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P. i. R. Hans Joachim Schliep (evangelisch)
über:
Lukas 2, 12Hannover, am 24.12.2008 (Bemeroder Kapelle) Heiligabend/Christvesper |
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Die Vereinten Nationen haben das herannahende Jahr 2009 zum "Jahr der Astronomie" ausgerufen. Der Blick in die Sterne hat die Menschheit schon immer fasziniert. Aber man baut, wie DIE ZEIT vom 17.12.2008 auf Seite 35f. schreibt, heute keine großen Teleskope mehr. Die sind nämlich inzwischen so schwer, dass sie unter ihrer eigenen Last zusammenzubrechen drohen. Stattdessen werden - ausgehend von den Niederlanden - in ganz Europa viele kleine Radioschüsseln aufgestellt, die auf die Galaxien im unermesslichen Universum leichter einstellbar sind. Man will in die Entstehungsphase der allerersten Sterne blicken können: in die Zeit etwa 300.000 Jahre nach dem Urknall, als sich Wasserstoffatome zu zunächst dunklen Wasserstoffwolken zusammengeballt und dann in einer gigantischen Kernfusion das Licht der ersten Sterne entzündet haben.
Um über die Explosion dieser heißen Ursuppe Genaueres zu erfahren, sollen am Ende mehr als 80.000 Dipol-Antennen im europäischen Boden versenkt werden und ins All lauschen. Ihre Informationen werden digital vernetzt und in einer Zentrale im niederländischen Groningen gesammelt. Es gibt beim Anlegen der Antennenfelder nur ein Problem: Die Handteller großen Metalldreiecke, mit denen die Radiosignale empfangen werden können, sind in Styroporbehälter verpackt in den Erdboden eingelassen. Und schon haben die Feldmäuse das Styropor aufgeknabbert und sich darin ein trockenes Heim geschaffen, sanft erwärmt durch die Elektronik. So geht’s zu in der Welt und im Leben: Das Kleine, Unscheinbare, Übersehene kann große Vorhaben gehörig stören.
Das Jahr 2008, das nun bald zu Ende geht, galt in der Wissenschaftswelt zumindest Deutschlands als "Jahr der Mathematik". Damit auch wir hier in der Bemeroder Kapelle noch etwas davon haben, stelle ich Ihnen eine mathematische Aufgabe:
Ein Kamelhändler hat 3 Söhne und 17 Kamele. Bei seinem Tod hinterlässt er ein merkwürdiges Testament. Von den 17 Kamelen hat er nämlich seinem ältesten Sohn die Hälfte, seinem zweiten Sohn ein Drittel und seinem jüngsten Sohn ein Neuntel vermacht. Die Folge ist: Die Brüder bekommen sich gehörig in die Wolle. Denn wie sie es drehen und wenden: 17 lässt sich weder sinnvoll halbieren noch dritteln noch neunteln. Ja, versuchen Sie es einmal: 17 geteilt durch 2 ergibt 8 1/2, 17 geteilt durch 3 ergibt 5 2/3, 17 geteilt durch 9 ergibt 1,88888 (Periode). Die Brüder können natürlich die Kamele in Teile zerlegen. Aber dann müssen sie 3 Tiere schlachten, das Testament ihres Vaters missachten und haben alle drei weniger lebendige Kamele als vorher. Wer will ein solches Kamel sein? Doch freiwillig verzichten will auch keiner - was ja unter Menschen ständig vorkommen soll. Da ist guter Rat teuer.
Erinnern Sie sich? Ich habe diese Aufgabe der festlichen Gemeinde auch schon am Heiligabend vor zwei Jahren vorgelegt. Erinnert sich jemand an die Lösung? Oder gibt es gar keine? Es gibt keine. Genau: Es sei denn, es wird etwas zu den Kamelen dazugegeben, was eigentlich nicht dazugehört und doch dringend benötigt wird: Als die 3 Brüder sich so richtig in den Haaren liegen, gesellt sich plötzlich ein fremder Kamelreiter zu ihnen. Er erkundigt sich, worum es geht, und versteht sofort: Da 17 eine Primzahl ist, scheitert jeder Versuch, sie sinnvoll zu teilen. Also stellt er als 18. sein Kamel dazu. O Wunder der Mathematik, jetzt geht die Rechnung auf. Genau: 18 durch 2 ergibt nämlich 9, 18 durch 3 macht 6 und 18 durch 9 sind 2 Kamele. So erhält jeder Bruder das Erbe, das ihm der Vater zugedacht hat. Gleichwohl werden nur 17 Kamele verteilt. Denn 9 plus 6 ergibt 15, plus 2 macht insgesamt wieder 17 Kamele. Auch wenn, bezogen auf 17, die Relationen nicht ganz stimmen, sind die Brüder vollauf zufrieden.
