Donnerstag, der 9. September 2010
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P. i. R. Dr. Albrecht Weber (evangelisch)
über: Philipper 3, 7-14

Tann / Rhön, am 01.08.2010 (Stadtkirche)
9. Sonntag nach Trinitatis

VORBEMERKUNG:
Ich empfehle, als gottesdienstliche Lesung die Epistel in der revidierten Lutherfassung zu verlesen, dann aber am Ende der Predigt als verfremdende Vertiefung die gelungene moderne Fassung von Ulrich Wilckens vorzutragen. Die in Klammern gesetzten Sätze sind nur für die Stadtkirche Tann/Rhön gedacht, in der die Predigt im Rahmen einer Urlaubsvertretung gehalten werden soll.


Liebe Gemeinde!

Man kann es sich nicht vorstellen, dass langjährige Erfolgsfirmen wie etwa Karstadt und Quelle pleite sind, Milliarden an Euro verloren haben, Mitarbeiter entlassen und ihre Warenhäuser verkaufen mussten. Insgesamt mussten im vorigen Jahr nahezu 33.000 Unternehmen in Deutschland Insolvenz anmelden. Hinzu kommen für 2009 noch ca. 130.000 Privatinsolvenzen. All das hatte menschliche Dramen zur Folge. Für die Betroffenen und ihre Familienangehörigen gingen oft mit dem Verlust des Arbeitsplatzes Selbstzweifel sowie verschiedene Krankheiten und Depression einher.

Bei einer Insolvenz sieht die Bilanz verheerend aus. Kann auch ein menschliches Leben in geistiger Insolvenz enden? WAS WIRD EINST VOR DEM RICHTERSTUHL GOTTES DIE BILANZ MEINES LEBENS SEIN? WAS KANN VOR IHM BESTAND HABEN? WAS WIRD GOTT BEEINDRUCKEN?

Wird es Gott am Tage der Rechenschaft beeindrucken, wenn andere von uns sagen: Er oder sie war arbeitsam, zuverlässig, fleißig, ordentlich, gebildet und strebsam?

Wir können es sehr gut am Leben des PAULUS sehen. Seine Gerechtigkeit, die er durch genaue Beachtung aller Vorschriften des göttlichen Gesetzes zu erringen meinte, reichte Gott nicht aus.

Es gab da Lücken, es gab da Unvollkommenheiten (Römer 7). Jesus begegnete daher dem Paulus auf dem Weg nach Damaskus als der für uns gekreuzigte und auferstandene HERR und schenkte Paulus nicht nur ein neues Leben, sondern auch einen neuen Lebensinhalt. Er schenkte ihm um Christi willen eine vollkommene Gerechtigkeit, die Paulus aus eigener Kraft nicht hätte zuwege bringen können (Römer 8, bes. Verse 1 + 29 - 39).

EIN NEUES LEBEN, EIN NEUER LEBENSINHALT, EINE NEUE LEBENSMITTE UND EIN NEUES LEBENSZIEL! Das gilt, liebe Gottesdienstteilnehmer, seit unserer Taufe auch für Dich und für mich! Was aber bedeutet das wirklich?

Liebe Gemeinde! Es bedeutet:

1. Ich habe einen GEWINN geschenkt bekommen, der sich nicht wie bei riskant spekulierenden Zeitgenossen, Banken und Firmen morgen schon als Riesenverlust zeigen kann, sondern einen Gewinn, den nicht einmal Leiden und Tod besiegen können.

2. Aus dieser Einheit mit meinem Erlöser erwächst ein unermessliches Geschenk: ICH BIN GOTT RECHT! Gott sieht mich umhüllt von meinem Erlöser und Anwalt, der meinen Schuldschein beglichen und vernichtet hat.

3. Daraus entsteht eine GROSSE GELASSENHEIT. Ich fühle mich nicht von hinten gejagt, sondern von vorn her gezogen.

Ich kann aus dieser Gelassenheit den Leitgedanken folgen, nach denen der schwerkranke Papst Johannes XXIII. sein enormes Arbeitspensum schaffte. Darin heißt es unter anderem:

"Nur für heute werde ich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.
Nur für heute werde ich mich den Gegebenheiten anpassen, ohne zu verlangen, dass sich die Gegebenheiten meinen Wünschen anpassen.
Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich eigentlich keine Lust habe.
Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für Glück geschaffen bin."

