Dienstag, der 25. November 2014
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Pfr. Mark Meinhard
über: Matthäus 6, 25-34

Hiltpoltstein (bei Nürnberg), am 20.09.2009 (Matthäuskirche)
15. Sonntag nach Trinitatis

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen des Wortes.

Amen.

Liebe Gemeinde,
hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Matthäus im sechsten Kapitel, die Verse 25 bis 34:

(Predigttext)

"Sorge dich nicht – lebe" heißt ein über 50 Jahre altes Buch aus den USA, welches allein in Deutschland bisher ca. 3 Millionen Mal verkauft worden ist. Über 1000 Wochen stand es in der Bestsellerliste weit oben. Ich bin sicher, auch einige von Ihnen besitzen es. Etwas boshaft fällt mir natürlich als erstes ein, dass der Autor selbst wohl keine Sorgen finanzieller Art mehr haben dürfte. Ähnliche Erfolge wie diesem sind nur selten Büchern beschieden. Aber natürlich geht es um etwas anderes: die Sorgen, die die Menschen tatsächlich haben. Oder: dass Menschen tatsächlich viele Sorgen haben. Sorgen, die real und gegenwärtig sind und sie bedrücken und ihre Existenz gefährden können. Dabei ist immer wieder zu beobachten, dass es oft nicht reicht, zu unterscheiden, zwischen den Sorgen, die eine reale Bedrohung in sich tragen und den Sorgen, die scheinbar ohne echten Grund entstanden sind.

Der Reiche, der sich sorgt, dass von seinen vielen Millionen etwas Geld verloren geht, muss noch lange nicht fürchten, dass er morgen nichts mehr zum Leben hat. Und dennoch können diese Sorgen ihn zerfressen, ganz real. Was also ist wirklich, was ist eingebildet? Ist die Sorge möglicherweise etwas, welches das Wesen des Menschen ausmacht, ihn hilft, als Menschen zu fassen – im Gegensatz zu den Tieren? So verstehen es einige Philosophen – und in der Tat zeichnet es den Menschen mit aus: dass er überhaupt in der Lage ist, sich Gedanken zu machen und Konsequenzen für sein eigenes Leben zu erfassen. "Was passiert, wenn ich dies oder jenes tue?" Oder: "Wie wird es mir ergehen, wenn dies oder das geschieht?"

Und Sie alle, die Sie unsere Gemeinde kennen, wissen, wie sehr auch wir von Sorgen durchzogen sind. Sorge um den Krankheitsverlauf an einem selber oder bei nahen Angehörigen: "wie wird es weiter gehen?" oder noch mehr: "wird er es schaffen und am Leben bleiben?". Sorgen um den Arbeitsplatz und den guten Ruf, den man bis dato hatte. Sorgen um das sogenannte liebe Geld, besonders wenn es ausbleibt oder weniger wird: "Wie werde über die Runden kommen?". Wir könnten diese Liste fast beliebig erweitern. Was für dicke Bücher könnten wir füllen, wenn wir die Sorgen unseres Lebens tagtäglich darin verzeichneten.

Jesus weiß um die Sorgen der Menschen. Er hat sie wie kaum ein anderer kennengelernt. Weil er heilte und Hoffnung schenkte, kamen die Menschen in Scharen zu ihm und erbaten sich die Befreiung von ihren Leiden. Und dennoch blieb sein Tun auch damals nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Viele wurden nicht gesund; haben nicht von ihm gehört; sind ihm nicht begegnet; konnten ihr Schicksal nicht ändern; sind verhaftet geblieben in dem, was sie umgetrieben hat. Auch das wusste Jesus, genauso wie um die kurze Zeit, die ihm blieb in der Verkündigung und im Heilerdienst, bis er selber den irdischen Tod sterben musste.

Und so spricht er innerhalb der bekannten Bergpredigt auch die Worte dieses Predigtwortes zu uns. Worte, die uns keinesfalls das Sorgen verbieten wollen – es bleibt menschliche Natur. "Euer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft: Essen, Trinken, Kleidung!" – so sagt es Jesus. Und gleichzeitig lenkt er den Blick auf das Wesentliche, auf das also, worum es im Leben geht. "Trachtet nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit!"

Vielleicht haben Sie unseren Gemeindebrief gelesen und dort meine kurze Auslegung zur Septemberlosung. Es ist die gleiche Perikope, nur bei Lukas, die uns dort begegnet. Das, was die Christen auszeichnet, darf und kann also über das normale, menschliche Sorgen hinaus gehen. Das Trachten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. Es ist ein Hoffen, ein Sehnen, welches die Christenheit erfüllen darf. Eine innere Glut oder ein Feuer, das sie antreibt und nicht zur Ruhe kommen lässt, bis es eben jenes Reich gefunden hat. Diese Hoffnung, liebe Gemeinde, ist von außen in uns eingepflanzt – wir haben ein Angeld davon bei unserer Taufe bekommen. Ein Ziel, das uns vor Augen geführt ist – dieses Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Ich hoffe und wünsche es Ihnen, dass Sie dieses Feuer noch in sich spüren können bei all dem, was der Alltag auch an Schwerem für uns bereit hält.