Diese Geschichte von einer unerwarteten Zugabe folgt ganz der Rechenlogik nach Adam Riese, ohne jedes Geheimnis. Gleichwohl legt sie eine Spur zum Geheimnis, zur Wahrheit der Weihnacht, wie ich sie in dem einzigartig schlichten und doch so berührenden Satz aus der Weihnachtsgeschichte nach Lukas entdecke: Und das habt zum Zeichen: "Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen."
Was aber soll daran die Wahrheit der Weihnacht sein, die uns heute, am Heiligabend 2008, als Wahrheit des Lebens angeboten wird? Ich erblicke sie in der unverhofften Zugabe, die dieses Ereignis der Jesusgeburt für unseren Lebensalltag bedeutet. Deshalb ist es ja zu einem jedes Jahr wiederholten Fest, zum Christfest geworden. Aber diese Zugabe ist doch nur ein Kind - wie in wohl jeder Minute eines auf dem weiten Erdenkreis geboren wird, auch jetzt!? Ein Kind in seinen Windeln, die es bekanntlich weder mit Gold noch mit wohlriechendem Aroma füllt. Ein Kind, für das kein Himmelbett bereitsteht, sondern nur eine Futterkrippe für das Vieh. In einem Stall, der ganz gewiss nicht zu den Traumimmobilien gehört. Er wird eher eine Bruchbude gewesen sein, eine der ungezählten Arme-Leute-Behausungen auf dieser Erde.
Insofern - entschuldigen Sie, aber die Geschichte von der Jesusgeburt ist eine der am wenigstens idyllischen, vielmehr der bittersten Geschichten der Menschheit - erinnert die Geburt dieses Kindes auch daran, dass jede Minute ein Kind auf dieser Erde in Armut, an Unterernährung und in ganz und gar unhygienischen Verhältnissen stirbt.
Das verstärkt und verschärft die Frage, worin denn das Plus liegt, das mit der Jesusgeburt buchstäblich zur Welt gekommen ist!? Wer davon hört, könnte gut und gerne auch an die Feldmäuse denken, die den großen Plan, in die fernsten Sternenwelten zu blicken, stören, an das Kleine, Unscheinbare, immer wieder Übersehene, das einem im Leben sooft dazwischenkommt. Aber gerade darin, in dem ganz und gar Unverrechenbaren, das doch gebraucht wird, wie in der Geschichte von den 17 Kamelen - gerade darin liegt das Plus, die Wahrheit der Weihnacht.
Ob die Hirten das schon verstanden haben? Das lasse ich dahingestellt. Wichtig ist nur: Sie machen sich auf die Suche nach dem Kind - und damit sagt Lukas: nach dem Gott, der bei, der mitten unter uns Menschen wohnt. Sie folgen dem Ruf von Engeln, der noch im Geschrei eines Kindes vernehmbar ist - und finden Gott nicht im Übersinnlichen, sondern von Anfang an im sinnlichen Leben eines Menschen, eben in Windeln und so. Als Kind, das wir belächeln oder dem wir den Mund verbieten können, das leicht zur Seite geschoben und missbraucht werden kann, z. B. als eines von zigtausenden Kindersoldaten. Oder als Kind illegaler Einwanderer bei uns in Niedersachsen, ohne Geburtsurkunde, ohne Recht auf medizinische Behandlung oder Schulbesuch. Für diese Kinder hat sich unsere Landesbischöfin in diesem Jahr besonders eingesetzt.