4. Wie Paulus FASZINIERT MICH CHRISTUS WIE KEIN ANDERER: Ich möchte ihm immer näher kommen, – immer mehr in seiner Gemeinschaft sein, - ihn dadurch immer besser kennenlernen.

a) Ich möchte wie Paulus DIE KRAFT SEINER AUFERSTEHUNG KENNENLERNEN, d.h. die Kräfte der zukünftigen Welt, den Sieg über alles Unheil, die Nähe zu Gott in meinem Leben spüren.

b) ICH MÖCHTE WIE PAULUS DIE GEMEINSCHAFT SEINER LEIDEN IMMER TIEFER ERFAHREN: Das heißt: Immer dann, wenn mir Gott ein Leid, eine Traurigkeit oder eine Enttäuschung zumutet, möchte ich dadurch meinem Herrn Christus näherkommen, der durch Leiden die Welt erlöst hat.

Ich möchte mit Blaise Pascal beten:

"Vater im Himmel, ich bitte weder um Gesundheit noch um Krankheit,
weder um Leben noch um Tod, sondern darum, dass du über meine Gesundheit und meine Krankheit, über mein Leben und meinen Tod verfügst zu deiner Ehre und meinem Heil." (ANM. I)

c) Ich möchte durch Pflege der FREUNDSCHAFT MIT JESUS (Johannes 15, 13f.) Gott immer besser kennenlernen, den Jesus als seinen und unseren Vater (Johannes 20, 17) bezeichnet hat. Dies hat er besonders eindrucksvoll in dem Gleichnis von dem unerhört großzügigen und barmherzigen Vater und dem Sohn getan, der alles verspielt hatte, aber von seinem Vater allem Scheitern zum Trotz wieder auf- und angenommen wurde (Lukas 15, 11 - 32).

d) MEIN LEBEN IST FORTAN EIN LEBEN DER HOFFNUNG (Römer 8, 16 - 25).
Oft habe ich bei Trauerbesuchen die trauernden Angehörigen gefragt:
"Hatte der Verstorbene Hoffnung auf ein Leben nach Tod?" Meistens habe ich die Antwort erhalten: "Sie oder er hat nie darüber gesprochen."
Würde man aber über etwas beharrlich schweigen, was einem wichtig ist?

e) Auf der eindrucksvollen Dreifaltigkeitssäule im Altarraum der Stadtkirche Delmenhorst hat der Künstler Karl Henning Seemann in der Mitte eine schrecklich ausgemergelte LEIDENSGESTALT dargestellt und dabei einen Häftling des KZ Buchenwald vor Augen gehabt.
Viele Betrachter fühlen sich von dieser Plastik abgeschreckt: Das Bild eines Leidenden flößt ihnen Angst ein, sie finden es darum auch hässlich.

Wenn wir aber einmal in unserem Leben wirklich erfahren haben, was Ostern bedeutet, wenn wir die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen erfahren haben, fühlen wir uns ERMUTIGT, AUCH AUF DAS LEID UND AUF LEIDENDE ZUZUGEHEN.

Wir werden dann das Leid nicht in endlosen Krankheitsgeschichten breittreten und banalisieren, sondern es als einen Treffplatz entdecken. Hier können wir dem liebenden Gott besonders schnell begegnen und ihm nahekommen.

5. Liebe Gemeinde!
Paulus hält nichts von einer christlichen Selbstgefälligkeit, einer christlichen Sicherheit und einem christlichen Stillstand. Er sagt vielmehr. "Nicht, dass ich`s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin." In dieser Haltung des Paulus begegnet uns eine eindrucksvolle, von Gott in ein Christenleben gelegte Dynamik.

So ist unser christliches Dasein alles andere als Wiederkehr des immer Gleichen, sondern eine Wanderung, (wie wir sie hier in der schönen Rhön bestens kennen).

