Montag, der 6. September 2010
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Pfr. Andreas Volkmann (evangelisch)
über: Lukas 2, 8-14

Lutherstadt Wittenberg (bei Berlin), am 24.12.2008 (Stadtkirche St. Marien)
Heiligabend/Christvesper

Liebe Gemeinde heute am Heiligen Abend!

Weihnachten beginnt, das Kind in der Krippe wird geboren. Ein schöneres Fest gibt es kaum. Und alle feiern mit:

Eltern und Kinder, Geschwister und Großeltern, Heerscharen jubelnder Engel; die andächtig betenden Hirten treten herzu, Sie und ich, die Schönen und Reichen dieser Welt genauso, wie die abgerissenen Gestalten zwischen den Mülltonnen großstädtischer Slums in aller Welt; die, die zwischen den Hauseingängen und unter Brücken nächtigen ebenso, wie die Moskauer Straßenkinder, die in den Heizungsschächten ihrer Stadt zuhause sind; die äußerlich Reichen aber innerlich Leeren ebenso, wie die, die ums tägliche überleben kämpfen, sich dabei aber trotzdem ihre Gefühle erhalten haben. Ihnen allen ist heute der Heiland geboren.

Auch Euch, auch uns, liebe Gemeinde: Jesus, ganz unscheinbar zwischen Ochs und Esel in der Armut des Stalles von Bethlehem. Jesus, der mit seiner Botschaft, vor allem aber durch sein Vorbild später die Welt verändern wird.

Durch seinen Opfertod am Kreuz und weil Gott ihn nicht im Tod belassen hat.

Weil die Botschaft der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt und die die Grundlage allen guten menschlichen Zusammenlebens ist, nach dem wir uns sehnen – weil diese Botschaft eben nicht totzukriegen ist. Dieser Jesus ist geboren! Das feiern wir heute!

Und wir feiern es eben auch mit den Hirten, die da vom Feld kommen. Weil ihnen die Engel diese umwerfende Botschaft verkündet haben. Sie haben nichts Eiligeres zu tun, als sich auf schnellstem Weg zu diesem Stall von Bethlehem aufzumachen. Weil sie natürlich neugierig sind. Ganz ungläubig schauen sie drein. Denn das kann doch alles gar nicht wahr sein. Das widerspricht doch allen ihren Erfahrungen, trotz derer sie immer wieder gehofft hatten, dass sich Ihre Situation ändern oder gar bessern könnte. Nein, so was hat die Welt noch nicht gesehen!

Viele von uns werden da zu stimmen: Das gibt es doch gar nicht. Die Menschen sind und bleiben so, wie sie sind: egoistisch, voller Neid und Habgier, rücksichtslos. Weil ihnen das Hemd näher ist als die Jacke. - Fassen Sie sich an die Nase; fassen wir alle uns an die eigene Nase! -

Ja, heute, zu Weihnachten, da ist die Welt irgendwie auf den Kopf gestellt.
Aber normalerweise? Da kämpft doch jeder ums Überleben. Auch jeder von uns.

Und übersieht dabei so leicht den Menschen neben sich, der um Hilfe fleht und unsere Zuwendung brauchte. Zeit für andere? Eine Spende für Notleidende?

"Wer hilft mir denn, wenn es mir mal dreckig geht?"

Wenn wir so denken, liebe Gemeinde, dann geht in der Tat irgendwann gar nichts mehr: "Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich, nur ich denk an mich." – Mit der Geburt Jesu, dem Grund unseres Feierns zu Weihnachten, durchbricht Gott den Teufelskreis dieses unseligen Selbstmitleides und zerstörerischen Egoismus. ER will uns aufrütteln, will uns wecken aus unserer Selbstverliebtheit, will uns herausreißen aus dem Gefühl, unsere Enttäuschungen ständig weiter zu pflegen zu müssen. Weil die Menschen sind, wie sie eben sind und wir sie erleben, wie wir sie halt erleben - die anderen, uns aber auch - will GOTT uns an der Hand nehmen und uns nicht nur zum Weihnachtsbaum führen mit all seinen Kerzen; sondern ER will uns führen zu dem Licht, das unsere Leben hell macht. Hell macht - auch über diese besinnlichen Tage hinaus...