So zeigt uns der Evangelist Lukas in diesem neugeborenen Menschen, der kaum etwas zum Überleben hatte, wie Leben mehr als Überleben ist. Wie wahres Leben sich nur in Einfachheit, Schlichtheit, Unmittelbarkeit ereignet. Das ist das Plus, die Zugabe, die weihnachtliche Wahrheit, die wahre Weihnacht, die die zur bloßen Ware gewordene Weihnacht hinter sich lässt und verzichtbar macht.
Warum brauchen wir diese Einfachheit, diese Schlichtheit, diese Unmittelbarkeit? Weil wir eine neue Nachdenklichkeit dringend nötig haben. Ja, ich möchte Ihnen heute sagen, wir brauchen sogar eine neue Innerlichkeit. Freilich eine Innerlichkeit, die das Äußerliche nicht als unwichtig beiseite ließe und sich nur auf den inneren Seelenfrieden beschränkte. Jedoch eine Innerlichkeit, die innehalten kann, um sich vom Äußeren, z. B. von Börsenkursen, nicht länger blenden zu lassen; um es stattdessen mit einer neuen Wertigkeit, mit neuen Inhalten zu durchdringen. Ich nenne zwei Beispiele für das, worum es geht:
Einige von Ihnen wissen, dass meine Frau und ich in diesem Jahr umgezogen sind. Wir mussten uns wohnungsmäßig praktisch halbieren. Wie unendlich schwer ist es mir gefallen, auf auch nur ein kleines Stück zu verzichten, vor allem bei den Büchern?! Immer noch haben wir soviel mitgenommen, von dem wir in Wirklichkeit, im Lebensalltag - na, ich vermute einmal - vielleicht ein Drittel, jedenfalls nicht mehr als die Hälfte tatsächlich gebrauchen. Ich hatte nicht die Kraft, seinem Rat zu folgen, eigne mich für ein asketisches Leben auch nicht und will es Ihnen auch keineswegs anempfehlen oder gar seinen zum allgemeinen Lebensstil erklären. Gleichwohl geht mir der Ausspruch Franz von Assisis nicht aus dem Sinn:
"Lieber Mensch, wenn du mehr dein Eigen nennst als eine Kutte, eine Unterhose, ein Paar Sandalen, eine Bibel und ein weiteres Buch, wirst du dein Leben lang von der Angst besessen sein, du könntest deinen Besitz verlieren - und das ist der Grund für Streit und Unfrieden unter den Menschen." Das ist, wie gesagt, ganz sicher zu einfach. Doch spüren Sie, welche Wahrheit in diesem zu Einfachen dennoch liegt?! Sie kommt der Wahrheit der Jesusgeburt ganz nahe.
So schwer es mir als Mensch, der für seinen Wohlstand dankbar sein darf und ist, fällt, möchte ich doch versuchen, mich von dieser Wahrheit wenigstens beunruhigen zu lassen. Angesichts der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise haben wir sie meines Erachtens auch dringend nötig: Statt Schuldzuweisungen im Blick auf Gier, Eitelkeit, Macht und, nicht selten gepaart mit krimineller Energie, ökonomische Unvernunft auszuteilen - wäre es da nicht jetzt, gerade jetzt nötig, unsere Wirtschaftsweise umzustellen von den Luxusgütern und den doch nur virtuellen Geldwerten weg auf die Herstellung und den Handel mit solchen Gütern, die der Menschheit auf dem ganzen Erdkreis zugute kommen und einen ressourcen-schonenden Gebrauch der Lebensgaben ermöglichen? Der ganze Erdkreis - griechisch: Oikos und davon gebildet: Ökonomie, Ökologie, Ökumene.
Nutzen wir diese besondere, einzigartige Chance, die wir in der Krise haben! Genau darin läge ein Plus, das wie das 18. Kamel als Zugabe überhaupt eine sinnvolle Rechnung in aller Unverrechenbarkeit bewirken könnte. Das ist ein Handeln, das die Theorie, die unser Leben beherrscht, als lebensfeindlich demaskiert: Helfe jeder sich selbst, sei allen geholfen. Das stimmt eben nicht. Weil zu lange nach dieser Devise gehandelt wurde, werden wir jetzt noch unfassbar viel mehr von den Gewinnen verbrauchen, die die uns nachfolgenden Generationen überhaupt erst noch erwirtschaften müssen.