Christus weist in seinen Worten auf dieses Sehnen hin: darin unterscheidet sich der Heide vom Christen. Denn der Christ hofft etwas weiter, sehnt sich etwas mehr, vertraut etwas tiefer als derjenige, der nur sich selber oder die Kraft der Menschen im Blick behalten kann. "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit!" Gottes Gerechtigkeit, das war ja die große Entdeckung und Befreiung Martin Luthers, ist eine Gerechtigkeit, die gerecht macht. Wäre Gott nur ein Richter, der nach vorgegebenem Regelkatalog zu entscheiden hätte, so hätte ja kaum einer von uns eine Chance mit Begnadigung zu rechnen. Auch das gehört ja zum Wesen des Menschen: seine Schwäche. Wer von uns kann schon behaupten, alle seine Wege im Leben gradlinige gegangen zu sein?

Wer von uns kann schon behaupten, nie einen Fehler gemacht zu haben; nie einen Menschen enttäuscht zu haben; nie jemand anderen verletzt zu haben? Es bleibt die Schwäche der Menschen, mit Fehler behaftet zu sein: Übermenschen, diese gefährliche Utopie oder Ideologie vom besseren, reineren, höheren Menschsein hat sich mehr als einmal als brutal und grausam erwiesen. Wäre Gott nur der Richter, so würden wir alle unser Urteil empfangen. Gott aber macht gerecht – er spricht gerecht. Gott richtet auf und urteilt nicht ab. Gottes Gerechtigkeit ist gesetzt durch den Tod dieses Christus Jesus am Kreuz, stellvertretend, ein für alle mal. Weitere Opfer – so sagt es der Hebräerbrief sind nicht nötig, niemals mehr! Gott spricht gerecht heißt auch, dass wir es nicht nötig haben, daran zu glauben, dass der Mensch im Grunde gut ist, sondern dass dem Menschen von Gott her etwas Gutes zugesprochen wird.

Und diese Gewissheit um Gottes Gerechtigkeit verändert unsere Sicht der Dinge. Der Richter, vor dessen Richtstuhl wir alle offenbar werden müssen, wie es Paulus sagt, spricht jeden einzelnen von uns an. Keiner wird übersehen, keiner übergangen. Jeder Mensch wird mit dieser Gerechtigkeit Gottes konfrontiert werden. Und das verändert die Stellung der Menschen untereinander. Denn was als wichtig übrig bleibt, ist eben jenes: Gott spricht mich an, Gott spricht meinen Nachbarn an. Gott lädt ein in jenes Reich, welches mit Christus seinen Anfang nahm.

Unsere Alltagssorgen sind damit nicht weggewischt. Ja, es wäre fahrlässig, wenn ich meinen Schülern sagen würde: "Ihr braucht euch nicht mehr um die Schule zu kümmern!" – oder zu den Kranken: "Du brauchst keinen Arzt mehr aufzusuchen!", aber die Sorge, dass mit irgendetwas von diesen Dinge meine Person, die mir von Gott gegeben wurde, beschädigt oder gar ausgelöscht werden könnte: diese Sorge brauche ich nicht mehr zu haben. Ich bin ein von Gott geliebtes Kind, getauft auf seinen Namen. Welche Macht im Himmel oder auf Erden kann mich von dieser Liebe trennen? Wer etwa nach den Maßstäben unseres heutigen Schulsystems in der Schule versagt, ist deshalb noch lange nicht ein gescheiterter Mensch, seine Person, seine Würde ist damit nicht zerstört und wir müssen aufpassen, dass wir Menschen hier nicht Urteile fällen, die gar nicht möglich sind.

Luther kannte all diese Alltagssorgen und er empfiehlt, sich täglich in die Taufe zu flüchten. Sich bewusst zu machen, dass Gottes Liebe und Gerechtigkeit mir selber gilt: dass ich getauft bin, dass meine Seele und Verlangen nach ihm ausgerichtet sind.

Ich weiß: Krankheit und Not werden dadurch nicht automatisch verschwinden, aber sie können etwas von ihrem endgültigen Schrecken verlieren. Etwas von der Macht einbüßen, die sie oft über uns gewinnen.

Dicke Bücher, habe ich am Anfang gesagt, könnten wir mit unseren Sorgen füllen. Vielleicht sollte man es ganz praktisch anders herum versuchen. Ein Tagebuch etwa mit den Dingen zu füllen, auf die wir mit Dankbarkeit blicken können: ein freundliches Wort, eine liebevolle Geste. Das Wunder der Schöpfung, das wir täglich betrachten und es kaum bemerken. Die Liebe, die uns umgibt durch unsere Nächsten. Im Gottesdienst den Segen spüren, heilsame Worte hören, die die Gewissheit der Liebe Gottes zu seinen Kindern predigt, vertraute Gebete sprechen und Lieder singen, die das Herz berühren. Ja, das Sehnen nach diesem Reiche Gottes wach halten, die Hoffnung nähren. Wie sagt es Lukas so unübertroffen? "Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, der niemals abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb hinkommt und den keine Motten fressen."

Und der Friede Gottes, der uns tragen kann, wie es nichts anderes vermag, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

© Mark Meinhard 2009
http://www.hiltpoltstein-evangelisch.de/

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