Mittwoch, der 20. August 2014
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Pastoralassistent Markus Schrom (katholisch)
über: 1. Korinther 13, 12

Salzburg (Salzburg (Österreich)), am 28.01.2007 (Kirche Gnigl)
Letzter Sonntag nach Epiphanias

Im Johannesevangelium wird folgendes erzählt: Zum Apostel Philippus kommen Pilger aus Griechenland und sagen zu ihm: "Herr, wir möchten Jesus sehen!" (Johannes 12, 21). Sie haben von Jesus gehört, sie haben ihr Bild von Jesus, aber gesehen haben sie ihn noch nicht. Mit dem, was sie zu Philippus sagen, äußern sie einfach einen Wunsch. Mit diesem Wunsch kann ich mich gut identifizieren.

Vielleicht denken Sie jetzt auch noch mal an Weihnachten zurück... Da waren die Hirten und da waren die Sterndeuter. Sie kommen nach Betlehem und können Jesus sehen. Dort in Betlehem erscheint Gott jenseits aller Bilder in Jesus Christus. "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Johannes 14, 9), sagt Jesus einmal.

Vielleicht wäre der Glaube einfacher, wenn ich Gott sehen könnte – und das Leben auch. Dann wären alle Antworten auf alle Fragen schon da. Wie das ist mit den Gottesbildern und mit Gott, davon spricht die heutige Lesung aus dem Ersten Korintherbrief. Da heißt es: "Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie auch ich durch und durch erkannt worden bin" (1. Korinther 13, 12). Paulus greift das Bild von einem antiken Kupferspiegel auf. Was ich darin sehe, ist mehr verschwommen als ein Abbild meiner selbst. Es ist die Sehnsucht des Paulus, klar sehen zu können. Paulus weiß, dass wir uns immer Bilder machen von Gott. Und er sagt: Gott ist mir vertraut. Er hat sich mir selbst offenbart. Ihm kann ich begegnen.

Zugleich ist er aber der ganz andere, der Unverfügbare, der Unverständliche, der alles in Frage stellt. Wenn ich diesem Gott wirklich begegne, dann fällt alles, was ich mir zurechtgelegt habe.

Die Bilder, die ich mir von Gott mache, sind wie der Spiegel. Ich sehe in eine Richtung und sehe darin doch nur meine eigenen Vorstellungen. Aber Gott ist jenseits der Bilder. Er ist der ganz Andere, der Unerklärliche.

Der Theologe Reinhold Bärsch erzählt in einem seiner Bücher folgende Geschichte:

Jemand habe ihm erzählt, "wie er vor Weihnachten für seinen Bruder, der ca. 20 Jahre alt war, ein Geschenk suchte. Bei einem Stadtbummel entdeckte er in einem Trödelladen ein verstaubtes Jesusbild, wie man es vor 50 oder 60 Jahren in den Wohnstuben hängen hatte. Doch es kam ihm gar nicht auf das Bild an. Was für ihn wichtig war, war der Rahmen. Er wollte ihn noch etwas aufbessern und dann einen Spiegel hineingeben [...]. Als er den Spiegel in den Rahmen einpasste, ließ er, ohne sich dabei etwas zu denken, das Jesusbild darunter liegen." Es sei ein schönes Geschenk geworden, das den Bruder viel Freude gemacht hat. "Ein halbes Jahr später fiel ihm der Spiegel beim Umräumen herunter. Das Glas zersprang in viele Stücke. Als der Bruder traurig auf den zerbrochenen Spiegel vor sich auf dem Boden blickte, sah ihn jetzt aus den Scherben heraus Jesus an.
Der Mann sagte, dass er ein halbes Jahr in den Spiegel gesehen habe, hinter dem sich das Jesusbild verborgen hielt, habe ihn sehr berührt." (R. Bärsch, Frisches Brot. Seelsorge, die schmeckt, Freiburg i.Br. u.a. 1999, 145).

In unserem Glaubenskurs im Herbst haben wir gemeinsam darum gerungen, Gott zu verstehen. Als Theologe habe ich im Rede- und Antwortstehen die Fragen gespürt, die mich selbst tief bewegen. Und zugleich habe ich die Grenze der Sprache auch erlebt. "Wer ist Gott wirklich?" Wir haben gemeinsam im Fragen und im Antworten und im Suchen versucht, uns gemeinsam in das Geheimnis Gottes vorzutasten. Letzte Antworten hat wohl keiner von uns gehabt. Manchmal waren am Ende die Fragen noch größer als am Anfang.

