Donnerstag, der 9. September 2010
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Pfr. Horst Scheffler (evangelisch)
über: Lukas 2, 1-21

Zornheim (bei Mainz (Kreis Mainz-Bingen)), am 24.12.2008
Heiligabend/Christvesper

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Die Geburtsgeschichten Jesu

Die Geburtsgeschichte Jesu im Evangelium des Lukas ist wohl die bekannteste Geschichte der Bibel. Verwunderlich ist das nicht. Die Geburt eines Kindes begeistert und entzückt fast alle Menschen. Und wenn die Umstände der Geburt auch noch ein wenig dramatisch sind, dann wird das Ereignis der Geburt als eine besondere Nachricht kundgetan. So war es in früheren Zeiten und so ist es auch noch heute.

Die Geburtsgeschichte Jesu böte heute den Stoff für die Klatschgeschichten der Bunten Blätter. Da ist Maria, eine junge Frau, die ihr erstes Kind erwartet, obwohl sie noch nicht verheiratet ist. Mit ihrem Verlobten Josef ist sie unterwegs auf Reisen. Am Zielort Bethlehem sind alle Gasthöfe und Herbergen überbelegt. Zur Übernachtung bleibt ihnen nur ein Stall. Ausgerechnet in dieser Nacht im Stall wird das Kind geboren. So eine Geschichte rührt die Herzen der Menschen.

Die Geburtsgeschichte Jesu bewegt die Herzen der Menschen auch noch heute. Obwohl sie doch nahezu jeder Frau, jeder Mann und jedes Kind kennt, kommen sie am Heiligen Abend in die Kirchen zu Christvespern und Christmetten, um diese Geschichte wieder zu hören. Es gäbe ein Entsetzen in den Gemeinden, würde die Geburtsgeschichte aus dem Evangelium des Lukas in den Gottesdiensten am Heiligen Abend und an den Weihnachtstagen fehlen.

Es gibt allerdings noch eine zweite Geburtsgeschichte. Sie ist mehr Bericht als Erzählung, auch längst nicht allen Menschen bekannt. Sie steht im Evangelium des Matthäus.

"Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch dachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt werde, was der Herr durch den Propheten gesagt hatte, der da spricht (Jesaja 7, 14): 'Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben', das heißt übersetzt:
Gott mit uns. Als nun Josef aus dem Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihnen den Namen Jesus." (Matthäus 1, 18 – 25)

Diese Geburtsgeschichte ist eigentlich die Geschichte eines verunsicherten und zögerlichen Vaters. Josef weiß nicht, wie er mit der überraschenden Schwangerschaft umgehen soll. Er beabsichtigt sogar, Maria zu verlassen. Erst der geträumte Zuspruch eines Engels ermutigt ihn, für Maria zu sorgen und seine Aufgaben als Vater zu erfüllen. Aber auch diese Fassung der Geburtsgeschichte böte den Stoff für Klatsch und Tratsch. Josef wäre heute ein Kandidat für die diversen Talkshows im Fernsehen.

Die Geburtsgeschichten Jesu bieten den Stoff für Herz und Schmerz. Das erklärt ihre Faszination. Das erklärt aber nicht, warum sie auch für uns heute bedeutsam sind. Die wichtigen Botschaften der Geburtsgeschichten verkünden jeweils die Engel.

Bei Matthäus spricht ein Engel zu Josef im Traum. Er deutet den Namen Jesus. Jesus heißt: Gott rettet. Bei Lukas erläutern die Engel den Hirten auf dem Felde: "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids." Die zentrale Botschaft dieser Geburt heißt: Jesus Christus, der Heiland und Retter ist geboren.

Jesus Christus, der Heiland und Retter

In den Weihnachtsliedern wird Jesus Christus dann auch als Heiland und Retter besungen und verehrt. Im Lied "Vom Himmel hoch, da komm ich her" (EG 24) heißt es in der dritten Strophe: "Es ist der Herr Christ, unser Gott, / der will euch führn aus aller Not, / er will eur Heiland selber sein, / von allen Sünden machen rein." In dem weltweit bekanntesten Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" (EG 46) gibt die letzte Strophe die weihnachtliche Botschaft der Engel unmissverständlich wieder: "Stille Nacht, heilige Nacht! / Hirten erst kundgemacht; / durch der Engel Halleluja / tönt es laut von fern und nah: / Christ, der Retter, ist da, / Christ, der Retter, ist da!"

Jesus Christus, unser Heiland und Retter – Setzen wir ein Ausrufezeichen hinter diese Botschaft, weil sie für uns ein Bekenntnis ist! Oder steht hinter dieser Botschaft ein riesiges Fragezeichen, weil sie uns ein Rätsel ist?

Am Text des Liedes "Stille Nacht, heilige Nacht" wird die Spannung der Geburtsgeschichten Jesu zwischen Herz- und Schmerz-Story und göttlicher Botschaft offenkundig. Die erste Strophe steht für viele Menschen wegen des holden Knaben im lockigen Jahr unter Kitschverdacht. Der Säugling in der Krippe im Stall in Bethlehem war bestimmt kein holder Knabe im lockigen Haar. Er war ein neugeborenes Menschenkind, das gestillt werden will, das schreit und das in die Windeln macht. Davon erzählt übrigens auch Lukas. Maria gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe. Die Menschwerdung Gottes in diesem Kind ereignet sich wirklich ganz menschlich.

Doch in der letzten Strophe dieses Liedes "Stille Nacht, heilige Nacht", das manche Pfarrerinnen und Pfarrer wegen des Kitschverdachts schon aus dem Liedgut des Heiligen Abends getilgt haben, wird die Botschaft der Geburt Jesu ganz eindeutig – wie sonst nur im Evangelium selbst – bekannt: Christ, der Retter ist da!

Nun lassen wir die Geburtgeschichten Jesu an unserem Herzen rühren. Vergessen wir aber auch nicht ihre dauerhafte Botschaft. Und diese Botschaft gilt. Sie gilt, auch wenn sie uns immer wieder ein unlösbares Rätsel ist. Wie sollte jemand auch die Menschwerdung Gottes in diesem Kind in der Krippe mit dem Verstand verstehen und erklären können? Wie soll man diese Menschwerdung Gottes zur Rettung und Erlösung aller Menschen begreifen? Wir können nur glauben und dann mit den Engeln bekennen, hier ist der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Dies geschah zur Ehre Gottes in der Höhe und zum Frieden unter den Menschen auf der Erde. Und selbst wenn wir es nicht verstehen und auch nicht glauben wollen: Es geschah auch für uns.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

© Horst Scheffler 2008

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