Montag, der 6. September 2010
Predigt herunterladen als PDF, als Text oder per eMail versenden

Karl-Heinz Rudishauser (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Staufen im Breisgau (bei Freiburg im Breisgau), am 30.04.2000
Quasimodogeniti

Predigtziel: "Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen. Nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle." (1.Thesselonicher 5, 14)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen.

Liebe Schwestern und Brüder

Einleitung

Wissen sie was das ist? Eine Schallplatte? Nein, das ist der Aufhänger für meine Predigt! Die Platte trägt den Titel "Celebration" (= Feier, Feiern) und dahinter verbergen sich renommierte Jazzmusiker, die in den unterschiedlichsten Bands gespielt haben: bei so wohlklingenden Namen wie Chickorea, John McLaughlin, Paco de Lucia u.a. So weit so gut - aber was hat dies mit dem heutigen Gottesdienst zu tun?

Diese Musiker haben sich hin und wieder zusammengefunden um gemeinsam Musik zu machen weil, und nun kommt das entscheidende, sie Christen sind und weil sie mit ihrer Art von Musik Jesus groß machen und ihm die Ehre geben wollen! Und so haben sie sich den Namen koinonia = Gemeinschaft gegeben! Und jetzt sind wir wieder beim Thema dieses Gottesdienstes.

Was aber ist Gemeinschaft und wie kommt sie zustande? An vielen Stellen unseres Lebens begegnet uns dieser Begriff: in der Schule in Form der Klassengemeinschaft; in unserer Gesellschaft in Form der Solidargemeinschaft; und dann sicherlich auch weniger explizit formuliert in Vereinen und Gruppen, wo wir auch von Gemeinschaft reden, und nicht zuletzt auch in unseren Kirchen und Gemeinden. Und um diese letzte Form der Gemeinschaft soll es im folgenden gehen.

Obwohl der Begriff Gemeinschaft im Neuen Testament nur 21 (!) mal vorkommt, ist er für uns Christen ein zentraler Bestandteil. Lassen sie mich im folgenden auf drei Merkmale eingehen, die wir beim Thema "Gemeinschaft" nicht aus den Augen verlieren sollten.

1. Wir sind in die Gemeinschaft Jesu berufen!

Wenn wir heute morgen zusammengekommen sind, so haben wir uns diese Gemeinschaft nicht ausgesucht! Wir sind hier zusammen gekommen, weil wir Gottesdienst feiern, weil wir Gott anbeten, Gott loben und auf sein Wort hören wollen, weil "...ihr berufen worden seid in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn." (1. Korinther 1, 9). Wir stellen IHN in den Mittelpunkt, wollen mit IHM und seinem Sohn Gemeinschaft haben.

Noch einmal: Wir haben uns die Gemeinschaft nicht ausgesucht und können sie uns auch nicht aussuchen! Sie glauben mir nicht? Ihr Argument: Ich kann mir doch aussuchen wohin ich gehe, welcher Gemeinde ich angehöre, welchen Gottesdienst ich besuche. Richtig, das können sie schon, aber ich frage sie: Können sie deswegen auch die Gemeinschaft aussuchen? Es mag schon so sein, dass wir die Gemeinde, den Gottesdienst, den Hauskreis nach dem auswählen ob uns die Menschen die wir dort antreffen sympathisch sind, uns die Gottesdienstform anspricht, uns die Predigt gefällt oder nicht. Und natürlich haben diese Dinge auch einen entscheidenden Einfluss darauf, ob ich mich wohlfühle oder nicht! Und trotzdem stelle ich die Frage, ob ich mir damit auch die Gemeinschaft aussuchen kann?

An dieser Stelle müssen wir uns fragen, was Gemeinschaft unter Christen ist, was Gemeinschaft unter Christen ausmacht. Kommt sie dann zustande, wenn wir einer Meinung sind? Wird Gemeinschaft dann möglich, wenn unsere Liturgie endlich lebendiger und vielgestaltiger wird und sich auch die jungen Leute wohl fühlen? Ich möchte die Liste weiterer Argumente und Vorstellungen nicht fortsetzen, sondern zwei Aussagen in den Raum stellen:

"Unsere Gemeinschaft besteht allein in dem, was Christus an uns beiden getan hat, und das ist nicht nur im Anfang so, so dass im Laufe der Zeit noch etwas anderes zu dieser Gemeinschaft hinzukäme, sondern es bleibt so in alle Zukunft und in alle Ewigkeit." oder noch etwas kürzer: "Gemeinschaft mit anderen habe ich und werde ich haben allein durch Jesus Christus."