Wie frappierend aktuell ist doch die Weihnachtsgeschichte nach Lukas: Er stellt dem steuereintreibenden, geldgierigen, großen Kaiser Augustus mit voller Absicht und in Kenntnis der Gefahr, dass die kaiserliche Macht jederzeit brutal zuschlagen kann, das kleine Kind im Stall von Bethlehem entgegen. Ein Gegensatz wie der zwischen der Wallstreet in New York und einem kleinen Dorf inmitten Afrikas! Damit ortet Lukas die Wahrheit des Lebens nicht in der Metropole, sondern am Rand der Welt! Ein Gegensatz schon dem Namen nach: Augustus: der Erhabene - Jehoschua, Jesus: Gott hilft.
Doch wie hilft Gott in diesem Menschen? Lukas erzählt die Geschichte von der Jesusgeburt in dieser Absicht: Um uns zu einem einfacheren, zugleich tieferen und beständigeren Empfinden für das Leben zu erwecken, um uns also empfänglicher zu machen für das, was wirklich notwendig ist im Leben. Für das Vertrauen zueinander, ohne dessen Kraft wir nicht leben können und dessen Kraft wächst, je mehr wir davon verschenken. Was allemal von der Liebe gilt. Und von der Bereitschaft, einander auch nach einem Streit in die Arme zu nehmen. Für den Verzicht darauf, den Menschen nach seiner Nützlichkeit zu beurteilen, sondern allein nach seiner Würde als Gotteskind. Für das Loslassen von dem Zwang, mit dem alle Unmenschlichkeit beginnt: für alles eine Antwort und eine Lösung zu haben. Für die Umkehrung der Fragestellung, wie sie, die Umkehrung, für Jesus so charakteristisch ist:
Statt zu fragen "Was kannst du für mich sein?", zu fragen: "Was kann ich für dich sein?" Oder anders gesagt: Einfach einmal davon auszugehen, nicht ein liebender, sondern ein geliebter Mensch zu sein. Oder noch anders: Nicht den Verlust zu beklagen, den wir doch immer beklagen können, weil wir in jedem Augenblick, mit jedem Atemzug etwas verlieren, zumindest an Lebenszeit, sondern sich an dem Gewinn zu erfreuen, den jeder Augenblick, jeder Atemzug bedeutet, der zumal in Veränderungen und Krisen enthalten ist. So können wir an der Jesusgeschichte erkennen, wie die Welt von innen bewegt werden kann, ohne dass sie aus den Angeln gehoben werden muss. Die entscheidende Frage, die wichtigste Herausforderung an mich selbst ist gewiss diese: Wie kann ich in einer Welt der Sieger meine Unvollkommenheit und meine Sterblichkeit annehmen? Der Blick auf Jesus zeigt mir, wie ein Mensch sein kurzes Leben preisgegeben wissen kann - und doch in Gott aufgehoben, vollendet, verwandelt in ein neues Sein.
Ja, liebe Gemeinde, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas lädt uns heute zum Innehalten ein, zu einer Nachdenklichkeit und Innerlichkeit, die das Äußere neu wertet und neu gestaltet. Wir sind eingeladen, Gottes Zugabe zu unserem Leben anzunehmen, das große Plus, das seit Jesu Geburt, also Gottes Menschwerdung bleibend, über unsere Lebenstage hinaus über unserem Leben steht. Wir sind eingeladen, im Alltagsstaub, in dem wir zu ersticken drohen, den Gottesglanz wahrzunehmen, der uns neu Atem holen lässt im Blick auf den Sternenhimmel, auch ohne elektronisch vernetzte Radioteleskope. Das für mich innigste Weihnachtslied haben wir vorhin schon gehört: "Ich steh an deiner Krippen hier..." von Paul Gerhardt. Ich erinnere an die 3. Strophe:
"Ich lag in tiefster Todesnacht, / du warest meine Sonne, / die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glaubens in mir zugericht', / wie schön sind deine Strahlen!" Der eigentliche Stern von Bethlehem ist Jesus Christus, der hier als Sonne besungen und bezeugt wird. Denken wir an den von innen kommenden Glanz dieses Sterns und nehmen die Erfahrung, die wir, den Morgen erwartend, in jeder gewöhnlichen Nacht machen, dann gilt stets und allemal: "In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags."
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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