Der Glaube zeigt sich, glaube ich, im Fragen und immer Weiterfragen. Die Geschichte von Reinhold Bärsch erzählt, dass, wenn alle Bilder, die ich mir mache – dafür steht der Spiegel –, zerbrechen, dann kommt Jesus zum Vorschein. Das kann einen tief berühren, wie es in der Geschichte heißt.

Im Neuen Testament ist es Paulus, der – ungefragt – zu einer Christusbegegnung kommt: auf dem Weg nach Damaskus. Paulus ist so unterwegs: Gesetzestreu und schnaubend, fest entschlossen gegen die ersten Christen mit aller Gewalt vorzugehen. Dann geschieht es, was Paulus in der Apostelgeschichte so berichtet:

"Als ich nun unterwegs war und mich Damaskus näherte, da geschah es, dass mich um die Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte. Ich stürzte zu Boden und hörte eine Stimme zu mir sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Ich antwortete: Wer bist du, Herr? Er sagte zu mir: Ich bin Jesus, der Nazoräer, den du verfolgst" (Apostelgeschichte 22, 6 – 8). Diese Damaskusstunde ist in die Geschichte der Christenheit eingegangen. Mit ihr hat die Geschichte des Christentums in der heidnischen Welt eigentlich begonnen.

In solchen Damaskusstunden, wie sie Paulus erlebt hat, kann sich das ganze Leben zusammenballen und neu aufgebrochen werden vom Licht und dem Blitzstrahl des Erkennens Gottes. Die Hirten und die Sterndeuter an der Krippe, Paulus und viele andere haben eines gemeinsam: Sie sehen Jesus von Angesicht zu Angesicht. Der Spiegel, mit dem ich nur mich selbst sehe, zerbricht, und Jesus wird sichtbar.

Von Paulus heißt es, dass er blind wurde und an der Hand geführt werden musste (vgl. Apostelgeschichte 9, 8). Paulus beginnt mit den "Augen des Herzens" (Epheser 1, 18) zu sehen. Er beginnt zu verstehen, dass alles, was ihm bisher wichtig war und wofür er gekämpft hat, plötzlich wertlos wird, weil die "Erkenntnis Christi alles übersteigt" (vgl. Epheser 3, 19). Für Paulus ist vor Damaskus der Spiegel seiner Vorstellungen zerbrochen. Damaskusstunden geschehen immer wieder und auf verschiedenste Weisen. Damaskus kann überall sein. Und es trifft nicht nur Paulus.

Und trotzdem: Jede Gotteserfahrung ist trotz allem gekennzeichnet von meinem Menschsein. "Gott pur" gibt es hier nicht. Alles kann mich aber tiefer hineintreiben in Gott.

Ich glaube auch, manche theologische oder kirchliche Diskussion heute würde anders verlaufen, wenn sie von "Damaskus" oder "Betlehem" durchdrungen wäre; sie wäre bescheidener.

Letztlich geht es darum, Gott Gott sein zu lassen und zu Staunen. Gott ist voller Überraschungen. Er ist so voller Überraschungen, dass Jesus in Nazareth nicht verstanden wird. Jesus sagt im Evangelium: Das Heil ist dort zu finden, wo Glaube ist: die Witwe von Sarepta und der Syrer Naaman waren beide Heiden. Jesus stört mein Gottesbild. Er provoziert ein neues, das die alten Grenzen überschreitet. Jesus fordert die Menschen in Nazareth heraus, die Bilder von einem Gott zu zerstören, die wir uns selbst zurechtgelegt haben.

"Herr, wir möchten Jesus sehen!" (Johannes 12, 21). Wenn dann einmal der Spiegel zerbricht und ich Jesus sehen kann – so wie die Hirten, so wie die Sterndeuter oder wie Paulus ihn erlebt hat, dann wünsche ich mir, dass ich dann sagen kann, was Paul Gerhardt im Lied "Ich steh an deiner Krippe hier" sagt:

"Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht satt sehen; / und weil ich nun nichts weiter kann, / bleib ich anbetend stehen. / O dass mein Sinn ein Abgrund wär / und meine Seel ein weites Meer, / dass ich dich möchte fassen"
(Gotteslob 141, 4).

Ich lade Sie, dass wir gemeinsam dieses Lied singen: Nummer 141, ab der 1. Strophe.

© Markus Schrom 2007
http://www.pfarregnigl.at

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