Ausgehend von dieser Definition von Gemeinschaft möchte ich meine Aussagen nun auch begründen und rufe dazu nochmals in Erinnerung, dass es nicht um Gemeinschaft im allgemeinen geht, sondern um die Gemeinschaft unter Christen! Und wenn wir von der Gemeinschaft unter Christen reden, dann geht es gleichzeitig immer auch um die Gemeinschaft mit Christus. Wenn wir als Christen zusammenkommen, stellen wir Jesus in den Mittelpunkt. Dies tun wir nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil Gott an uns gehandelt hat, ER uns ein neues Leben geschenkt hat.

Damit sind wir aber auch hineinberufen in die Gemeinschaft mit Jesus und damit letztlich in die Gemeinschaft mit allen Christen. Wenn wir im Namen Jesu zusammenkommen, unter sein Wort, dann haben wir Gemeinschaft mit IHM und haben Gemeinschaft mit anderen. Greifbar, spürbar wird dies, wenn wir miteinander Abendmahl feiern (1. Korinther 10, 16) Christliche Gemeinschaft beginnt nicht dann, wenn mir die Meinung des anderen hineinläuft oder mir seine Nase passt, christliche Gemeinschaft ist dort, wo wir Jesus in den Mittelpunkt stellen. Jetzt sind wir aber genau an dem Punkt, wo uns die Gemeinschaft allzu oft durch die Finger gleitet. Dann, wenn uns die Art der Schwester nicht passt oder ich die Meinung des Bruders nicht teile, es in der Gemeinde nicht so läuft wie ich mir das vorstelle.

An dieser Stelle möchte ich nochmals Paulus zu Wort kommen lassen: "damit ich Christus gewinne... um ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden zu erkennen..." (Philipper 3, 8 + 10). Paulus grenzt das Leiden aus dem Leben eines Christen nicht aus. Wir sind hineingenommen in die Leiden Jesu und wir werden möglicherweise auch hineingenommen in persönliches Leid. Und Leiden sehe ich im Zusammenhang mit dem heutigen Thema nicht nur als körperliches oder seelisches Leid.

2. Durch die Gemeinschaft mit Christus nehmen wir teil am Leben anderer

Für Paulus endet Gemeinschaft nicht dann, wenn das Leiden anfängt, auch das Leiden an der Schwester oder dem Bruder in der Gemeinde mit dem ich einfach meine Mühe habe. Gemeinschaft vollzieht sich nicht nur auf einer "symbolischen", "mystischen" Ebene, sondern vollzieht auch in unserem täglichen Leben. Im Miteinander unserer Gemeinde, im Miteinander in unseren Gottesdiensten, Gruppen und Kreisen. Wenn wir darüber nachdenken, fällt uns wahrscheinlich die erste Gemeinde in Jerusalem ein, von der es heißt (Apostelgeschichte 2, 42): "Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten." Schön finde ich den Ausdruck "verharren". Denn auch in dieser Gemeinde gab es Schwierigkeiten und Probleme. Da gab es Probleme auf zwischenmenschlicher Ebene und auch auf geistlichem Gebiet. Vielleicht nicht ganz so krass wie in Korinth, aber Probleme waren vorhanden.

Das, was uns so optimal erscheint, dass man alles gemeinsam hatte und teilte, barg auch manchen Konflikt. Ich glaube nicht, dass alle ein Herz und eine Seele waren, denn es gab einige, die fühlten sich benachteiligt, zurückgesetzt und vernachlässigt. Aber: wir hören nichts, dass da ausgeschert wurde und ein eigenes Süppchen gekocht wurde. Nein, man blieb zusammen, man stellte die Sache Jesu über die menschlichen Unzulänglichkeiten und suchte nach Lösungen. Und da gab es wohl in der Gemeinde welche, die trauten sich diese Dinge anzusprechen. Und so nahm man Anteil am Leben des anderen.

Paulus fordert in seinen Briefen immer wieder dazu auf, die Stärken und Schwächen des anderen zu akzeptieren, ihn zunächst einmal so anzunehmen wie er ist. Römer 15, 7 "Deshalb nehmt einander auf, wie auch der Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit!" Warum sollten wir das denn tun? Ganz einfach: weil Gott das auch getan hat! Wenn Gott uns annimmt trotz unserer Fehler, trotz meiner Unzulänglichkeiten, warum sollte ich desgleichen nicht auch bei anderen tun? Da muss ich mich immer wieder fragen, was ich mir anmaße, an anderen herumzumäkeln. Dass dies so ist, darunter leide ich und leidet wohl die ganze christliche Gemeinde.