"So viel Liebe, so viel Zuwendung: das gibt es gar nicht zwischen Menschen."

Das stimmt. Da betrügen uns unsere Erfahrungen nicht. So viel Liebe gibt es nur bei Gott. Aber Gott thront nicht irgendwo in einem fernen Himmel, sondern begegnet uns immer wieder auch in liebenden Menschen, die er als seine Boten gebraucht: Menschen voller Zuwendung, voller Barmherzigkeit, mit einem Herzen voller Vergebung. Gott gebraucht sie, wie er den Menschen Jesus gebraucht hat, den er als Gottesboten, als seinen Sohn in die Welt gesandt hat, damit er uns zeigen sollte, wie es auch gehen kann zwischen uns.

Mit seiner Geburt beginnt alles neu. Nicht nur das Leben dieses Kindes.

Nein, das Leben aller Welt bekommt einen Neuanfang geschenkt. Die Hirten merken das zuerst. Die, denen es am dreckigsten geht zwischen Himmel und Erde, sind am ehesten empfänglich für die menschliche Zuwendung, die ihnen solange gefehlt hat. - Wir, die wir hier wohlbehütet und satt in der Kirchenbank sitzen, sind da eher abgestumpft. "Liebe? - die gibt es doch überall." - Ja, weil wir sie vielleicht erfahren? – glücklicherweise! Aber die, denen sie Zeit ihres Lebens vorenthalten wird? Die fühlen ganz anders.

Ihnen Liebe zu schenken, reicht manchmal schon, dass wir ihnen einfach nur zuhören und nicht achtlos an ihnen vorüber gehen:

– an dem, der hier in Wittenberg durch die Straßen geht und Sie anspricht: "Haste mal 'nen Euro?";

– oder an denen an der Tankstelle, um die wir normalerweise lieber einen großen Bogen machen;

– oder an den jungen Eltern, die kaum wissen, wie sie ihre Kinder erziehen oder sonst über die Runden bringen sollen.

Alles hier in Wittenberg, alles vor unserer Haustür, alles vor unserer Nase, alles vor unseren Füßen.

Und Gott bückt sich, macht sich niedrig; macht sich so klein, dass er Mensch wird – und uns wie ihnen als Mensch begegnet!

Wann, liebe weihnachtliche Gemeinde, fangen wir endlich an, uns einander als Menschen zu begegnen: Ohne Eifersucht, ohne Arroganz, ohne Minderwertigkeitskomplexe, ohne Hintergedanken, sondern ganz einfach mit offen Augen und mit einem warmen Herzen! Damit auch die Hirten unter uns merken – die ärmsten der Armen unter uns, die leider oft genug eben nur neben uns stehen: Ja, die da heute aus den Kirchen unserer Stadt kommen, die wissen, warum sie Weihnachten feiern. Weil der Heiland und Erlöser dieser Welt auch für sie geboren ist – genauso, wie für mich!

Gehen Sie, liebe Gemeinde, heute gern nachhause mit einem Herzen voller Freude und voller Erwartungen. Aber erwarten Sie nicht alles von irgendwo her - aus dem Nichts! Sondern lassen Sie sich von diesem Geburtsgasfest Jesu anstecken - und von Gott gebrauchen als die Boten seines Lichts und seiner Liebe für diese Welt. Damit(!) alle es sehen:

Euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr. Das wird uns und unser Weihnachtsfest nur glücklicher machen.

"Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich. Kyrieleis":

Amen.

© Andreas Volkmann 2008
http://www.volkmann-leander.de

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