Mittwoch, der 30. Juli 2014
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P. Carsten Sauerberg (evangelisch)
über: kein konkreter bibl. Bezug

Heiligenhafen (bei Kiel), am 31.10.2010 (Stadtkirche)
Gedenktag der Reformation

Liebe Gemeinde!

Lange waren die beiden nicht mehr in der Kirche. Vielleicht zu Weihnachten das letzte Mal. Aber dann kam dieses Sarrazinbuch und die Diskussion über die Rede vom Bundespräsidenten: Islam-Deutschland-Christliches Wertefundament und so weiter. Da kamen die beiden ins Nachdenken. Wer sind wir eigentlich? Also: Wir. Evangelisch...ja, aber was ist Evangelisch? Lass mal hingehen. 31.10. Reformationstag. Der Tag der Evangelischen. Weißt noch, früher mit der ganzen Schule zur Kirche... "Ein feste Burg" im Musikunterricht vorher gelernt...nach der Kirche schulfrei... Luther, das war doch der, der den Teufel mit dem Tintenfass bewarf...na, ja, andere Zeit, wir glauben ja nicht mehr an Teufel...oder vielleicht doch? Es gibt ja doch sehr viel Böses in der Welt, abgrundtief Böses.

Na, nun sitzen die beiden am Sonntagmorgen in der 10. Reihe – so weit vorne, das macht man ja nicht. Am Reformationstagssonntag. Und das alt bekannte Lied erklingt. "Ein feste Burg ist unser Gott". "Ein gute Wehr und Waffen". "Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen..." "Der alt böse Feind..." Na, man kennt es doch auswendig. Einmal in der Schule gelernt, das sitzt. Wer sind wir eigentlich? Hier spüren wir es...hier kommt es aus der Seele, eingeprägt...das ist unser Glaube, unsere Identität. Nicht die ganze Identität, aber das gehört dazu, sowie bei den Katholischen Fronleichnam, Karneval und Ave Maria. Und bei den Moslems vielleicht Ramadan und Mekka und so. Da wird man hinein geboren und hinein geprägt, das sucht man sich nicht aus, sondern das ist mit der Wiege mitgeliefert.

Hätten unsere Wiegen in Köln oder Istanbul gestanden, dann…aber haben sie nicht…wir schweifen ab... Er geht auf die Kanzel, der Pastor. Es wird still. Gespannte Stille. Jetzt sagt er uns Gottes Wort.

Er redet von Rechtfertigung nur aus Glauben und von der Liebe Gottes, die jeden liebt ohne das er sich das verdienen muss und von Luther und... Gedanken schweifen ab. Liebe. Damals, denkt er, in den 60ern. Ich war ein Flüchtlingskind, wir hatten nichts. Weder Name noch Besitz. War alles verloren. Barackenlager, dann Mietwohnung, die Eltern träumten von Ostpreußen und vom Zurückgehen nach Pillau, und ich träumte, wie John Lennon singen zu können und einen Mercedes zu fahren. Und sie, meine jetzige Frau, sie liebte mich, sie war aus gutem Hause, eine alte Bauernfamilie, viele Hektar, Tradition, Schwiegereltern hielten mich, den Flüchtlingsbengel mit den Flausen im Kopf, nicht gerade für die standesgemäße Partie, aber sie, meine Frau, sie liebte mich, ich hatte nichts vorzuweisen außer mich und meine Träume und Flausen im Kopf, und sie liebt mich heute noch.

So ist Gott - wie meine Frau. Er drückt ihre Hand. Am liebsten hätte er sie jetzt geküsst. Aber das geht ja nicht in der Kirche. Macht man da nicht... Ich bin geliebt, auch wenn meine Hände leer sind. Toller Gedanke, auf Gott ist eben Verlass, ob Gott vielleicht auch in meiner Frau lebt...sie ist ja auch meine feste Burg... Er wohnt ja auch in dem, der da vorne am Kreuz hängt, der hat nur noch leere Hände und doch ist da die Liebe lebendig.

Der Pastor redet immer noch. Jetzt ist er bei Jesus und beim Kreuz. Gottes Liebe ist so groß und tief, dass sie bis ins Leiden und Sterben hinunterreicht, auch da ist niemand Gott verlassen. So ähnlich sagt er es. Der Pastor. Und zeigt auf das Kreuz überm Altar. Sieh hin, da ist Gott auch noch und gerade auch da.

Ach, denkt sie, Leiden. Was haben wir geweint, mein Mann und ich, als unsere Älteste uns genommen wurde. Und gehadert und geschimpft und auch ein bisschen gehasst, ja, diesen betrunkenen Autofahrer und dieses bösen Gott, der uns das antut auch gehasst. Aber dann hat die Nachbarin gesagt: Hass macht hart und bitter. Und dann kannst Du nicht mehr leben. Und sie gab ihr ein kleines Kreuz, so ein Kitschsouvenir aus Bronze, nichts Besonderes, ab sie sagte, halt dich daran fest, damit du wieder aufstehen kannst. Und dein Mann auch. Die Nachbarin, eine fromme Frau. Sie hatte Recht. Luther nahm das Tintenfass, wir nahmen das Kreuz. Und das Böse wich aus den Herzen. Das Grab ist nun bald abgelaufen, die anderen beiden Kinder sind auch schon groß, unsere Freude, dass sie uns immer noch vertrauen und gerne zu uns kommen. Ein feste Burg...unser Gott...hilft uns frei aus aller Not. Stimmt.

Und sie drückt seine Hand, und hätte ihn am Liebsten jetzt umarmt und tut es nicht, weil: das tut man ja nicht in der Kirche. Aber es ist wahr: Die Liebe lässt uns auch im Dunkelsten nicht los. Eigentlich müssen wir vor nichts Angst haben. "Darum fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen." Auch so eine Zeile aus dem Lied von Luther.

Der Pastor redet weiter. Liebe Gottes verpflichtet uns zur Nächstenliebe. Hat uns Gott so geliebt, so lasst uns auch einander lieben. Bibelvers. Johannesbrief. Kenn ich, sagt er, hat man in unserer Trauung damals auch vorgelesen, glaub ich. Ja, das mit der Nächstenliebe, das muss ja nun noch kommen. Wir sind ja evangelisch, ohne etwas Moral aus der Geschicht geht es nicht. Eigentlich will er jetzt abschalten. Die Gedanken von eben nicht verlieren, die mit der Liebe. Aber dann fällt sein Blick auf drei Konfirmanden in der Bankreihe nebenan. Ja...wie sie da so sitzen, anders angezogen natürlich als er damals, aber die gleiche Körperhaltung, bisschen cool die Jungs, das Mädchen ein wenig frech, aber auch wieder unsicher, alle drei eigentlich ein wenig unsicher. So waren wir auch damals, denkt er.

So war ich auch wie der Kleine da mit den braunen Haaren... Flausen im Kopf...und er beginnt, diesen Jungen irgendwie gern zu haben. Nächstenliebe. Hat uns Gott so geliebt, so lasst uns auch einander lieben.

Der Pastor sagt nun: Amen. Und die beiden denken: War gut, wieder hier zu sein. Zu Hause. Evangelisch. Reformationstag. Ein feste Burg. Draußen vor der Tür sagt er zu den Konfirmanden: Ihr seid schon in Ordnung. Und die gucken etwas verdattert. Und seine Frau gibt ihm einen Kuss.

Amen

© Carsten Sauerberg 2010

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