Zu solchen Wanderungen gehören Anstrengungen wie auch Ruhe- und Rast-, ja Erholungspunkte. Jeder Gottesdienst, der uns Gemeinschaft mit Gott wie auch mit unseren Mitchristen vermittelt, ist ja solch ein Rastpunkt, an dem uns auch die herrliche Musik einen Vorgeschmack von dem gibt, was wir im Himmel erwarten. Denn auch da wird musiziert werden, auch da wird Gott gelobt werden, freilich in himmlischer Schönheit und Vollendung!


MARTIN LUTHER, (dessen Bild wir in einem der Buntglasfenster dieser eindrucksvollen Tanner Stadtkirche sehen), hat einmal sehr treffend die Gedanken des Paulus aufgegriffen und so ausgedrückt:

"Das christliche Leben ist nicht Frommsein, sondern Frommwerden, nicht Gesundsein, sondern Gesundwerden, nicht Sein, sondern Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht, wir werdens aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glühet und glänzet noch nicht alles, es bessert sich aber alles." (WA 7,S. 336)

Das christliche Leben ist nach Paulus DAS JAGEN NACH EINEM GROSSEN ZIEL.
Hierfür brauchen wir KEIN DOPING, wie es immer wieder im Leistungssport in unfairer Weise geschieht, wir brauchen AUCH KEINE SONSTIGEN AUFPUTSCHMITTEL.

Auch UNFAIRE TRICKS, wie sie bei dem Formel 1 Rennen üblich sind, sind hier unnötig, vielmehr nimmt Gott in Christus an unserem normalen Leben Anteil, an unserem Leben mit seinen Höhen und Tiefen, mit Freud und Leid, aber auch mit seinen Unvollkommenheiten.

Und doch ist es ein Leben mit IHM, der von sich sagt: "ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich." (Johannes 14, 6)


Hören wir noch einmal den Auszug aus dem Brief des Paulus an die Christen in der griechischen Stadt Philippi, diesmal in der neuen Übersetzung von Ulrich Wilckens:

"Was mir Gewinn war, das steht bei mir um Christi willen auf der Verlustseite. Jawohl, das alles buche ich als Verlust; denn Jesus Christus, meinen Herrn, erkannt zu haben, das ist mir unendlich viel wichtiger; um seinetwillen habe ich das alles abgeschrieben ja, für Dreck halte ich es, um Christus zu gewinnen.

Bei IHM soll Gott mich finden als Menschen, der Gerechtigkeit nicht aus dem Tun des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Christus hat: die Gerechtigkeit, die mir von Gott her zukommt aufgrund des Glaubens!

Christus gilt es zu erkennen, die Macht seiner Auferstehung und die Teilnahme an seinen Leiden. Mit seinem Tode soll mein Geschick verbunden sein, um dann einmal zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

Nicht als ob ich es schon in die Hand bekommen hätte oder schon vollendet wäre! Doch ich setze alles daran, es zu ergreifen, weil ich ja von Christus ergriffen bin.

Brüder (und Schwestern, A.W.), ich schätze mich noch nicht so ein, alles hätte ich schon alles in der Hand. Mir geht es nur um das eine: ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich dem entgegen, was vor mir liegt. Ich jage auf das Ziel zu, den Siegespreis, der auf die wartet, die Gott zu sich hinauf berufen hat, in Christus Jesus."

Amen


Anmerkungen:

ANM. I:
Das Gebet Pascals hat folgende Fortsetzung:

"Du allein weißt, was mir dienlich ist. Du allein bist der Herr, tue, was du willst.
Gib mir, nimm mir, aber mache meinen Willen dem deinen gleich. So gib denn, Herr, dass ich, wie ich auch sei, mich in deinen Willen einordne; und dass ich als Kranker dich verherrliche in meinen Leiden. Vereinige mich mit dir; erfülle mich mit dir und deinem heiligen Geiste. Gehe ein in mein Herz und in meine Seele, um meine Leiden darin zu tragen, damit ich, ganz erfüllt von dir, nicht mehr selbst es bin, der lebt und leidet, sondern damit du es bist, der lebt und leidet in mir, o mein Heiland!
Amen."

© Albrecht Weber 2010

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