Aber es ist nun einmal so, auch wenn wir es gerne anders hätten: "... unser Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott." (Kolosser 3, 3) und "... es ist noch nicht offenbart was wir einmal sein werden" (1. Johannes 3, 2). Es wäre einfach zu schön, wenn wir nur einen Hebel umlegen könnten und alles wäre neu und so umsetzbar wie Paulus an die Korinther geschrieben hat "Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2. Korinther 5, 17). Aber es war derselbe Paulus der geschrieben hat: "Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht." (Römer 7, 18). Und dieses "Wollen", oft von Herzen wollen auf der einen Seite und das "nicht vollbringen können" auf der anderen wirkt auch hinein in unsere Gemeinschaft!

Aber genau dann zeigt christliche Gemeinschaft ihre Stärke, dann wenn das Leiden beginnt, dann, wenn ich mich nicht aus der Gemeinschaft davonlaufe und mich in eine "Kuschelgemeinschaft" ausklinke, sondern Anteil nehme am Ergehen des anderen und seine Schwächen und seine Stärken aushalte. Und hier findet auch das Stichwort aus der Vorbereitungsgruppe dieses Gottesdienstes seinen Platz, dass wir aufrichtig miteinander umgehen.

3. "Gemeinschaftskiller"

Woran scheitert unsere Gemeinschaft, wenn man überhaupt von scheitern reden kann? Dazu gäbe es viel zu sagen und so möchte ich an dieser Stelle den Fokus auf einen Gesichtspunkt richten.

Wir alle tragen ein Wunschbild in uns, wie christliche Gemeinschaft auszusehen hat. Dieses Bild wurde und wird aus den unterschiedlichsten Quellen gespeist. Und an diesem Wunschbild halten wir mehr oder weniger fest. Wir wollen "Friede, Freude, Eierkuchen". Wir haben in vielen Bereichen unseres Lebens Auseinandersetzungen, Diskrepanzen und sogar Streit: Arbeitsplatz, Familie, Lebenspartner, Freunden. Darum wünschen wir uns für die Gemeinde etwas anderes. Solch ein Wunschbild ist zunächst ja nichts verwerfliches. Zum Problem wird es aber dann, wenn es erstens, Zitat: zur "... Verwechslung von christlicher Bruderschaft mit einem Wunschbild frommer Gemeinschaft..." kommt und zweitens dieses Wunschbild zur Meßlatte für andere und für mich selbst wird. Und sobald wir diese Meßlatte anlegen, beginnen wir die von Christus geschenkte Gemeinschaft zu unterhöhlen.

Zitat: "Eine Gemeinschaft... die also an dem Wunschbild festhält, wenn es ihr zerschlagen werden soll, verliert zur selben Stunde die Verheißung christlicher Gemeinschaft auf Bestand, sie muss früher oder später zerbrechen."

Überwinden werden wir nur, wenn wir uns den Vers aus dem Philipperbrief zu Herzen nehmen und lernen was Paulus an die Philipper geschrieben hat: nichts aus Eigennutz oder um eitler Ruhmsucht zu tun, sondern in Demut einer den anderen höher zu achten als sich selbst (vergleiche Philipper 2, 3). Für mich bedeutet dies dann auch, mein Wunschbild zu überwinden und mein Anspruchsdenken abzulegen. Gemeinschaft stirbt nicht an unseren Stärken oder Schwächen, hängt nicht an unserem Unvermögen oder unseren Fehlern, sondern an unseren Ansprüchen wie Gemeinschaft und vor allem die anderen sein sollten und an unserer eigenen Selbstüberschätzung.

Schluss

Bleibt am Schluss die Frage, wie wir, sie und ich mit diesem Thema umgehen. Im Nachdenken über dieses Thema habe ich neu gelernt, dass Gemeinschaft unter Christen ein Geschenk Gottes ist. Sie nicht von mir und anderen abhängt, sondern von Christus gegeben ist.

Gemeinschaft dann Raum gewinnt, wenn ich Christus in den Mittelpunkt stelle, nach ihm Frage und mein eigenes Wunschbild und meine Ansprüche aufgebe. Dass mir dies gelingt, dazu gebe mir Jesus die Kraft und daran will ich arbeiten!

Amen.

© Karl-Heinz Rudishauser 2000
http://www.rudishauser.homepage.t-online.de

Weitere Predigten
 von: Karl-Heinz Rudishauser 
 zu: Quasimodogeniti 
 über: ohne konkreten bibl. Bezug  
Predigt im PDF-Format herunterladen
Predigt als Textdatei herunterladen
Predigt als Doc-Format für den PalmPilot
Predigt als eMail versenden

 

Powersearch  Die Bibel  Startseite  NEPOMUK  Impressum  Zurück