Hilfe nötig ist, auch wenn es an das eigene Portemonnaie geht. Vor Unzucht soll er sich hüten und nicht hochmütig sein. Keinem, der bei ihm arbeitet, soll er den Lohn vorbehalten, denn: "Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!" Wir kennen diesen Satz als ein vertrautes Sprichwort, hier steht es als weiser Ratschlag in der Bibel. Letztlich soll er sich von Menschen beraten lassen, die über eine Vielfalt von Erfahrungen verfügen. Und immer wieder wird er daran erinnert, dankbar zu leben und sich von Gott auf seinem Lebensweg begleiten zu lassen.
Um ein weises Leben geht es, was dem jungen Mann hier von seinem Vater mit auf seinen Lebensweg gegeben wird, um Weisheit geht es in diesem ganzen Buch. (Schneider, H.-H., Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, zu Tobias 13, 1 - 4, in: http://www.predigten.de/)

Heute am so genannten "Toten-" oder besser "Ewigkeitssonntag" sind wir ja gefragt, wie wir leben, was wir mit dem Tod verbinden und was für ein Vermächtnis wir einmal anderen hinterlassen? Was ist uns so wichtig, dass wir es einmal an unsere Kinder und Kindeskinder, an Freunde, an uns vertraute Menschen, aber vielleicht ja auch an die Kommune, einen Verein, eine uns bedeutsame Organisation, unsere Kirchengemeinde weitergeben möchten? Was ist es überhaupt wert, weiter gegeben zu werden?

In einem Testament können wir ja inhaltlich bestimmen, wie wir das, was wir einmal hinterlassen, verteilt sehen möchte. Mit Vermächtnissen kann man dann eine Feinabstimmung vornehmen und Dinge einerseits ganz persönlich zuordnen oder auch Personen mit bedenken, die im Testament sonst nicht als Erben eingesetzt sind. Für Tobias ist nicht das Geld so wichtig, das er seinem Sohn hinterlassen wird, sondern es ist das, wofür er gelebt hat, was ihm für sein eigenes Leben bedeutsam wurde und was er nun im Sinne eines geistigen Vermächtnisses an ihn weiter gibt. Wir können also geistige oder auch materielle Dinge zum Ausdruck bringen und mit Datum und eigener Unterschrift versehen über unseren Tod hinaus verbindlich festlegen und festschreiben.

Dazu gehört dann auch die Möglichkeit festzuhalten, wie oder auch wo ich einmal beerdigt werden möchte und was ich für die Trauerfeier bedacht haben will, z.B. eine Erd-, See- oder Feuerbestattung, ein Urnen- oder Reihengrab. Ich kann Gedanken aufschreiben, die dem Pfarrer sagen, welchen Text ich ausgelegt haben möchte, welche Lieder gesungen werden sollen oder wofür ich ein Opfer erbitten möchte. Mit einem kleinen Lebenslauf oder einigen Gedanken zu dem, was mir wichtig im Leben war, kann ich dazu beitragen, dass meine Stimme so auch noch einmal über den Tod hinaus tröstend gehört wird.

Tobias hält eine Reihe unterschiedlichster Dinge fest, die er für das Leben seines Sohnes wichtig findet und das ist mehr, als der Geldbetrag, den er seinem Sohn zu vererben hat. Denn im Rückblick auf all jene Menschen, die wir geliebt haben oder die uns wichtig für unser eigenes Leben waren, wird nicht das finanziell Hinterlassene bedeutsam bleiben, so schön und beruhigend das auch sein mag, sondern die gemeinsam gemachten Erfahrungen und Erinnerungen, die unser Leben geprägt haben, die dazu beitrugen, dass wir zu den Menschen wurden, die wir geworden sind.

Und damit stehen wir an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr, wo wir zugleich ja auch der Verstorbenen des vergangenen Jahres gedenken, vor der Frage, was uns gedanklich bindet: Ist es der Tod oder eben doch über den Tod hinaus die Hoffnung auf ein Leben jenseits der Todesgrenzen in der Gegenwart unseres Gottes? Darauf weist ja Tobias hin, wenn er seinem Sohn deutlich macht, dass es vielen Menschen an der "rechten Einsicht" fehlt und dass es allein Gott ist, der in die Totenwelt hinab stößt oder umgekehrt dann auch von dort wieder heraus holt.

Natürlich steht dahinter noch ein Weltbild, das wir nicht mehr teilen, faktisch aber gilt, dass wir so leben dürfen, dass wir eben nicht in der Gottesferne leben, sondern umgekehrt aus dem Glauben heraus in seiner Gegenwart. Wer so lebt, wird ja mit dem Gott unserer Vergangenheit und Gegenwart auch mit dem Gott unserer Zukunft rechnen dürfen. Nur wenig liegt da an uns, glauben wir ja nicht daran, dass unsere mehr oder weniger guten Werke uns bei Gott einkaufen können. Aber es liegt an uns, darum zu bitten und dafür zu beten, dass der Gott, an den wir heute glauben und dem wir vertrauen, dann auch der Gott sein wird, den wir dann jenseits des Todes unvorstellbar erleben werden. Da verbietet sich aber jede Spekulation, es reicht unser Vertrauen, unser Glaube.

Wäre davon nicht heute viel mehr an unsere Kinder und Nachkommen, an Freunde und uns wichtigen Menschen weiter zu geben, um sie in einem ganz anderen Sinne zu beschenken und lebensfähig zu machen? Das wäre dann doch ein Vermächtnis, wie das des alten Tobias, das weit über materielle Dinge hinaus gehen würde.

Zeit für Blumen, Zeit zum Trauern.

Viele von uns haben im vergangenen Jahr schmerzhaft Abschied von einem Menschen nehmen müssen, mit dem der Lebensweg für eine lange Zeit geteilt werden durfte. Mit diesen letzten Sonntagen im Kirchenjahr sind wir noch einmal an den Verlust, den Abschied erinnert und manche von uns werden immer noch spüren, dass die Wunde noch offen ist und schmerzt. Wo das empfunden wird, dürfen wir dankbar sein, so widersprüchlich das scheint: Nur, wer jemanden verloren hat, der ihm wirklich wichtig war, wird ja den Schmerz empfinden, in dem die Liebe spürbar bleibt.

So wünsche ich uns und Ihnen allen, dass wir gedanklich nicht beim Totensonntag stehen bleiben müssen, sondern die Hoffnung geschenkt bekommen, weiter sehen und tiefer glauben zu können, als bis zu einem Grab auf unserem Friedhof. Was über den Tag hinaus bleibt, ist nun wirklich die Frage, was wir denn einmal anderen hinterlassen, ein Vermächtnis, das mehr wäre als der eine oder andere Euro. Gott begleite uns auf unserem Weg, so schön oder schwer er uns manchmal erscheinen mag.

Amen.


Literatur:

- Schneider, H.-H., Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, zu Tobias 13, 1-4, in: http://www.predigten.de/

© Hanns-Heinrich Schneider 2008
http://www.evangelische-kirchengemeinde-kenzingen.de/predigten.html

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